Pastor Lars Klehn geht nach London zur deutschen Gemeinde

Er ist reif für die Insel

Mitten im Trubel um Brexit und Corona wechselt er nach London: Lars Klehn aus Bordesholm wird Pastor einer deutschen Gemeinde in der englischen Metropole. Im Interview verrät er, was ihn an dem Job reizt.

Pastor Lars Klehn zieht es nach England

von Olivia von Harlem

Die Heimat und das angestammte Umfeld für einen längeren Auslandsaufenthalt zu verlassen bedeutet zu jeder Zeit, einen weitreichenden Schritt zu wagen. Doch was heißt es, sich zwischen Brexit und Corona auf eine Zukunft in London vorzubereiten?
Lars Klehn: Ich schaue nicht zuerst auf Brexit und Corona, sondern auf gestalteten Abschied hier und Vorfreude auf einen neuen Lebensabschnitt dort. Der Brexit ist für die deutschen Gemeinden in London ein großes Thema. Das Gefühl, ­Europäer in England zu sein, hat sich verändert. Einige Gemeindemitglieder haben ihren ­Arbeitsplatz verloren, weil deutsche Firmen ihre Dependancen verkleinern oder schließen. Für uns persönlich bedeutet der Brexit mehr Unsicherheit, das Reisen wird komplizierter, der Warenverkehr auch. Meine Frau wird vermutlich keine Arbeits­erlaubnis bekommen.
Corona hat die Briten ungleich stärker getroffen. Nach meinem Eindruck hat sich die Situation dort schon etwas entspannt, aber man ist in England gegenüber der Entwicklung hier in Deutschland drei bis vier Wochen zurück. Die Maskenpflicht wurde gerade erst eingeführt. Unser Umzugsunternehmer sieht keine Probleme. Wir werden nach jetzigem Stand 14 Tage in häuslicher Quarantäne sein, aber das kann sich bis Ende Juli noch wieder verändern.

Großbritannien liegt Ihnen und Ihrer Frau seit Längerem am Herzen, seit Jahren verbringen Sie Urlaube dort. Was macht für Sie den Reiz dieses Landes aus und wann reifte der Entschluss, hier einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen?
Wir haben bei unseren Urlauben viele freundliche Begegnungen gehabt. Ich habe die Engländer als offen und kommunikativ erlebt. Wir begeistern uns für die vielfältige Landschaft und Gartenkultur sowie die Geschichte des Landes. Das Opernfestival in Glyndebourne zu erleben oder im Minack-Theater eine Shakespeare-Inszenierung vor atemberaubender Meereskulisse zu verfolgen, ist einmalig. Schon lange haben wir über ein Auslandspfarramt nachgedacht, aber biografisch hat es bisher nie gepasst. Jetzt ist unser Kind im Studium, und wir sind frei für eine neue Herausforderung.

Trubel in Londons Innenstadt Foto: Paulohabreuf /Pixabay

Sie haben in den vergangenen zehn Jahren als Pastor für Personal- und Gemeindeentwicklung im Kirchenkreis Rendsburg-Eckernförde gearbeitet, haben zugehört, moderiert und supervidiert, Vorschläge unterbreitet und geschlichtet. Zuvor haben Sie in den Gemeinden Bordesholm und Rickling Dienst getan. Was erwartet Sie nun in London?
Meine zukünftige Stelle London-West umfasst drei Gemeinden mit fünf Predigtstätten, es gibt einen deutschen Kindergarten, eine deutsche Schule und die weltberühmte Uni in Oxford. Es ist eine Freiwilligkeitsgemeinde, nicht streng territorial, sondern man fühlt sich dort zugehörig, bringt sich ein und zahlt Beiträge – und von diesen Beiträgen werden auch der Diakon und der Pastor bezahlt. Finanzielle Unterstützung durch eine Landeskirche wie in Deutschland gibt es keine.

Sind die Herausforderungen an die pastorale Tätigkeit ähnliche wie bei uns? Wie wird Ihr Berufsalltag in der Metropole aussehen, welche Ziele sind abgesteckt?
Zur Gemeinde gehören etwa 500 Mitglieder. Das schwankt, da viele Ex-Patriots (Menschen, die für ihren Arbeitgeber im Ausland sind, d. Red.) nur für zwei oder drei Jahre von ihren Firmen nach London geschickt werden. Das bedeutet kontinuierliche Beziehungsarbeit. Die Zahl der Trauungen oder Beerdigungen liegt allerdings deutlich unter hiesigem Niveau. Diese Gemeinde steht außerdem im regelmäßigen Austausch mit der deutschen Botschaft. Auch der Dialog mit den ökumenischen Partnerkirchen in der Arbeitsgemeinschaft „Churches Together“ gehört unbedingt dazu. Die Deutschen in London finden in dieser Gemeinde ein Stück Heimat, einen Begegnungsort. Der Gottesdienst ist wichtig, aber das Social Miteinander im Anschluss mit Tee und Sandwich mindestens ebenso. Seelsorge hat nicht nur in Brexit-Zeiten eine große Bedeutung. Viele Gemeindemitglieder sind von ihren Familien und Freunden getrennt, und wir alle sind Gäste. Als Organisationsentwickler stecke ich neue Ziele im Dialog und erst nach eingehender Situationsanalyse. Da dürfen Sie im Januar gern noch einmal nachfragen.

Sie haben viele Kartons zu packen dieser Tage, Reiseempfehlungen zu studieren und coronakonforme Abschiedsgrüße auszutauschen. Sicherlich schweifen die Gedanken dabei häufig nach vorne. Was erhoffen Sie sich ganz persönlich von Ihrem Aufenthalt in Großbritannien?
Viele neue Eindrücke und spannende Begegnungen. Das Leben in dieser Metropole bietet so viele Möglichkeiten, eine so reiche Kultur – das werden wir auch in sechs Jahren nicht ausschöpfen können. Unser Horizont wird sich sicher weiten. Und nicht zuletzt werde ich nach zwölf Jahren wieder als Gemeindepastor tätig und habe große Lust auf diese Arbeit.

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