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Drama über Migration, Gewalt und Identität auf Arte

Bordeaux, Fremdenlegion, Nigerdelta: “Disco Boy” erzählt von Migration, Gewalt und Identität. Der Film folgt einem jungen Mann zwischen Kasernen, Krieg und Clubnächten – visuell betörend, politisch verstörend.

Crème Caramel, Pain au Chocolat, Camembert: Das Bild von Frankreich, dem Ziel von Alexej und Michail, ist nicht sonderlich komplex. Beim Überqueren der Oder werfen sich die beiden jungen Männer, die sich in einer Gruppe Fußballfans von Belarus nach Polen geschmuggelt haben, die Begriffe wie Bälle zu. Vive la France! Doch als Alexej das Ufer erreicht, ist der Freund für immer verschwunden.

Alexej besitzt nichts außer ein paar Habseligkeiten in einer kleinen blauen Plastiktüte, nicht einmal eine Vergangenheit, die der Film teilen und der Figur etwas zum Festhalten geben würde. Wie kommt dieser illegale Migrant zu einer Geschichte mit dem schillernden Titel “Disco Boy”? Arte zeigt das Drama am 11. Feburar ab 23.00 Uhr.

Mit der Aussicht auf eine französische Staatsbürgerschaft schließt sich Alexej der Fremdenlegion an – nach seiner Vorgeschichte wird nicht gefragt. Anwälte, Geschäftsführer, Soldaten der Roten Armee, Faschisten: Bei der Legion sind alle gleich. Was zählt, ist nicht das “empfangene” Blut, sondern das “vergossene”. So steht es zumindest in der Kasernenwand gemeißelt.

Der italienische Filmemacher Giacomo Abbruzzese filmt die Fremdenlegion mit einem faszinierten Blick für Körper. Anders als die soldatischen Körper im Kriegsfilm laden sie trotz Verausgabung und Schlamm im Gesicht geradezu dazu ein, ästhetisch betrachtet zu werden. Abbruzzeses Ansatz ist dem Actionkino jedoch weitaus näher. Eine längere, hochdynamische Sequenz, in der die Männer durch einen Wald rennen, bis ihre “Lungen explodieren”, erinnert an eine Treibjagd.

Der Tanztheater-erprobte Darsteller Franz Rogowski ist für die Rolle des Alexej wie gemacht; auch die gröbste Schinderei sieht bei ihm noch geschmeidig und irgendwie tänzerisch aus. In seinem Gesicht findet sich bei aller Verschlagenheit auch etwas Zartes, Verletzliches, das ihn von den jenen Legionären unterscheidet, die stets von einer dicken Testosteronwolke umgeben zu sein scheinen.

In einem anderen, einem tropischen Wald, kämpft Jomo als Aktivist einer Rebellengruppe gegen internationale Ölkonzerne und die nigerianische Regierung. Der Ortswechsel von Frankreich ins Nigerdelta schenkt dem Film seinen vielleicht irrsten Moment. Ein Motorboot, darin eine aufrechtstehende Frau mit der Haltung einer stolzen Königin, braust ins Bild und macht vor einer Gruppe vermummter Guerrillakämpfer Halt: “Hi, Guys, wir sind für ein Interview hier.” Die Reporterin ist beglückt, als die Männer mit ihren Maschinengewehren herumknattern und ihr spektakuläre Bilder für die Story liefern.

In wiederholten Luftaufnahmen zeigt sich das Ausmaß der Verwüstung: Mangroven, Sümpfe, Flussarme sind ölverseucht, rostige Pipelines liegen in der Landschaft, im Hintergrund rauchen Schornsteine, Regierungstruppen brennen Dörfer nieder. Der Inszenierung geht es auch hier mehr um die optischen Reize der Apokalypse als um die verbrecherischen Verbindungen von globaler Wirtschaft und Politik.

Eine Geiselnahme führt die beiden Erzählstränge schließlich zusammen. Als eine Einheit der französischen Legion mit der Befreiung beauftragt wird, stehen sich Alexej und Jomo nachts an einem Fluss gegenüber. Den Zweikampf zwischen den beiden Männern filmt die Kamerafrau Hélène Louvart in einer betörenden Wärmebild-Sequenz. Die Nachtsichtgeräte tauchen die Leinwand in leuchtende, sich bewegende Formen aus Blau, Orange, Gelb. Jomo verliert dabei sein Leben.

Nach der Rückkehr stürzen sich die Legionäre ins Nachtleben von Paris; auf Alexej aber hat sich ein Schatten gelegt. In einem Club stößt er mit zwei Gläsern Bordeaux auf seinen verstorbenen Freund an; Träume von Jomo holen ihn ein, eine afrikanische Tänzerin, die aus Nigeria geflüchtete Schwester des Toten, bannt ihn mit ihrem Auftritt.

“Disco Boy” ist nun ganz im Raum des Phantasmas angelangt. Zu den pulsierenden Elektrobeats des französischen Techno-Musikers Vitalic findet im “Tempel” des Clubs eine Verwandlung statt, eine Übertragung, eine Anverwandlung – die schrägen politischen Implikationen dieser Reinkarnation oder auch Einverleibung des schwarzen Körpers lassen sich schwerlich ausblenden.

“Disco Boy” ist dennoch ein oft verführerischer Film, eine sensuelle Erfahrung, ein Film der Oberflächen und Attraktionen. Er streut Begriffe (Bordeaux, Diamantenhandel) und Kontexte (Migration, Identität, Fremdenlegion, Guerilla, Umweltzerstörung) ein wie affektive Reize – und geht ganz in Körperbildern auf.