Artikel teilen:

Eckart von Hirschhausen über Gesundheit, Klima, Fake News und Kirche

Arzt, Moderator, Mahner: Eckart von Hirschhausen verbindet Klima, Gesundheit und Glauben. Im KNA-Interview erklärt er, warum alles zusammenhängt – und warum er vehement gegen Fake News und gefälschte KI-Werbung kämpft.

Bekannt wurde er als Arzt, Kabarettist und TV-Moderator (“Frag doch mal die Maus”), doch inzwischen hat sich Eckart von Hirschhausen (58) von der Showbühne zurückgezogen. Er dreht weiter Dokumentarfilme und setzt sich vor allem mit seiner “Stiftung Gesunde Erde – Gesunde Menschen” für den Klimaschutz ein. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) redet er außerdem über Gesundheit, Fake News und die Kirchen.

Frage: Herr von Hirschhausen, Sie machen für die ARD Dokus zu Gesundheit und arbeiten gerade an neuen Filmen zur Rolle der Kirchen zur Bewahrung der Schöpfung und parallel zum Thema “Fake News” und Desinformation. Ein großes Durcheinander – oder gibt es einen tieferen Zusammenhang?

Antwort: Es klingt erst wie eine Verschwörungstheorie, aber es sind teilweise die gleichen Menschen, Mächte und Netzwerke, die alles dafür tun, ihre zerstörerischen Geschäftsmodelle von Öl, Gas und Kohle zu verteidigen – und die parallel durch gezielte Desinformation und Fake News dafür sorgen, dass Wissenschaft angegriffen wird, KI-Fakes unser Bild der Wirklichkeit verzerren und dass Menschen sterben an falschen Gesundheitsinformationen oder ideologischen Kürzungen von humanitärer Hilfe. Positiv formuliert freut es mich, dass sich die katholische Kirche auf all diesen Feldern engagiert. Also beim Kampf gegen Hunger, als Verteidigerin ihrer Kernthemen wie Bewahrung der Schöpfung, Gerechtigkeit und Frieden – aber auch als Kämpferin für Pressefreiheit und unabhängigen Journalismus, wie ich es vor kurzem erst vom Medienbischof – Kardinal Marx – gehört habe.

Frage: Der Reihe nach – zuerst zur Gesundheit: Auf der Homepage ihrer Stiftung steht: “Gesunde Menschen gibt es nur auf einer gesunden Erde.” Wenn Sie die aktuelle Weltlage betrachten – wer ist kränker, der Mensch oder die Erde?

Antwort: Krank sind Menschen, die meinen, es gäbe irgendeinen Grund, zum Mars zu fliegen, statt erstmal mit allen Ressourcen unsere Lebensgrundlagen hier auf der Erde zu schützen. Und alle, die meinen, mit KI ließen sich alle Probleme lösen. Unser persönliches Wohlergehen ist untrennbar mit der planetaren Gesundheit verbunden. Wir sind nicht die Krone der Schöpfung, wir sind ein Teil von ihr. Gesundheit – und damit menschenwürdiges Leben – beginnt mit sauberer Luft zum Atmen, Wasser zum Trinken, Pflanzen zum Essen, erträglichen Temperaturen und einem friedlichen Miteinander. Ein Blick in die Nachrichten zeigt: Alle fünf Bereiche sind akut in Gefahr, nichts davon wird von alleine besser, und nichts davon regelt irgendein Markt oder eine Software. Wir waren schon mal viel weiter.

Frage: Woran denken Sie da?

Antwort: 2015 zum Beispiel war ein hoffnungsvolles Jahr – da gab es das Pariser Klimaabkommen und die Agenda 2030 mit den nachhaltigen Entwicklungszielen. Und Papst Franziskus hat sein berühmtes Schreiben zu Umwelt und Klima veröffentlicht: die Enzyklika “Laudato si”. Und dazu hat er sich mit führenden Wissenschaftlern vom Potsdam Institut beraten wie Joachim Schellnhuber und Ottmar Edenhofer.

