Die österreichisch-ungarische Kaiserin Sisi erlebt derzeit eine mediale Aufmerksamkeit wie selten in den gut 120 Jahren seit ihrem gewaltsamen Tod. "Die Kaiserin" erhielt jetzt den International Emmy als beste Serie.
Große Ehre für Sisi: Die deutsche Serie "Die Kaiserin" ist in der Nacht zum Dienstag mit dem International Emmy als beste Dramaserie ausgezeichnet worden. Die auf Netflix zu sehende sechsteilige Miniserie befasst sich vor allem mit den Anfängen der ewig jungen und schönen österreichisch-ungarischen Kaiserin. Inzwischen hat der Streamingdienst eine zweite Staffel angekündigt.
Über die schöne, freigeistige und unglückliche Sisi in ihrem goldenen Käfig lassen sich viele noch immer hochaktuelle Fragen verhandeln: Die zumindest in ihren Anfängen tatsächlich wohl große Liebesgeschichte zwischen dem ungestümen bayerischen Wildfang und dem österreichischen Kaiser, der obendrein eigentlich Sisis Schwester heiraten sollte. Oder Sisi als moderne, ungewöhnlich attraktive Bildikone; über ihre medial verbreitete Darstellung behielt die Kaiserin stets die Kontrolle.
Dazu aber auch die Kehrseite der hohen Schauwerte: Ein rigides Schönheits- und Sportprogramm, der Kampf zwischen dem freiheitsliebenden Individuum und seiner stark reglementierten Funktion am Wiener Hof. Die höfischen Intrigen, das Reduziertsein aufs Repräsentieren, das der Staatsräson unterworfene Leben.
Schließlich die Dramen in ihrem Leben: Tod einer Tochter, Selbstmord des Sohnes, das eigene frühe, gewaltsame Ableben. Aber auch die politischen Umtriebe jener Tage lassen sich über die Figur der Habsburger Herrscherin erzählen. Und außerdem ist Sisis Geschichte auch die einer zumindest erprobten weiblichen Befreiung, was sie heute besonders interessant macht.
Die Serie "Die Kaiserin" bemüht sich, sämtliche Aspekte ein Stück weit zu bedienen. Auch wenn dies nicht ganz aufgeht, ist die Adaption doch insgesamt sehr gelungen. Was zu einem nicht geringen Teil an ihrer fantastischen Besetzung, allen voran der Hauptdarstellerin Devrim Lingnau liegt. Mit der Kaiserin Elisabeth, die hier übrigens wiederholt darauf beharrt, mit ihrem vollen Namen angesprochen zu werden und damit das süßliche Sisi-Bild abzustreifen versucht, gelingt der bislang eher unbekannten jungen Darstellerin ein spektakulärer Auftritt. Darin ist sie der Kaiserin gar nicht unähnlich, die gleich am Hochzeitstag die Herzen des Volkes erobert.
Auch Lingnau besitzt einen natürlichen Charme, gepaart mit Nahbarkeit, jugendlicher Frische und Verletzlichkeit, aber auch Reflektiertheit und Willensstärke. Philip Froissant als nur wenige Jahre älterer Kaiser Franz Joseph hat es neben dieser außergewöhnlichen Figur wenig überraschend schwerer; an der Seite der schillernden Elisabeth wirkt er naturgemäß ein wenig blasser, überzeugt aber gleichwohl als sich seinen Platz zwischen Tradition und Reform suchender Monarch.
Drehbuchautorin Katharina Eyssen und die Regisseure Katrin Gebbe und Florian Cossen befreien ihre Erzählung stimmig von so manchem historischen Ballast, um Raum zu schaffen für die Seelenzustände ihrer Protagonisten. So verwandelt sich etwa eine Darbietung zu Ehren des Kaiserpaares in einen modernen Tanz, der Elisabeths Beklemmung und Ängste widerspiegelt. Auf einer Soiree vermittelt das optisch an Grufties, androgyn-queere Rockstars oder auch die Goldenen Zwanziger erinnernde Personal Rausch, Exzess und neue Zeiten. Und Franz Joseph darf sogar "Scheiße!" sagen.
Gelegentlich will die durch präzise Dialoge auffallende Serie zu viel. Sie verheddert sich in ihren vielen Handlungsfäden und schafft es nicht immer, jeden einzelnen davon zu einer runden Geschichte zu formen. Derlei wirkt eher überflüssig und scheint vor allem von dem Willen zu zeugen, "Die Kaiserin" zu einem dramatischen Epos voller Liebe, Hass, Leidenschaft, Verrat und Missgunst aufzublasen. Was diese Sisi-Interpretation überhaupt nicht nötig hätte.
Sehr gut ist die optisch sehr hochwertige, handwerklich aufwendige Serie immer dann, wenn sie nahe bei ihrer Hauptfigur bleibt. Im wahrsten Sinne des Wortes etwa in einer fast klaustrophobischen Szene, wenn die junge Frau in einer gläsernen Kutsche auf dem Weg zu ihrer Hochzeit das verstörende Wechselspiel aus Bewunderung und Bedrohung durch ihre "Fans" erlebt - ein zeitloser Kommentar zum Thema öffentliche Aufmerksamkeit.