Studentische Telefonseelsorge in Hamburg ist deutschlandweit einzigartig

Ein offenes Ohr für Studierende

Die Zahl der Anrufer hat in der Pandemie stark zugenommen. Seit mehr als 40 Jahren hören sich Studierende in der studentischen Telefonseelsorge Abend für Abend die Sorgen anderer Studenten an.

In Hamburg gibt es eine Telefonseelsorge nur für Studierende

von Rebekka Krüger

Hamburg. Eine Hotline bei Prüfungsstress und Beziehungsproblemen? Nicht nur, denn die Telefonseelsorge der Evangelischen Studierendengemeinde Hamburg (ESG) ist viel mehr – und durch die umfassende Ausbildung der Studierenden deutschlandweit einmalig in ihrer Art. „Das Besondere bei uns ist, dass hier nur Studierende ehrenamtlich arbeiten“, sagt Gisela Groß-Ikkache. Sie ist Pastorin der ESG und leitet zusammen mit ihrem Kollegen Christof Jaeger das Projekt.

Die Stuts, also die Studentische Telefonseelsorge der ESG, ist ein Teil der allgemeinen, ökumenischen Telefon­seelsorge und besteht seit mehr als 40 Jahren. Die Studierenden nehmen an einer Schulung teil, die einmal in der Woche über zwei Semester stattfindet. Dabei werde ein hoher Qualitätsstandard gehalten, sodass die Ausbildung der ESG auch bei der allgemeinen Telefonseelsorge anerkannt wird. Dafür sei es „ganz wichtig, dass wir auch die ,human-power‘ haben“, sagt Groß-Ikkache, „denn da ist immer eine Doppelleitung pastoraler und psychologischer Fachkompetenz.“ Nach der Ausbildung sind die jungen Menschen verpflichtet, mindestens zwei weitere Semester aktiv am Telefon zu sein.

Begeistert vom Engagement

Ein großer Teil der Ausbildung gehöre dabei der Selbsterfahrung, so die Pastorin. Denn es gehe nicht um bestimmte Gesprächstechniken, sondern darum, „eine Gesprächshaltung zu erlernen, dem Gegenüber wirklich zuzuhören, sich auf jemanden einzulassen“. Gisela Groß-Ikkache zeigt sich begeistert von dem ehrenamtlichen Engagement der Studierenden. Wer genau am Telefon sitzt, bleibt geheim. Die Anonymität sei ein wichtiger Teil der Telefonseelsorge. Ein Wiedererkennen auf dem Campus ist nicht gewollt.

Pastorin Gisela Groß-Ikkache Foto: Studentische Telefonseelsorge Hamburg

Hinzu kommt: Die seelsorgenden Studierenden verbringen die Abende am Telefon nie allein, sondern immer in kleinen Gruppen von zwei bis drei Personen. „So gibt es die Möglichkeit, sich nach den Gesprächen auszutauschen.“ Die Studierenden sollen auch schauen, welche Themen sie am meisten berühren, wie dann damit umgegangen wird und wo es wichtig ist, Grenzen zu setzen. Bei Bedarf besteht für die Seelsorgenden die Möglichkeit, professionellen Beistand zu bekommen. Dabei ist die studentische Telefonseelsorge keine Beratungseinrichtung. „Bei uns findet auch keine therapeutische Arbeit statt“, so die ESG-Pastorin.

Seit der Pandemie ist die Zahl der Anrufe um ein Drittel gestiegen. Und natürlich habe sich das auch in den Themen wider­gespiegelt, die besprochen werden. „Gerade die Einsamkeit war ein großes Thema“, sagt Gisela Groß-Ikkache­.

Mehr Unterstützung erwünscht

Doch um so ein Projekt auf die Beine zu stellen und vor allem am Laufen zu halten, dazu bedarf es Ressourcen – sowohl finanzieller Art als auch in Form der richtigen Menschen. Es gebe zwar auch an anderen Universitäten Telefonhotlines, allerdings ohne die umfassende Ausbildung, so Groß-Ikkache. „So etwas ist an anderen Standorten teilweise einfach nicht umsetzbar.“

Innerkirchlich wünscht sich Groß-Ikkache aber noch mehr Unterstützung und Anerkennung. Vor allem müssten Stellen für Mitarbeiter gesichert werden, um die Ausbildung der Ehrenamtlichen und eine professionelle Begleitung langfristig zu gewährleisten.

Unabhängig von der Konfession

Bei der Stuts mitmachen können alle eingeschriebenen Studierenden, unabhängig ihrer Konfession. Wer mitmachen möchte, sollte jedoch in der Lage sein, sich für vier Semester festzulegen. „Der Job ist ja auch nicht ohne. Es muss gut überlegt sein, ob sich das Projekt mit dem Stundenplan und eventuellen Jobs vereinbaren lässt.“ Wer das aber könne, hat jedes Semester die Möglichkeit, ins Projekt einzusteigen.

Info
Die Telefonseelsorge ist täglich zwischen 20 und 24 Uhr unter Telefon 040/41 17 04 11 erreichbar. Weitere Informationen gibt es hier.

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