Zeit für Gedanken auf dem Kirchhof von St. Petri in Hamburg

Eine Haltestelle der anderen Art

Kirche und Konsum – an kaum ­einem anderen Ort trifft das so unübersehbar aufeinander wie nahe der Hamburger Einkaufsmeile Mönckebergstraße. Eigentlich kein Ort zum Verweilen. Bisher.

Hauptpastor Jens-Martin Kruse macht mal Pause – an der Gedankenhaltestelle

von Johanna Tyrell

Hamburg. Mal sind es Hundertschaften der Polizei, die hier bei Demonstrationen einen Rückzugsort finden, mal weihnachtliche Buden, die die Besucher mit Glühwein und Leckereien locken. Aktuell sorgen zwei Ersatzhaltestellen auf dem Platz vor der Hauptkirche St. Petri fast rund um die Uhr für Betrieb. Linienbusse reihen sich aneinander. Besonders für die Kita im Gemeindehaus ärgerlich, vor deren Fenster und dem kleinen Außengelände stehen manchmal drei Busse mit laufenden Motoren.

Der Kirchhof am Speersort ist speziell – oder besser gesagt: Er ist urbaner Raum. „Aufregen nützt nichts“, sagt Hauptpastor Jens-Martin Kruse. „Wir wollten auf die unerfreuliche Nutzung unseres Kirchplatzes als temporäre Bushaltestelle intelligent reagieren und den Busgästen ein Angebot machen.“ So entstand die Idee zu den Gedanken-Haltestellen.

Umfunktionierte Einkaufswagen

Noch bis zum 31. Oktober können Menschen sich hier in umfunktionierten Einkaufswagen ausruhen, die Sonne genießen, reden oder sich einen kleinen Impuls zum Nachdenken abholen. Die Aktion ist Teil der Initiative „Auf die Plätze“ der drei Hauptkirchen St. Petri, St. Jacobi und St. Katharinen. Die Innenstadtkirchen wollen die Bereiche um ihre Kirchen, die teilweise als Parkplatz oder eben als Bushaltestelle genutzt werden, so gestalten, dass sich die Menschen gern dort aufhalten.

Bänke aus entwidmeten Kirchen

Die Einkaufswagen stehen schon seit drei Jahren in den Sommermonaten vor der Petrikirche. Normalerweise dort, wo aktuell die Busse fahren, in diesem Jahr zwischen Gemeindehaus und Kirche. Gestaltet haben sie die Hamburger Designerinnen Beate Kapfenberger und Martha Starke. Die hölzernen Sitzflächen sind aus den alten Kirchenbänke der 2019 entwidmeten Wilhelmsburger Paul-Gerhardt-Kirche gefertigt.

In diesem Jahr werden sie durch ein Bushaltestellenschild ergänzt. „Gedankenhaltestelle. Nächster Alltagsimpuls in 24 Stunden“ ist darauf zu lesen. Wer den kleinen QR-Code darauf mittels seiner Handykamera abfotografiert, wird auf das Instagram-Profil von „aufdieplaetze_hamburg“ geleitet und erhält dort täglich einen Impuls zum Nachdenken. „Wann hast du zuletzt dein Glück in vollen Zügen genossen?“ „Wann traust du dich?“ oder „Wie hast du dich verändert?“ Kleine Fragen und Gedanken, die innehalten lassen.

In der warmen Septembersonne

Skeptisch blickt die junge Frau auf das schwarz-weiße Bushaltestellenschild, das hinten an dem Einkaufswagen im Wind flattert. Sie setzt sich in den Wagen, packt ihre Papiertüte aus und beißt in ein belegtes Brötchen. Nach zwei Bissen steht sie wieder auf. Blickt noch einmal auf die Fahne, zückt ihr Handy und fotografiert etwas. Dann lächelt sie. Setzt sich wieder hin und streckt ihr Gesicht mit geschlossenen Augen in die warme Septembersonne.

Szenen wie diese beobachtet Kruse immer wieder. „Die Wagen fallen auf und werden gut angenommen.“ Besonders nach den vergangenen Corona-Monaten. Die hätten auch der Petrikirche sehr zugesetzt. „Vor der Pandemie hatten wir täglich um die 1500 Besucher in der Kirche. Während Corona waren es 10“, erzählt Kruse. Eine harte Zeit sei das gewesen. Auch finanziell. „Eine Citykirche ohne Menschen, das ist wie ein Fisch ohne Wasser.“ Und auch bei den Menschen, die inzwischen wieder täglich durch die Mönckebergstraße und an der Petrikirche vorbeifluten, seien die Folgen der Pandemiemonate oft spürbar. „Da ist eine große Einsamkeit. Das merken wir an der Nachfrage an Seelsorgegesprächen, am Publikum in der Kirche – und den gestiegenen Anruferzahlen im BSZ, dem Beratungs- und Seelsorgezentrum“, so Kruse. Er kann sicher sein: Wenn er im Collarhemd in einem der Einkaufswagen sitzt, bleibt er nicht lange allein.

Rausgehen und einmischen!

Bis Weihnachten sollen die Ersatzhaltestellen auf dem Petri-Kirchhof verschwunden sein. „Mein Traum wären Poller vor den Zugängen, sodass wir hier einen richtigen Platz hätten“, sagt Kruse. Ohne Verkehr. Bis dahin macht die Gemeinde das Beste aus der Situation und das, was Kirche in den Augen Kruses tun sollte: „Rausgehen zu den Menschen und uns einmischen.“

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