Erinnern heißt verändern

Vor 30 Jahren kam es in Rostock zu den schwersten fremdenfeindlichen Ausschreitungen nach der Wende. Vom 22. bis 26. August erinnern zahlreiche Ausstellungen und öffentliche Veranstaltungen an die damaligen Ereignisse.

Das "Sonnenblumenhaus" in Rostock-Lichtenhagen am 07.08.1998, an dem sich vor 25 Jahren, vom 22. bis 26. August 1992, die schwersten fremdenfeindlichen Ausschreitungen nach der Wende ereigneten. Im Verlauf der vier Tage gerieten dabei 150 Menschen in akute Lebensgefahr, nachdem das Wohnhaus mit vietnamesischen DDR-Vertragsarbeitern in Brand gesetzt worden war. Mehr als 200 Polizisten wurden verletzt, einer davon schwer. (Siehe epd-Bericht vom 16.08.17)  *** Local Caption *** 00121458
Das "Sonnenblumenhaus" in Rostock-Lichtenhagen am 07.08.1998, an dem sich vor 25 Jahren, vom 22. bis 26. August 1992, die schwersten fremdenfeindlichen Ausschreitungen nach der Wende ereigneten. Im Verlauf der vier Tage gerieten dabei 150 Menschen in akute Lebensgefahr, nachdem das Wohnhaus mit vietnamesischen DDR-Vertragsarbeitern in Brand gesetzt worden war. Mehr als 200 Polizisten wurden verletzt, einer davon schwer. (Siehe epd-Bericht vom 16.08.17) *** Local Caption *** 00121458© epd-bild / version

Rostock. Die Bilder gingen vor 30 Jahren um die Welt: Am 24. August 1992 belagerten Hunderte Jugendliche und Erwachsene das „Sonnenblumenhaus“ im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen. Aus der Menge heraus wurden Steine und Brandsätze geworfen. Etwa 150 Menschen konnten sich nur durch Flucht auf das Dach des Hauses vor dem Feuer retten, darunter 120 Vietnamesen, ein ZDF-Team und einige Rostocker. Dies war der traurige Höhepunkt der vom 22. bis 26. August 1992 andauernden ausländerfeindlichen und rassistischen Krawalle vor der Zentrale Aufnahmestelle für Asylsuchende im „Sonnenblumenhaus“ und dem benachbarten Wohnheim für Vietnamesen.

Rostocker Bürgerschaft entschuldigte sich vor zehn Jahren

Die Rostocker Bürgerschaft entschuldigte sich vor zehn Jahren, zum 20. Jahrestag der Ausschreitungen, in einer Erklärung bei den Opfern. Rund 150 Menschen hätten damals um ihr Leben fürchten müssen, während Rechtsextremisten aus ganz Deutschland, aber auch Tausende Rostocker Beifall klatschten, hieß es darin. Die in der Verantwortung stehenden Behörden von Bund, Land und Kommune hätten versagt. Die Ereignisse dürften weder verdrängt noch beschönigt oder vergessen werden. Die Aufarbeitung sei ein immerwährender Auftrag.

Einen weiteren Schritt des Gedenkens ging Rostock vor fünf Jahren mit einer Gedenkwoche, in der fünf Stelen aus Marmor in verschiedenen Stadtteilen eingeweiht wurden, die die Künstlergruppe „Schaum“ zum Thema „Gestern Heute Morgen“ gestaltet hatte. Eine sechste Stele mit dem Titel „Empathie“ kam ein Jahr später im August 2018 auf Initiative des Vereins Waldemar Hof auf dem Doberaner Platz hinzu. Sie ist den Betroffenen des Pogroms von 1992 gewidmet.

Planung vieler Ausstellungen und öffentlicher Veranstaltungen

Zum Gedenken gibt es im August 2022 zahlreiche Ausstellungen und öffentliche Veranstaltungen in Rostock. „Das Pogrom ist Teil unserer Stadtgeschichte“, teilte Chris von Wrycz Rekowski (SPD), Erster Stellvertreter des Oberbürgermeisters, kürzlich mit. Für alle nachfolgenden Generationen bleibe die wichtige Aufgabe, Rassismus und Hetze gegen nationale, religiöse oder ethnische Minderheiten zu verurteilen.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält Rede im Rostocker Rathaus

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wird am 25. August in Rostock erwartet. Er wird am frühen Abend bei einer Gedenkstunde im Rathaus eine Rede halten. Zuvor will das Staatsoberhaupt am „Sonnenblumenhaus“ im Stadtteil Lichtenhagen Blumen niederlegen. Anschließend will Steinmeier das dortige Stadtteil- und Begegnungszentrum besuchen, um mit Schülerinnen und Schülern, Anwohnerinnen und Anwohnern ins Gespräch zu kommen. Auch ein Besuch des buddhistisch-vietnamesischen Tempels in Rostock ist eingeplant.

Bereits im Januar 2022 hatte ein zivilgesellschaftliches Bündnis aus Rostock und Mecklenburg-Vorpommern ein Positionspapier zu 30 Jahre Gedenken an das Pogrom in Rostock-Lichtenhagen veröffentlicht. Darin wird unter anderem gefordert, die Angriffe vom August 1992 als rassistisches und antiziganistisches Pogrom zu benennen und ein nachhaltiges Gedenken zu gestalten. Am 25. Februar startete das Bündnis ein Gedenkjahr. Hintergrund ist, dass am 25. Februar 2004 der 25-jährige Dönerverkäufer Mehmet Turgut von der NSU-Terrorzelle im Rostocker Stadtteil Toitenwinkel in einem Imbiss erschossen worden war.

Umgang mit Asylsuchenden und das Thema „Rassismus“ verbessern

Den heutigen Umgang mit Asylsuchenden und das Thema „Rassismus“ wollen das Bündnis „Gedenken an das Pogrom. Lichtenhagen 1992“ und die Initiative Pro Bleiberecht mit Aktionen thematisieren. Pro Bleiberecht veranstaltet am 21. August drei Kundgebungen am Rostocker Rathaus, am Schweriner Innenministerium und am Asylbewerber-Erstaufnahmelager in Nostorf-Horst (Kreis Ludwigslust-Parchim). Das Bündnis „Gedenken an das Pogrom. Lichtenhagen 1992“ ruft zu einer Demonstration am 27. August in Rostock unter dem Motto „Damals wie heute: Erinnern heißt verändern!“ auf. Dazu werden rund 5.000 Demonstranten und Demonstrantinnen erwartet.