„Spaltungen, an die wir uns viel zu sehr gewöhnt haben.“ So nennt der frühere Landesbischof und ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm die konfessionelle Verschiedenheit innerhalb der „einen Kirche Jesu Christi“. Dabei sei der biblische Auftrag zur Einheit der Kirche eindeutig, schreibt der evangelische Theologe in seinem Vorwort zu einem in seinen Augen „besonderen Buch“. Es trägt den Titel „Stehenlassen und weitergehen“.
Geschrieben haben es drei Freunde unterschiedlicher Konfessionen aus Niederbayern nach einer gemeinsamen Pilgerreise auf dem Franziskusweg in Italien. Auch für die drei theologischen Laien steht fest, dass eine Einheit der Christen noch in weiter Ferne liegt. Was sie aber auf ihrer Pilgerreise entdecken ist eine „Ökumene des Herzens“, wie Bedford-Strohm es nennt. Gemeint ist eine Haltung, „wichtig zu nehmen, was der andere aufrichtig glaubt, will und tut“, wie es der Weltkirchenrat, dem Bedford-Strohm vorsitzt, 2022 in einem Dokument verabschiedet hat. „Die Suche nach Einheit, die von Liebe inspiriert und in einer tiefen und gegenseitigen Beziehung verwurzelt ist.“
Die drei Männer aus dem Rottal haben sich auf den Weg gemacht, diese Einheit der Christen ganz lebenspraktisch zu suchen. Peter Wolfrum (69) ist evangelisch, Richard Stieglbauer (57) katholisch und Fred Haller (58) gehört einer Freikirche an. Alle drei sind engagierte Christen: Wolfrum ist Prädikant in seiner evangelischen Gemeinde in Pfarrkirchen und organisiert Pilgertage im Landkreis. Er lernte Stieglbauer, der im Lektorendienst in Anzenkirchen tätig ist und dem dritten Franziskanischen Orden angehört, 2022 beim Pilgern kennen. Mit Fred Haller aus Eggenfelden, der in der Kirchenleitung mitarbeitet, ist Wolfrum bei einem Passionsspiel in Pfarrkirchen zusammengekommen, in dem sie als Darsteller mitwirkten.
Aus ihren zufälligen Begegnungen ist eine Freundschaft über Glaubensgrenzen hinweg entstanden. Irgendwann beschlossen sie, gemeinsam auf Pilgerreise zu gehen und entschieden sich für den Franziskusweg. Stieglbauer wollte von Florenz bis Assisi wandern. Aber seine beiden Begleiter trauten sich die vierzehn Etappen nicht so recht zu und so einigten sie sich, den Abschnitt von Gubbio über Assisi bis nach Spoleto zu gehen. Es sind sechs Etappen mit einem Tag Aufenthalt in Assisi und etwa 110 Kilometer. Den Termin legten sie zwischen Ostern und Pfingsten 2024.
In ihrem Buch nehmen sie den Leser und die Leserin mit auf Pilgerschaft, lassen sie Anteil haben an den malerischen Landschaften, historischen Plätzen, Kapellen und Klöstern. Aber die Autoren geben auch Einblicke in ihre Gespräche, Gedanken und Wahrnehmungen. Es geht um viele zentrale Themen gläubigen Lebens: ums Beten, den Umgang mit Besitz, um das evangelische Abendmahl und die katholische Eucharistie, um die Frage, warum Gott Krankheit und Leid zulässt, um den Tod und was danach kommt, um die zehn Gebote und um den Heiligen Geist.
Aber es geht auch um die Kirche und die Hürden für das Zusammenwachsen. Wolfrum bedauert es, „wenn Rituale und Regeln sich in ihrer Bedeutung so stark auswachsen, dass sie den Blick auf Jesus verstellen und zum Selbstzweck verkommen“, sagt er. Stieglbauer macht deutlich, dass Menschen aus anderen Konfessionen für ihn eine „Bereicherung“ seien: „Deren Glaubensleben, Rituale und Ansichten zeigen mir oftmals einen anderen Blickwinkel und lassen mich bestimmte Themen in einem neuen Licht betrachten.“ Für Haller ist Kirche „einzig die Gemeinschaft der Nachfolger Jesu, zu denen ich mich und auch euch beide zähle“.
Die Ökumene an der Spitze und die Ökumene an der Basis gehören zusammen, erläutert Bedford-Strohm in seinem Vorwort. Für ihn liest sich das Buch als „lebensweltlicher Kommentar“ zum Weltkirchenrats-Aufruf, den Weg zur Einheit der Kirchen beherzt weiterzugehen. „Es ist nicht von Theologen, sondern einfach von engagierten Christen geschrieben. Aber vielleicht erreicht es genau dadurch Menschen, die die gleichen Fragen haben wie die Autoren und die sich gerne in ihr Gespräch mit hineinnehmen lassen.“ Zur Autorenlesung am 31. Januar, auf der das Buch zum ersten Mal vorgestellt wird, kommt der frühere Landesbischof nach Pfarrkirchen und referiert über „Ökumene“. (0260/26.01.2026)