Die Blaue Moschee: „Außenposten Teherans“ oder harmloses Gebetshaus?

Das Islamische Zentrum Hamburg ist für den Verfassungsschutz der lange Arm des iranischen Regimes in Deutschland. Was sagt der Leiter des Zentrums dazu? Ein Ortsbesuch.

Die Imam-Ali-Moschee des Islamische Zentrums Hamburg ist im Visier des Verfassungsschutzes
Die Imam-Ali-Moschee des Islamische Zentrums Hamburg ist im Visier des Verfassungsschutzesimago/Future Image

Zwischen Stadtvillen an der Hamburger Außenalster ragt ein türkises Gebäude mit zwei Türmen empor. Reich verzierte Fliesen schmücken die Fassade. Auf der Kuppel prangt in arabischen Lettern das Wort Allah. Die sogenannte Blaue Moschee – Adresse: „Schöne Aussicht 36“ – liegt in bester Umgebung. Ihr Trägerverein, das Islamische Zentrum Hamburg (IZH), steht jedoch seit Beginn der jüngsten Protestwelle im Iran verstärkt unter Druck.

Der Hamburger Verfassungsschutz sieht in der von iranischen Schiiten gegründeten Gruppierung seit Langem einen „weisungsgebundenen Außenposten Teherans“, also des iranischen Regimes, dessen Polizisten und Soldaten in den vergangenen Wochen Menschenrechtlern zufolge mehrere Hundert Demonstranten getötet und mehr als Zehntausend verhaftet haben sollen. Der Verein verbreite die demokratiefeindlichen und antisemitischen Überzeugungen des Regimes in Deutschland und Europa, so der zentrale Vorwurf. Zuletzt häuften sich die Forderungen von Politikern und teils auch Exil-Iranern nach einem Verbot. Anfang November hat der Bundestag beschlossen, die Regierung solle prüfen, ob das Islamische Zentrum geschlossen werden könne.

Männer und Frauen beten gemeinsam

Was sagt IZH-Leiter Mohammad Mofatteh zu den Vorwürfen der Verfassungsschützer? Eine Interview-Anfrage der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) nimmt der Imam ohne Zögern an und lädt in die Blaue Moschee ein. Im Hauptraum des Gotteshauses läuft gerade ein Gebet, an dem Männer und Frauen gemeinsam teilnehmen. Die Ansprache beim Freitagsgebet werde simultan auf Persisch, Deutsch, Arabisch und Türkisch übersetzt, erklärt ein Mitarbeiter. An einem Stand liegen ausschließlich deutsche Publikationen aus. Laut Verfassungsschutz, der die Gruppierung seit 1993 beobachtet, ist das auf den ersten Blick gemäßigte Auftreten aber nur Fassade.

Gegründet von iranischen Kaufleuten

Der Verein IZH wurde 1953 von iranischen Kaufleuten gegründet, die bald darauf die Imam-Ali-Moschee errichteten, wie sie offiziell heißt. Heute ist sie Anlaufstelle für schiitische Muslime verschiedener Nationen – neben Iranern vor allem Afghanen, Araber, Libanesen, Pakistaner und Türken sowie deutsche Konvertiten. Der Verein ist Gründungsmitglied des Zentralrats der Muslime in Deutschland und war Gründungsmitglied des Rats der islamischen Gemeinschaften Hamburg (Schura). Im November erklärte er seinen Austritt aus der Schura – und kam damit mutmaßlich seinem Ausschluss aus dem Dachverband zuvor, der Vertragspartner der Stadt Hamburg ist.

Alle bisherigen IZH-Leiter stammten aus dem Iran – so auch Mofatteh. Der 55-jährige promovierte Theologe steht seit 2018 an der Spitze des Zentrums. Hinter seinem Schreibtisch hängt ein Bild des schiitischen iranischen Theologen Hossein Borudscherdi. Daneben steht eine Fotomontage, die den früheren iranischen Revolutionsführer Ruhollah Chomeini und seinen Nachfolger Ali Chamenei zeigt – das heutige religiöse und politische Oberhaupt des Irans. Mofatteh trägt einen Vollbart und die Kleidung eines schiitischen Geistlichen: langes Gewand und Turban. Er spricht Farsi und hat einen Übersetzer an seiner Seite. Außerdem sind beim Interview zwei weitere IZH-Theologen dabei sowie ein Mitarbeiter, der alle Aussagen mitschreibt.

Gebet in der Blauen Moschee (Archiv)
Gebet in der Blauen Moschee (Archiv)imago stock&people

„Das Islamische Zentrum Hamburg war von Anfang an kein iranisches Zentrum, sondern ein islamisches“, erklärt Mofatteh. Es habe immer gute Verbindungen zu anderen Religionen und Konfessionen gepflegt. Nicht nur Schiiten, sondern auch Muslime anderer Glaubensrichtungen seien willkommen.

Nach der iranischen Revolution 1979 hätten die deutschen Behörden den Fehlschluss gezogen, dass es sich um ein iranisches Zentrum handele. „Immer wenn das Verhältnis zwischen Deutschland und dem Iran gut ist, haben wir unsere Ruhe. Wenn es schlecht ist, bekommen wir Kritik“, sagt der Imam sichtbar genervt.