Frage: Da sind wir bei Thema zwei: Zu “Laudato si” drehen Sie ja auch im Vatikan und bei Praxisprojekten in Deutschland. Die Doku soll im Mai laufen, zu Christi Himmelfahrt während des Katholikentags. Haben die Kirchen die Appelle des Papstes in die Praxis umgesetzt?

Antwort: In Teilen sicher, aber da ist noch Luft nach oben. Ich sehe vor allem drei große Handlungsfelder: Erstens sind die Kirchen riesige Arbeitgeber, etwa im Gesundheitswesen und in Bildung und Erziehung. Auf der Weltklimakonferenz konnte ich mit Bischöfen aus dem Amazonas wie auch von den Philippinen sprechen. Die Menschen, die heute am härtesten leiden, etwa unter extremen Hurrikans und Überschwemmungen, kommen kaum medial bei uns vor. Aber die Kirche hat ihre Antennen rund um die Welt. Und wenn ich sehe, dass für die Fleischproduktion das artenreichste, was wir haben, der Regenwald, zerstört wird, muss doch klar sein: In katholischen Krankenhäusern oder Kindergärten gibt es kein Billigfleisch, sondern leckere pflanzenbasierte und regionale Küche.

Frage: Und zweitens und drittens?

Antwort: Die Kirchen besitzen viel Land. Wie gehen sie damit um? Fruchtbare Böden sind ein immer knapperes kostbares Gut. Sie nachhaltig zu pflegen, ist eine wichtige Frage der Verantwortung gegenüber kommenden Generationen. Verpachten sollten Kirchen nur an regenerative Landwirtschaft. Und als Drittes schaue ich auf die Kapitalanlagen. Wie legen Kirchen ihr Geld an? Unterstützt es den Umbau hin zu erneuerbarer Energie, nachhaltiger Wirtschaft und zu mehr Fairness und Gerechtigkeit? Das sind drei wichtige Hebel, wo die Kirchen auch Vorbild sein können und sollten – für Politik und Gesellschaft. Da fällt mir auch noch Nummer vier ein…

Frage: …und zwar?

Antwort: In einer immer digitaleren und anonymeren Welt brauchen wir mehr Orte, an denen man sich noch analog begegnet. Und Kirchen sind genau solche Orte, von denen es leider immer weniger gibt. Da kann ich sitzen, ohne etwas kaufen zu müssen. Da ist ein Mensch etwas wert, auch wenn er gerade weder “User” noch “Verbraucher” ist.

Frage: Sie sprechen das Digitale an – damit sind wir beim Thema “Fake News” und Desinformation, womit Sie sich ja auch befassen…

Antwort: …gezwungenermaßen. Desinformation berührt zentrale Fragen von Menschenwürde, Wahrheit und Freiheit. Meinungsfreiheit heißt ja auch, dass niemand das Recht hat, mir mit KI eine Meinung in den Mund zu legen, die ich nie hatte.

Frage: Denken Sie da an konkrete Fälle?

Antwort: Oh ja! Ich wurde durch Zuschauer darauf aufmerksam gemacht, die auf Werbung mit TV-Ausschnitten reingefallen sind. Durch KI ist es sehr einfach geworden, Stimmen zu fälschen. Die Software hat aus Videos meinen Tonfall gelernt und dann unter echte TV-Sequenzen meine gefälschte Stimme gelegt. Plötzlich behaupte ich da Dinge, die ich nie gesagt habe. Das ist gruselig, und wird mit jeder neuen Entwicklung der KI immer “echter”. Ich bin gegen diese illegalen Deepfakes auch juristisch vorgegangen, aber es ist wie bei einem Drachen, dem man einen Kopf abhaut: es wachsen gleichzeitig zehn neue falsche Köpfe nach.

Frage: Welche Folgen haben diese Fälschungen?

