Ein deutscher Kirchenmann auf internationalem Parkett

Er traf den US-Präsidenten Truman und baute die deutsche Kirche nach dem Krieg an vorderster Stelle auf. Ein Porträt des ehemaligen hannoverschen Landesbischofs Hanns Lilje, der vor 40 Jahren starb.

Der hannoversche Landesbischof Hanns Lilje spricht mit einem Kirchentagsteilnehmer beim evangelischen Kirchentag 1967 in Hannover. Vom 21. bis 27.06.1967 fand in Hannover unter dem Motto "Der Frieden ist unter uns" der 13. Deutsche Evangelische Kirchentag statt.
Der hannoversche Landesbischof Hanns Lilje spricht mit einem Kirchentagsteilnehmer beim evangelischen Kirchentag 1967 in Hannover. Vom 21. bis 27.06.1967 fand in Hannover unter dem Motto "Der Frieden ist unter uns" der 13. Deutsche Evangelische Kirchentag statt.© epd-bild / Hans Lachmann

Hannover. Er zog das Publikum in seinen Bann. Ganz gleich, ob Hanns Lilje (1899-1977) vor Rundfunk-Mikrofonen sprach, vor Größen der Politik oder vor Tausenden von Jugendlichen – immer lauschten die Menschen gespannt, was der hannoversche Landesbischof zu sagen hatte. "Er hatte die Gabe, so zu reden, dass man zuhören musste", sagt einer seiner Amtsnachfolger, Altbischof Horst Hirschler. Lilje, auch als "Medienbischof" bezeichnet, war einer der einflussreichsten protestantischen Kirchenmänner der Nachkriegszeit. Sein Todestag jährt sich an diesem Freitag zum 40. Mal.
Lilje hat den kirchlichen Wiederaufbau in Deutschland an vorderster Stelle mitgestaltet und dazu beigetragen, dass die deutschen Kirchen nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs rasch wieder ihren Platz in den internationalen Zusammenschlüssen fanden. Bereits 1947 zeichnete ihn die Universität im schottischen Edinburgh mit der Ehrendoktorwürde aus – für einen Deutschen zwei Jahre nach Kriegsende alles andere als selbstverständlich.

In Gestapo-Haft

Glaubwürdig war der überzeugte Lutheraner im In- und Ausland durch seine zehnmonatige Gestapo-Haft 1944/45. Lilje gehörte während der NS-Zeit zur Opposition gegen die Kirchenpolitik der Nationalsozialisten, sah sich aber selbst nicht als Widerstandskämpfer. Schon wenige Monate nach seiner Befreiung aus der Haft durch US-Truppen trat er am 15. Juni 1945 seinen Dienst als Oberlandeskirchenrat in seiner Heimatstadt Hannover an, in der er am 20. August 1899 als Sohn eines Diakons geboren wurde.
Am 17. April 1947 wählte ihn die hannoversche Landessynode einstimmig zum Nachfolger von August Marahrens zum Bischof – ein Amt, das er bis 1971 ausübte. Nach Marahrens‘ Tod wurde Lilje 1950 auch Abt des Klosters Loccum. Er gehörte dem Rat der 1948 gegründeten Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) an. "Er hat dafür gesorgt, dass die evangelischen Institutionen in Hannover Glanz bekamen", sagt Hirschler, der auch als Loccumer Abt einer von Liljes Nachfolgern ist.
Zudem übernahm Lilje zahlreiche Aufgaben auf internationalem Parkett: Von 1952 bis 1957 war er Präsident des Lutherischen Weltbundes. Im Ökumenischen Rat der Kirchen gehörte er den leitenden Komitees an und war von 1968 bis 1975 einer der sechs Präsidenten. Der passionierte Pfeifenraucher profitierte dabei von guten Fremdsprachen-Kenntnissen.

Er ließ sich mit "Hochwürden" anreden

Als Kirchendiplomat traf er auch mit dem US-amerikanischen Präsidenten Harry S. Truman, dem ägyptischen Staatschef Gamal Abdel Nasser oder dem japanischen Kaiser Hirohito zusammen. Weil Lilje, der sich gern mit "Hochwürden" anreden ließ, so oft auf Reisen war, scherzte man in seiner Landeskirche: "Herr, beschütze unseren Bischof, denn Du allein weißt, wo er ist."
In Deutschland setzte er sich vor allem dafür ein, der Kirche in der Öffentlichkeit Gehör zu verschaffen. "Er konnte rundfunksekundengenau predigen", erinnert sich Hirschler. Lilje gründete die Wochenzeitung "Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt", die als "Stimme des Protestantismus" galt und im Jahr 2000 in das Magazin "Chrismon" umgewandelt wurde. 1949 lud er zum ersten bundesweiten evangelischen Kirchentag nach Hannover ein.
Durch das Einwerben von Spendengeldern forcierte Lilje den Umzug der Evangelischen Akademie Hermannsburg bei Celle nach Loccum bei Nienburg, wo er die Akademiearbeit kräftig ausbaute. Am 21. Juli 1971 übergab er sein Bischofsamt an Professor Eduard Lohse. (epd)