Was haben Wien und Canterbury gemeinsam? – Antwort: ein Anklopf-Ritual. Sarah Mullally musste am Mittwoch vor ihrer Bischofskirche warten und dreimal ans Tor der Kathedrale klopfen, bevor der Kathedraldekan öffnete.
Ähnlich wie das habsburgische Hofzeremoniell an der Wiener Kapuzinergruft kennen auch die Inthronisierungsfeiern des anglikanischen Erzbischofs von Canterbury ein Anklopfritual. Demnach musste die neue Erzbischöfin Sarah Mullally (63) am Mittwoch zunächst vor dem Westportal der Kathedrale warten.
Der Kathedraldekan verlas drinnen einen Brief von König Charles III., dem weltlichen Oberhaupt der anglikanischen Staatskirche. Dieses Schreiben gestattete dem Dekan und der Kathedralgemeinde, die Erzbischöfin am Portal in Empfang zu nehmen und zu begrüßen.
Daraufhin klopfte Mullally dreimal an das Tor, und der Dekan öffnete. Mullally wurde zum Altar geleitet, wo die Nummer zwei der anglikanischen Kirchenhierarchie, Erzbischof Stephen Cottrell von York, sie aufforderte, einen Treueid auf die Gesetze der Kirche von England und einen weiteren auf den König zu schwören.
Das neue geistliche Kirchenoberhaupt schwört in der Zeremonie auf das sogenannte Augustinus-Evangeliar, eine illuminierte Prachtbibel aus Oberitalien aus dem 6. Jahrhundert. Dieses Buch brachte womöglich der heilige Augustinus von Canterbury (gest. 604/605), der römische Missionar der Angelsachsen und erste Erzbischof von Canterbury, 597 selbst nach England mit. Es gehört zu den ältesten erhaltenen lateinischen Evangeliaren der europäischen Buchkunst.
Danach wird der neue Erzbischof – bzw. die Erzbischöfin – zum Bischofsstuhl von Canterbury geführt; er/sie nimmt Platz und ist damit offiziell Leiter der südlichen Kirchenprovinz Englands. Anschließend wird er/sie zum zweiten Thron geleitet, dem Stuhl des heiligen Augustinus; dort setzt ihn bzw. sie der Kathedraldekan als Primas von England (und damit Ehrenoberhaupt der anglikanischen Weltgemeinschaft) ein. Er/sie verliest das Evangelium und predigt erstmals vom Stuhl des heiligen Augustinus.