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Erinnern und Gedenken: “Persönlich ansprechen und berühren”

Was bedeutet Gedenken heute? Im Interview spricht die kirchliche Antisemitismusbeauftragte und Expertin für erinnerungskulturelle Formate Marion Gardei über die Chance von Ritualen und Verantwortung.

Kranzniederlegung am Holocaust-Gedenktag am 27. Januar 2025 in Köln
Kranzniederlegung am Holocaust-Gedenktag am 27. Januar 2025 in KölnImago / NurPhhoto

Wie erinnern wir, wenn Zeitzeuginnen und Zeitzeugen fehlen? Welche Rolle spielen Rituale, Kunst, digitale Formate und kirchliche Spiritualität? Und wo beginnt Selbstentlastung? Die Theologin und Antisemitismusbeauftragte der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), Marion Gardei, spricht im Interview mit Karola Kallweit über Chancen und Grenzen kirchlicher Erinnerungskultur, über Verantwortung in der Gegenwart und über die Bedeutung von Gedenken in einer Migrationsgesellschaft.

Frau Gardei, gibt es eine richtige Form des Gedenkens oder viele gleichberechtigte Formen von Gedenken?
Es gibt gewiss mehrere Formen des Gedenkens. Inhaltlich muss es das Erinnern als Vermittlung von Fakten enthalten: Woran erinnert man, was ist geschehen? Und es sollte Elemente des Gedenkens enthalten, als einen spirituellen Moment, wo man an die Opfer erinnert. Das sind die zwei Ebenen: Wir gedenken, um die an die Opfer zu erinnern und eben auch, um zu informieren, was beispielweise in der Nazizeit geschah, damit sich so etwas nicht wiederholt.

Wie wird sich Gedenken zum Beispiel an die Shoah verändern, wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt? Kann Erinnerung ohne dieses persönliche Erleben dieselbe Wirkung entfalten?
Dieser Prozess ist schon seit einigen Jahren im Gange. Natürlich kann man die Zeitzeugen nicht einfach ersetzen. Aber ich glaube, wenn man sich in die Biografien dieser Menschen vertieft, jüngere Leute anleitet, in Archiven nachzuforschen, dann werden sie auch persönlich berührt. Grabe, wo du stehst, an den Orten, wo du wohnst, arbeitest oder zur Schule gehst. Geh auf Spurensuche nach dem, was damals in der Nazizeit „vor deiner Haustür“ passiert ist. So wird Geschichte begreifbar.

Marion Gardei
Marion GardeiEKBO

Gibt es liturgische Formen, die dem Gedenken besonders gerecht werden?
Als Kirche und als Christen haben wir den Vorteil, dass wir „Experten“ in Sachen Spiritualität sind. Wenn wir Gottesdienste oder Andachten besuchen, dann pflegen wir dieses vergegenwärtigende Erinnern – von dem wir auch bei Gedenkveranstaltungen sprechen – indem wir Leid- und Hoffnungserfahrungen vergegenwärtigen, als wären wir selbst dabei gewesen. Es soll unser eigenes Leben betreffen. Deshalb wird Kirche oft von staatlichen oder bürgerschaftlichen Initiativen angefragt, ihre Gedenkveranstaltungen in Form von Gebeten, Andachten oder Gottesdiensten mitzugestalten.

Birgt kirchliches Gedenken auch eine Gefahr?
An Orten der Verletzung muss unsere Sprache als Kirche besonders achtsam sein. Wenn ich in Sachsenhausen in einer Baracke vor Gottesdienstteilnehmern, die christlich und jüdisch sind, ehemalige Insassen oder auch Nachkommen, von Gott, von Hoffnung und Liebe spreche, dann steht das noch mal anders auf dem Prüfstand. Deshalb ist es wichtig, eine sensible Sprache zu finden, jüdische Menschen miteinzubeziehen. Die meisten dieser Gottesdienste entstehen in jüdisch-christlicher Zusammenarbeit. Es ist ein gemeinsames Aushandeln, was gesagt werden kann und soll.

Ist dieses Aushandeln schwieriger Prozess?
Nein, ich finde das nicht. Wir haben viel gemeinsam, die Psalmen, diesen großen Schatz von Gebeten und die jüdische Bibel, deren Geschichten unsere gemeinsame Erfahrungsgeschichten sind.

Neben den üblichen Kranzniederlegungen und Reden – welche Rolle kommt der Kunst im Gedenken zu?
In letzter Zeit ist die Kritik am konventionellen Gedenken sehr laut geworden, also an den zentralen Gedenkveranstaltungen. Ich persönlich teile diese nicht, weil die meistens gar nicht so erstarrt sind wie sie dargestellt werden. Oft wirken junge Leute mit, so kommen verschiedene Perspektiven in den Blick. Die Kunst spielt insofern eine Rolle, weil bei der Spiritualität meistens auch Musik mitwirkt oder Gedenken an Orten stattfindet, wo Mahnmale in bildhauerischer Form oder Tafeln an das Geschehene erinnern. Gedenken soll persönlich ansprechen und berühren, dafür sind Musik oder andere Formen der Kunst wichtig. Aber was kommt dann nach der Betroffenheit, nach dem Aufgewühlt sein? Dafür braucht es dann eben auch noch eine weitere Ebene der Information, die vermittelt, welche Mechanismen in Staat und Gesellschaft zu Ausgrenzung und Verfolgung im Alltag führen können.

