Wenn Schlafstörungen chronisch werden, steigt das Risiko für schwere Erkrankungen. Oft werden Probleme laut Fachleuten zu spät erkannt. Sie pochen nun auf einen grundlegenden Wandel.
Den meisten Menschen ist nicht bewusst, wie wichtig Schlaf für ihre seelische und körperliche Gesundheit ist: Das beobachtet der Lungenfacharzt Georg Nilius. Dabei betreffe das Thema alle Menschen, von Säuglingen bis zu Hochbetagten, sagte Nilius am Montag bei einer Online-Pressekonferenz. Er äußerte sich als Kongresspräsident der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin, die ab Donnerstag in Essen stattfindet.
In den neuen Leitlinien, die Anfang 2025 veröffentlicht werden, wollen die Fachleute eine kognitive Verhaltenstherapie als Behandlung für Insomnien empfehlen. Diese ziele auf Verhaltensänderungen ab, die über die üblichen Tipps zur Schlafhygiene hinausgingen - etwa, keinen Kaffee nach 14 Uhr zu trinken, nicht zu rauchen und abends die Bildschirmzeit zu reduzieren.
Man verspreche sich eine gute Wirkung für etwa jede und jeden zweiten Betroffenen, sagte der Vorstandssprecher der Fachgesellschaft, Dieter Riemann. Sinnvoll sei, diese Behandlungsform zumindest stets anzubieten - ob jemand sie annehme, müsse gemeinsam entschieden werden.
Eine entscheidende Maßnahme sei, die Bettzeit zunächst zu verkürzen: Viele nutzten das Wochenende zum Ausschlafen, wenn sie unter der Woche zu wenig Schlaf bekämen. Dies führe langfristig jedoch zu einer "Verschleppung" von Problemen. Wer dagegen zunächst auf sechs Stunden Schlaf pro Nacht setze, schlafe schneller ein und besser durch.
Sieben bis acht Prozent der Menschen hierzulande leiden laut Schätzungen an einer chronischen Insomnie, also Ein- und Durchschlafstörungen. Ältere Menschen und Frauen sind häufiger betroffen. Häufig falle es Betroffenen schwer, nachts abzuschalten. "Das bedeutet nicht nur Leidensdruck, sondern auch einen Risikofaktor für psychische Erkrankungen", sagte Riemann.
Ein entscheidendes Warnsignal ist es laut Nilius, wenn Menschen ihren Schlaf als nicht-erholsam beschreiben. Von einer chronischen Störung sprechen Fachleute, wenn die Symptome länger als drei Monate anhalten und mindestens dreimal wöchentlich auftreten. Pflanzliche Mittel und auch verschreibungspflichtige Medikamente könnten durchaus helfen, eine echte Schlafstörung müsse jedoch genauer untersucht werden.
Das Thema betrifft nicht allein psychische Erkrankungen. Viele Menschen hätten Angst, im Alter an einer Demenz zu erkranken oder sich nicht mehr selbst versorgen zu können, erklärte der Altersmediziner und Kongresspräsident Helmut Frohnhofen. "Schlaf ist ein Faktor, der genau darauf Einfluss hat": auf die Hirnleistung sowie die sogenannte Funktionalität. Riemann mahnte, wenn Probleme nicht näher untersucht würden, verpasse man womöglich die Chance, den Übergang in eine schwere Erkrankung zu verhindern.
Chronisch Betroffene bräuchten Geduld, sagte Frohnhofen, und oftmals eine jahrelange fachliche Begleitung. Ein erster Schritt auch für Allgemeinmediziner könne es sein, Patientinnen und Patienten für zwei bis drei Wochen ein Schlaf-Tagebuch führen zu lassen. "Das schärft die Aufmerksamkeit für Probleme, die man dann gezielt behandeln kann."