Artikel teilen:

Ein Jakobsweg für Goethe

1786 brach Goethe Richtung Italien auf. Dort gelang es dem Dichter und Minister, eine persönliche Sinnkrise zu überwinden. 240 Jahre später wird mit Goethes Italienischer Reise internationale Politik gemacht.

Wolfram Weimer sparte nicht mit Superlativen: Es sei ein “total glücklicher” Tag für ihn und die deutsch-italienischen Beziehungen, so der Kulturstaatsminister am Freitag in Rom bei Regierungsgesprächen beider Länder. Bundeskanzler Friedrich Merz habe in seinem Abschlussstatement 240 Jahre Goethes “Italienische Reise” erwähnt, Ministerpräsidentin Giorgia Melonis Augen hätten gestrahlt und Kulturminister Alessandro Giuli habe das Verhältnis der beiden “Wahlverwandtschaften” genannt – frei nach dem Roman von Johann Wolfgang von Goethe.

Denn der deutsche Dichterfürst Goethe (1749-1832) dient als Galionsfigur für eine neue Ära der kulturellen Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern, die am Freitag in Rom eingeläutet wurde. Seine legendäre Italienische Reise zwischen 1786 und 1788 schüre bis heute die Italiensehnsucht der Deutschen, sagte Weimer in der Casa di Goethe, wo der Dichter damals in einer Künstler-WG lebte. Heute ist die “Casa di Goethe” das einzige deutsche Museum im Ausland und bedeutender Kulturpartner der neuen Initiative.

“Unser Ziel ist es, in zwei oder drei Jahren einen ‘Jakobsweg der Kultur’ auf die Beine zu stellen”, so Weimer. Konkret soll dieser “Pilgerweg auf den Spuren Goethes” dessen Reise nachzeichnen, auf der der Dichter und Weimarer Minister eine persönliche Sinnkrise überwand. Die Finanzierung dieser “Entdeckungsreise zu Schönheit, Humanismus und kultureller Selbstvergewisserung” übernimmt vor allem die Bundesrepublik, doch zeige sich auch Italien bereit. Neben der Casa di Goethe setze man auf weitere deutsche Institutionen wie die Villa Massimo und das Goethe-Institut; außerdem hoffe man auf Sponsoren, Kulturorganisationen und kommerzielle Partner wie etwa Reiseagenturen.

Ab Herbst soll es zunächst mit einem digitalen Reisespiel und einer Ausstellung in der Casa di Goethe losgehen, erläuterte deren Direktor Gregor Lersch. Gerade die Reisespiel-App dürfte junge Menschen ansprechen: Die User müssen Aufgaben lösen und können verschiedene Perspektiven einnehmen: als Goethe, der antike Bauwerke zeichnet, oder als Einheimischer, der den vermeintlichen Spion misstrauisch beäugt. Ganz nebenbei lernen Spieler den Unterschied zwischen ionischen und dorischen Säulen.

Die physische Reise soll dann nach und nach ermöglicht werden, mit Stationen entlang Goethes Route über Verona, Venedig, Florenz, Rom und Neapel bis nach Sizilien, zu Fuß, per Rad, Auto, Zug oder Bus. Entstehen soll ein Netz von kulturellen und touristischen Initiativen, Veranstaltungen und sonstigen Anlaufpunkten.

Ebenso werden Goethes Reiseetappen in Deutschland, der Schweiz und Österreich mit einbezogen, sagte Weimer. Und im nächsten Jahr soll laut Lersch eine europäische Kulturroute zertifiziert werden – natürlich dann mit dem neuen “Jakobsweg für Goethe”.

Ganz nach dem Vorbild der berühmten Wallfahrtsroute nach Santiago de Compostela könnten sich die “Goethe-Pilger” laut Weimer an verschiedenen Stationen einen Stempel und am Ende in Rom ein Zertifikat abholen. “Dann kommen alle in die Casa di Goethe, die Besucherzahlen werden sich vervielfachen, und vielleicht sollte man hier ein Literaturcafé oder eine Buchhandlung eröffnen, damit wir dieses Thema auch vitalisieren”, sagte Weimer fröhlich. Und natürlich brauche es auch ein Signet wie die berühmte Jakobsmuschel, die unterwegs den Weg weist.

Überhaupt plant der Staatsminister für Kultur und Medien ganz großes deutsch-italienisches Kulturkino. “Wir haben heute auch beschlossen, dass die Italiener sich beim Fernsehsender Arte engagieren”, sagte er. “Arte ist ein sehr deutsch-französisches Projekt gewesen, und ich möchte, dass Arte sich europäisiert.” Aus dem Sender solle eine multilinguale Plattform mit maßgeblicher italienischer Beteiligung werden. Dies sei noch nicht festgezurrt, aber sowohl Italiens wie auch Frankreichs Regierungen hätten Zustimmung signalisiert.

Ein hervorragendes Initiationsprojekt für diese “offensiveren” deutsch-italienischen Kulturbeziehungen sei der neue “Goethe-Jakobsweg”, betonte Weimer. Fraglich, wie dieses Label dem evangelisch-lutherisch geprägten Freimaurer Goethe gefallen hätte. Vielleicht hätte er den von Giorgia Meloni benutzten Verweis auf den Radsport bevorzugt: “Wir haben einen Giro d’Italia”, so die Regierungschefin. “Jetzt werden wir auch einen Giro di Goethe haben.”