Eindringliche Worte zum Gedenken an den 9. November

Seit dem Angriff der Hamas war klar, dass das Gedenken der Reichspogromnacht anders wird: Zentralratspräsident Schuster erklärte, er sei nicht sicher, dass es nicht erneut eine Jagd auf Juden in Deutschland gebe könne.

Die Sicherheitsvorkehrungen waren immens: Während der Gedenkveranstaltung zum 85. Jahrestag der Novemberpogrome war die Brunnenstraße vor der Beth Zion Synagoge in Berlin-Mitte weiträumig abgesperrt. Auf dem umliegenden Gebäude hatten sich Scharfschützen postiert. In dem jüdischen Gotteshaus, auf das nach dem Angriff der radikalislamischen Hamas auf Israel ein Anschlag verübt worden war, fanden Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, eindringliche Worte. Beide äußerten einmal mehr ihr Entsetzen über die antisemitische Hetze der vergangenen Wochen, beide betonten aber auch, dass ihnen ehrenamtliches Engagement vieler Bürger in diesen Tagen Mut mache.

„Ich könnte hier vom 9. November 1938 sprechen – auch der Reichspogromnacht“, so beginnt Schuster seine Rede bei der Gedenkveranstaltung. „Ich könnte aber auch vom Pogrom unserer Zeit sprechen, vom grausamen Terror der Hamas des 7. Oktober 2023. Die Beschreibungen sind gleich.“ Vor fünf Wochen hätte er sich nicht vorstellen könne, dass wieder eine Jagd auf Juden in Deutschland stattfinden könnte. Heute sei er sich nicht mehr sicher, so Schuster mit Blick auf judenfeindliche Ausschreitungen der vergangenen Wochen. Er habe dieses Land zuweilen nicht wieder erkannt.

In der voll besetzten, recht kleinen Synagoge war es ganz still, als Schuster seine Rede vortrug. Viele hochrangige Politiker waren an diesem Tag gekommen: Neben Bundeskanzler Scholz waren es Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, viele Kabinettsmitglieder, Bundestagspräsidentin Bärbel Bas und Bundesratspräsidentin Manuela Schwesig. In den vorderen Reihen hatten auch der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Stephan Harbarth, Unions-Fraktionschef Friedrich Merz (CDU) und die Bundestagsabgeordnete der Linksfraktion, Petra Pau, sowie die gesamte Spitze der Grünen Platz genommen.

Auch Scholz nahm in seiner Rede Bezug auf die antisemitischen Übergriffe der vergangenen Woche und nannte den Hamas-Angriff „eine schreckliche Zäsur“. Er betonte, „nichts, rein gar nichts – keine Herkunft, keine politische Überzeugung, kein kultureller Hintergrund, kein angeblich postkolonialer Blick auf die Geschichte – kann als Begründung herhalten, die Ermordung, das grausame Abschlachten Unschuldiger zu feiern“. Ihn empöre und beschäme das zutiefst.

Es gelte, das Versprechen „Nie wieder“ gerade jetzt einzulösen, so der Bundeskanzler weiter. Der Schutz jüdischer Einrichtungen und Gemeinden sei „Staatsaufgabe und Bürgerpflicht zugleich“. Dazu gehöre auch die strafrechtliche Verfolgung all derjenigen, die Terrorismus unterstützten und antisemitisch hetzten. Und er wies auf eine konkrete politische Reform hin: Das neue Staatsangehörigkeitsrecht regele klar, dass Antisemitismus einer Einbürgerung entgegenstehe.

Weiter mahnte er eindringlich, dass die historische Verantwortung weitergegeben werden müsse – „in Schulen, Universitäten, in der Ausbildung, in Integrationskursen, im tagtäglichen Leben“. Es müssten auch die erreicht werden, „in deren Herkunftsländern über die Schoah nicht oder vollkommen anders gesprochen wird“.

Den musikalischen Part der Gedenkveranstaltung hatte der Geiger Gabriel Adorjan übernommen. Er spielte unter anderem das Thema des Spielberg-Filmes „Schindlers Liste“ von 1993 und eine eigens für die Veranstaltung arrangierte Neubearbeitung der „Drei jiddischen Lieder für Frauenchor“ des österreichischen Dirigenten Viktor Ullmann (1898-1944).

Zum Abschluss der Veranstaltung sprach Militärrabbiner Zsolt Balla die hebräischen Trauergebete El Male Rachamim und Kaddisch. Alle Anwesenden erhoben sich dabei, darunter auch viele jüngere Mitglieder der jüdischen Gemeinde. Schuster hatte sich am Ende seine Rede vor allem an die jüngere Generation gewandt. Ihm ringe es großen Respekt ab, was junge Gemeindemitglieder in den vergangenen Wochen sichtbar für den Zusammenhalt innerhalb der jüdischen Gemeinschaft geleistet hätten. „Es lässt mich auch in dieser schweren Zeit versöhnlich in die Zukunft blicken“, so Schuster.