Antwort: In dem Moment, wo Menschen denken, “ach der Hirschhausen hat ein tolles neues Mittel zum Abnehmen gefunden, da wird schon was dran sein” und ihre persönlichen Daten preisgeben, werden sie am Telefon terrorisiert, bis sie für viel Geld irgendeinen Müll kaufen. Solche KI-Werbung ist die moderne Pest, Menschen bringen ihre Gesundheit in Gefahr, das Vertrauen in öffentliche Personen wird zerstört, die Glaubwürdigkeit des Rundfunks unterminiert und damit verbunden auch die Grundlage unserer Demokratie: Dass man weiß, was stimmt und was nicht. Dänemark hat vorgeführt, wie man reagieren kann: Wer echte Menschen digital fälscht, macht sich dort strafbar. Das wäre auch in Deutschland ein starkes Zeichen.

Frage: Sie sind ja selbst Medienprofi, weisen aber auch immer wieder auf Gefahren hin. Welche sehen Sie da noch?

Antwort: Wo soll ich anfangen? Ein paar Stichworte: Wir lassen uns allzu sehr treiben von einer Nachrichtenlage, die oft einseitig negativ dominiert ist. Dabei gehen viele positive Entwicklungen unter. Die meist nicht besonders sozialen Sozialen Medien folgen einer fiesen Logik: Je kürzer die Aufmerksamkeitsspanne und je polarisierender der Inhalt, desto mehr wird er verbreitet. Und dieses ständige Reagieren auf Newsfeeds macht auch müde. Dazu kommt die permanente Ablenkung durch Themen, die kommerziell getrieben sind. Zum Glück gibt es aber immer noch viel mehr vernünftige Menschen in der Welt, als in den Medien vorkommen.

Frage: Andere sagen, die Medienwelt ist so vielfältig, dass jeder die passenden Informationen finden könnte…

Antwort: Schön wär’s! In meiner Jugend in Berlin gab es am Kiosk zehn verschiedene Lokalzeitungen – heute ist davon kaum etwas geblieben. Auf dem Land ist es noch schwieriger. Regionaljournalismus verschwindet. Früher wurde Medienvielfalt durch Anzeigenmärkte finanziert, die heute alle ins Netz abgewandert sind. Milliarden an Werbeeinnahmen landen bei internationalen Plattformen, die weder Steuern zahlen noch sich an Gesetze halten. Das zerstört unsere Meinungsvielfalt – gezielt. Und viele junge Menschen kennen gar nicht mehr den Unterschied zwischen Werbung und redaktionellem Inhalt – auf Youtube, Tiktok und Co. verschwimmt das völlig.

Frage: Jetzt haben Sie viele Probleme beschrieben, die die Welt nicht gerade gesünder machen. Als Arzt, der Sie ja auch sind, folgen auf die Diagnose idealerweise Behandlung und Heilung. Was ist Ihr Rezept dagegen? Und was kann jede und jeder Einzelne tun, um die Erde wieder etwas gesünder zu machen?

Antwort: Es ist schwer, die Welt ehrenamtlich zu retten, wenn sie anderswo hauptberuflich zerstört wird. Aber wichtig ist vor allem, nicht allein zu bleiben. Die Individualisierung von Verantwortung ist Teil der Ablenkungsstrategie. Veränderung entsteht in Allianzen, in Netzwerken, in überraschenden Verbindungen der Gutwilligen. Da bin ich Christ genug, um an diese Kraft zu glauben. Man sollte andere Menschen auch fragen: Was ist dir wichtig? Was ist dir heilig – im Sinne von: Was soll heil bleiben? Da gibt es mehr gemeinsame Werte, als der Lärm in den Sozialen Medien glauben macht. Egal woran man glaubt: Wir wollen doch im Grunde unseres Herzens so leben, dass die nächsten Generationen uns wohlwollend in Erinnerung behalten. Und das heißt auch: Endlich aufzuhören, uns die Hitzehölle auf Erden zu bereiten, und alles heute Mögliche zu tun für eine enkeltaugliche Zukunft.