Es gibt auch immer mehr digitale erinnerungskulturelle Formate. Lösen diese die standardisierten ab?
Es ist durchaus legitim, dass man neben den bewährten auch neue Formen der Erinnerung sucht, digitale und andere, die vielleicht jüngeren Leuten gemäßer sind. Beides hat seine Berechtigung. Die ritualisierte Form ist nicht die schlechteste, weil Rituale auch tragen. Seit 1945 haben doch  die Rituale und das regelmäßige Gedenken zu bestimmten Daten an bestimmte Opfer immerhin dazu geführt, dass sich die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte in der kollektiven Erinnerung verankert hat.

Wo sehen Sie Chancen und Risiken von Gedenkformaten, die in den sozialen Medien stattfinden?
Der Vorteil ist, und das zeigt sich bei gelungenen Formaten, dass man viele Menschen erreicht, die sonst niemals zu Gedenkveranstaltungen gehen würden. Die Möglichkeit der Teilhabe, selbst etwas beizutragen, ist zudem ein sehr demokratischer Prozess. Aber natürlich kann es auch passieren, dass solches Gedenken einseitig ist oder falsche Informationen gegeben werden. Hier sehe ich eine Gefahr, auch dass in den digitalen Medien der Logarithmus und kommerzielles Interesse das Gesagte mitbestimmen.

Vor dem Hintergrund des massiven Anstiegs von antisemitischen Übergriffen in den vergangenen Jahren – muss die Erinnerung an den Holocaust heute in noch konkreteres Handeln übersetzt werden?
Unsere kirchliche Erinnerungskultur und ich glaube Erinnerungskultur insgesamt besteht darin, dass wir uns erinnern, damit wir in der Gegenwart Orientierung finden. Unser Erinnern zielt auf unser Leben und auf die Zukunft und das bedeutet, wir müssen politische und gesellschaftliche Konsequenzen für heute aus dem, was damals geschehen ist, ableiten. Die Menschen werden ungeduldig bei der ritualisierten Form des Gedenkens an den Holocaust, wenn sich zugleich im Alltag nicht spürbar etwas in den Strukturen ändert. Die Politik darf nicht verschlafen, gegen Antisemitismus aufzustehen.

Und was geschieht auf EKD-Ebene? Sie sind landeskirchliche Beauftragte für das Thema Antisemitismus und Erinnerungskultur, eine Stelle, die es nicht in jeder Landeskirche gibt.
Es gibt einen Beauftragten gegen Antisemitismus von der EKD, der für den ganzen Bereich der EKD zuständig ist. Auch andere Landeskirchen arbeiten ihr eigenes Erbe auf. In der EKBO haben wir das Thema Erinnerungskultur besonders gestärkt, weil Berlin die Hauptstadt war – der Täter aber auch des Widerstands. Es ist also eine lokale Aufgabe, die wir eigentlich für die ganze EKD leisten. Als evangelische Kirche haben wir zudem nicht den einen zentralen Gedenkort, sondern wir haben viele kleinere Orte mit pädagogischen Programmen, die auch im Austausch miteinander sind und von ihren jeweiligen Erfahrungen profitieren.

Wo endet Erinnerung und wo beginnt Selbstentlastung?
Wir erinnern als Kirche an die Opfer. Wir erinnern aber auch an die eigene Verstrickung in die Schuld, die Mittäterschaft oder Täterschaft. Und wir erinnern an die Menschen, die widerständig waren. Wenn diese drei Komponenten da sind, ist Gedenken nicht einseitig. Dennoch gibt es in letzter Zeit an die Erinnerungskultur den Vorwurf, dass sie sich zu sehr mit den Opfern identifiziere, dass sie nicht mehr wahrnimmt, dass wir heutzutage in der überwiegenden Mehrheit die Nachkommen der Täter und Täterinnen sind. Und natürlich neigt man dazu, diese Komponente, die unangenehme, zu verdrängen. Das gilt für die Kirche genauso wie für die Gesellschaft insgesamt. Hier haben wir tatsächlich noch vieles nachzuarbeiten. Wir dürfen uns nicht auf vermeintlichen Lorbeeren ausruhen.

Also keine Heldengeschichten mehr?
Wir sollten sie nicht auf einen Sockel stellen, sondern sie als Menschen mit ihren Brüchen und Fehlern zeigen. Die meisten, die heute unsere Vorbilder sind, waren nicht als Widerständler geboren. Das waren Menschen, die in konkreten Situationen spontan protestiert oder sich verweigert oder geholfen haben. Auch deshalb müssen wir darauf achten, wenn wir heute Strukturen des Unrechts erkennen, dass wir ohne Zögern laut darauf aufmerksam machen.

Sie erwähnten den Zusammenhang von Nachkommenschaft und Schuld. Was bedeutet das eigentlich für die Erinnerungskultur in einer Migrationsgesellschaft, die wir heute ja sind?
Die Menschen, die heute in Deutschland leben, sind nicht schuld am Holocaust. Das waren konkrete Täter*innen, die man auch benennen kann. Wir haben aber eine Verantwortung und diese teilen alle Menschen, die in unserem Staat leben oder zu unserer Gesellschaft gehören möchten. Und es ist nur gut, dass wir heute verschiedene Perspektiven haben. Nun hat jemand, der beispielsweise aus Syrien einwandert ist, nicht denselben Erinnerungshintergrund wie jemand, dessen Familie seit vielen Generationen in Deutschland lebt. Aber jemand aus Syrien hat wahrscheinlich Erfahrung mit Flucht und Vertreibung, mit Diskriminierung, mit Diktatur. Wenn man hier anknüpft, dann kann man auch pädagogisch vermitteln, was der Holocaust und die Nazidiktatur in Deutschland angerichtet haben.