„Wir sind ein reines Gotteshaus“

Dass er Beziehungen in den Iran pflegt, streitet der IZH-Leiter nicht ab. Er fliege regelmäßig in sein Heimatland und treffe sich dann normalerweise auch mit Chamenei. Bei seinem letzten Besuch im August und September 2022 sei er ihm jedoch coronabedingt nicht begegnet.

Allerdings, so Mofatteh, sei er kein Vertreter der iranischen Regierung, sondern der sogenannten Quellen der Nachahmung, also wichtiger theologischer Instanzen des Schiitentums. Chamenei gehöre dazu „in seiner Rolle als Religionsführer, nicht als Staatsoberhaupt“, genauso der irakische Gelehrte Ali al-Sistani und mehrere andere.

„Wir sind ein reines Gotteshaus und haben nichts mit Politik zu tun“, versichert Mofatteh. Auf die Frage, ob das im Iran denn zu trennen sei, antwortet er: „Wir mischen uns nicht in die Politik ein.“

Kein Wort zu den Protesten

Zu den Protesten im Iran und den Reaktionen der dortigen Regierung will sich der IZH-Leiter nicht äußern. „Die Proteste hatten bei meinem letzten Besuch noch nicht begonnen“, begründet er – und: „Ich habe bislang nicht mit eigenen Augen gesehen, was dort passiert.“ Grundsätzlich sei er der Auffassung, dass die Gesetze des jeweiligen Landes geachtet werden müssten. Das gelte auch für das IZH, das sich an alle Gesetze in Deutschland halte.

Alle Vorwürfe des Verfassungsschutzes weist Mofatteh zurück. Die Behörde beschuldigt das IZH unter anderem, ein demokratiefeindliches Buch mitherausgegeben zu haben. Es geht um die deutsche Ausgabe von Chomeinis „Der Islamische Staat“, laut der sich staatliches Handeln nur am islamischen Rechtssystem, der Scharia, zu orientieren hat.

Die Spitze der Blauen Moschee vor blauem Himmel
Die Spitze der Blauen Moschee vor blauem Himmelimago/JOKER

Ja, das IZH sei an der Herausgeberschaft beteiligt, sagt Mofatteh. Aber es handele sich um ein historisches und wissenschaftliches Buch, vergleichbar mit den Schriften Martin Luthers, die antisemitische Äußerungen enthielten und trotzdem weiterhin veröffentlicht würden.

Auch sei es richtig, dass Besucher und Mitarbeiter des IZH bis 2018 an der jährlichen israelkritischen Demonstration zum von Chomeini ausgerufenen „al-Quds-Tag“ („Jerusalem-Tag“) in Berlin teilgenommen hätten, bei der es regelmäßig zu antisemitischen Vorfällen kommt. Allerdings handele es sich um eine von den Behörden genehmigte Versammlung, bei der legitime Kritik an der israelischen Regierung geäußert werde, so der Imam. Die Mitarbeiter hätten zudem nicht im Namen des IZH, sondern an ihrem freien Tag teilgenommen.

Und was sagt Mofatteh dazu, dass sein Stellvertreter im November vergangenen Jahres aus Deutschland ausreisen musste? Laut Verfassungsschutz hat er Verbindungen zu zwei für die schiitische Terrororganisation Hisbollah tätigen Spendensammelvereinen gepflegt, die mittlerweile verboten wurden. Die Verbindungen hätten nur vor dem Vereinsverbot bestanden und seien damit legal gewesen, so der Theologe. Man habe den Mann aber „aus Respekt vor dem Gesetz“ von seinen Aufgaben entbunden.

Beschluss des Bundestags begrüßt

Mofatteh beharrt auf dem Standpunkt, die Behauptungen des Verfassungsschutzes entsprächen nicht der Wahrheit. Ende 2020 habe das IZH gegen seine Erwähnung in früheren Verfassungsschutzberichten beim Verwaltungsgericht Hamburg geklagt. Man hoffe, dass sich alles aufklären werde. Allerdings warte man seither vergeblich auf einen Verhandlungstermin. Ein Gerichtssprecher erklärt auf Anfrage, die Verfahrensdauer liege „in der Gesamtbelastung der zuständigen Kammer“ begründet.

Den jüngsten Bundestagsbeschluss zum IZH begrüßt Mofatteh indes. Vielleicht könne die Prüfung eines Verbots dazu beitragen, dass die Wahrheit über das IZH ans Licht komme, meint er. Ob das Prüfverfahren der Bundesregierung bereits läuft und wie lange es dauern wird, ist unklar. Man äußere sich generell nicht zu Verbotsüberlegungen, heißt es auf Anfrage aus dem Bundesinnenministerium. Fest steht nur: Für ein Vereinsverbot gelten in Deutschland hohe juristische Hürden.

IZH-Leiter Mofatteh bittet zum Abschluss des knapp zweistündigen Gesprächs um eine „freundliche“ Berichterstattung. Vor dem anschließenden Fotoshooting passiert etwas Ungewöhnliches: Er dreht die Bilder der iranischen und irakischen Gelehrten hinter seinem Schreibtisch um. Seine Begründung: Sie zu zeigen, würde nur Kritik hervorrufen.