Pilgern auf die Insel Neuwerk

Ein Tag mit Bibel und Rucksack

Auf Pferdewagen quer durchs Watt geht die Pilger-Tour, die die katholische Urlauberseelsorge anbietet – auch wenn es auf Neuwerk in der Elbe gar keine Kirche gibt.

Auf dem Pferdewagen Richtung Neuwerk (Symbolbild)

von Michael Althaus

Cuxhaven. Der Wind rauscht, und die Hufe klappern: Auf einem von zwei Pferden gezogenen Wattwagen geht es bei Ebbe über den Meeresboden. Die holprige Fahrt durch mehrere Wasserläufe ist ein kleines Abenteuer – und damit einer der Höhepunkte der Ein-Tages-Pilgertour der katholischen Urlauberseelsorge Cuxhaven zur Nordseeinsel Neuwerk. Unter dem Motto „Unterwegs mit Bibel und Rucksack“ bietet Leiterin Anna Maria Höchtl eine Auszeit mitten in der Idylle des Nationalparks Wattenmeer.

Die zehn Kilometer lange Überfahrt nach Neuwerk dauert etwa eine Stunde. Die drei Quadratkilometer große Insel ist Hamburgs Vorposten in der Nordsee. Schon um 1300 ließ die Stadt auf dem strategisch günstig vor der Elbmündung gelegenen Eiland einen Turm errichten – zur Orientierung für die Seefahrer und als Bollwerk gegen Piraten. Heute gehört Neuwerk, das jährlich von Zehntausenden Touristen besucht wird, zum ansonsten rund 120 Kilometer Luftlinie entfernten Bezirk Hamburg-Mitte.

Leben in der Abgeschiedenheit

28 Menschen lebten fest auf der Insel, erzählt der Wattwagen-Kutscher, selbst einer der Bewohner. „Aber es werden immer weniger.“ Das Leben in der Abgeschiedenheit, bestimmt vom Rhythmus der Gezeiten, sei nicht für jeden geeignet. Für die Pilger ist es heute genau das Richtige.

Vor der Überfahrt hat der Tag für sie mit einer kurzen Andacht in der Herz-Jesu-Kirche in Cuxhaven begonnen. Neun Teilnehmer sind gekommen; in Corona-Zeiten ist die Anzahl begrenzt. Unter ihnen sind Gäste aus Brandenburg und dem Rheinland, aber auch einige Einheimische. „Wir nehmen in unseren Urlauben oft an spirituellen Angeboten teil“, sagt eine Frau aus Fürstenwalde in Brandenburg, die von einem Freund begleitet wird. „Wir schätzen die Gemeinschaft.“

Blick auf den Leuchtturm von Neuwerk Foto: Ralf Roletschek / Wikimedia Commons

Das erste Ziel auf der Insel ist ein uriger Bauernhof mit Fischrestaurant. Krabbensuppe und Labskaus stehen hier auf der Speisekarte. Der Anblick des rötlich-braunen Pürees aus Kartoffeln, Rindfleisch und Roter Bete ist gewöhnungsbedürftig, aber stilecht. Das Gericht entstand einst an Bord der Segelfrachter, die viele Wochen lang auf hoher See waren, wie eine kundige Teilnehmerin der Gruppe erklärt. Das regionaltypische Mittagessen ist Anlass, ins Gespräch zu kommen.

Auf dem „Friedhof der Namenlosen“

Eine Kirche gibt es auf Neuwerk nicht. Einziger sakraler Ort ist ein 1319 geweihter „Friedhof der Namenlosen“, wo früher angeschwemmte Seefahrer-Leichen ihre letzte Ruhestätte fanden. Auf einsamem Grün sind rund 20 Kreuze aufgestellt. Anna Maria Höchtl betet hier mit den Pilgern ein Vaterunser.

Weiter geht es zum Nationalparkhaus, wo eine kleine Ausstellung Einblicke in die Geschichte der Insel und die reichhaltige Flora und Fauna der Region gibt. Robben, Schweinswale sowie Dutzende Fisch- und Vogelarten leben hier. 2011 wurden das Eiland und der Hamburgische Nationalpark Wattenmeer zum Unesco-Weltnaturerbe ernannt. Schließlich darf ein Besuch des mächtigen Leucht- und Wehrturms nicht fehlen, der noch immer an die Erschließung der Insel vor rund 700 Jahren erinnert und als ältestes Bauwerk Hamburgs gilt.

Foto: Charlotte Morgenthal / epd

Immer dienstags zwischen Anfang Juni und Anfang September bietet Höchtl die Kurzpilgertouren nach Neuwerk an – in unterschiedlichen Varianten. Mal geht es in zwei bis drei Stunden zu Fuß durchs Watt auf die Insel, mal mit dem Wattwagen und mal mit dem Schiff. „Als Kind bin ich mit meinen Eltern oft nach Neuwerk gelaufen“, erinnert sich die gebürtige Cuxhavenerin. „Das war immer ein tolles Erlebnis.“ Als sich die katholische Pfarrei vor Ort vor 15 Jahren neu aufstellte, kam die inzwischen pensionierte Gemeindereferentin auf die Idee, die Touren auch für Urlauber anzubieten – und stieß auf Interesse. Die Nachfrage sei groß, die Teilnehmer bunt gemischt: Junge, Alte, Familien und Alleinstehende seien mit dabei. Manche kämen als Stammgäste immer wieder.

Nicht mit religiösen Inhalten erschlagen

Bei der Gestaltung geht Höchtl auf die Bedürfnisse ihrer Teilnehmer ein. „Ich versuche bewusst, die Menschen nicht mit religiösen Inhalten zu erschlagen.“ Manche wollten gemeinsam in der Bibel lesen, andere einfach nur reden und wieder andere die Natur genießen: „Alles sind Formen der Seelsorge.“

Heute steht eher das Gespräch im Mittelpunkt. Manche Gäste kennen sich bereits, haben sich aber länger nicht gesehen und viel zu erzählen. Mit dem Schiff „Flipper“ geht es am Abend bei ruhiger See zurück nach Cuxhaven. Am Anleger „Alte Liebe“ gibt es zum Abschluss einen Segen. Trotz des verregneten Tags sind die meisten Teilnehmer mit der Tour zufrieden. „Den Wind und die frische Luft finde ich einfach toll“, sagt eine Urlauberin aus Düsseldorf. „Das ist Natur pur. Deshalb komme ich in den Norden.“ (KNA)

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren