Der wohl letzte indigene Held vom Omaha Beach ist tot

D-Day-Veteran Shay stirbt 101-jährig in der Normandie

Die Probleme der Welt lassen sich nicht mit Krieg lösen. Darauf hat Charles Norman Shay bestanden. Am Mittwoch ist der letzte US-Ureinwohner unter den Veteranen der Landung in der Normandie gestorben. Mit 101 Jahren.

Er hat sich zeitlebens keine Filme über die Ereignisse jenes 6. Juni 1944 angeschaut. Lange war das sein Versuch, das, was er selbst am D-Day in der Normandie erlebt hat, zu vergessen: das Trommelfeuer der Deutschen am Omaha Beach, seine Kameraden, die mit fehlenden Gliedmaßen am Strand lagen, die Schreie der Sterbenden. "Ich habe verdrängt, vergessen konnte ich all das natürlich nicht", sagte er vor zwei Jahren.

Charles Norman Shay starb als Held und hoch dekoriert am Mittwoch mit 101 Jahren in der Normandie, wie sein nächstes Umfeld der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) bestätigte. Dorthin war er mit über 90 Jahren zurückgekehrt. Er lebte nur wenige Kilometer entfernt von "Bloody Omaha", jenem Strand, wo er als Sanitäter der 1. Infanterie-Division, der "Big Red One", Dutzende Verwundete versorgt hatte.

In seinen letzten Lebensjahren sah er es als seine Pflicht an, bei Jahrestagen oder vor Schulklassen an den Schrecken des Weltkriegs zu erinnern. Shay war der letzte lebende US-Ureinwohner unter den Veteranen der Landung. Vermutlich war er auch der letzte Überlebende der ersten Angriffswelle, die gegen 6.30 Uhr die französische Küste erreichte.

"Es gab nur wenige Zeiten und Orte in der Geschichte, die so tödlich waren", schreibt er in seiner 2024 erschienenen Autobiographie. Dass er die Landung und die anschließenden Kämpfe in der Normandie, im Hürtgenwald und in den Ardennen ohne einen Kratzer überstanden hat, schob der American Native vom Volk der Penobscot immer auf die Gebete seiner Mutter. Auch seine drei Brüder überlebten den Krieg.

Charles Norman Shay kommt am 27. Juni 1924 im US-Staat Connecticut zur Welt. Mit Beginn der Großen Depression 1929 zieht die Familie nach Maine, ins Reservat der Penobscot. Shay lebt auf einer Insel im Maine-River, die er nur schwimmend oder im Einbaum erreicht. Die Familie lebt vom Verkauf selbst hergestellter Körbe. Als die Einberufung zum Militärdienst kommt, weigert sich seine Mutter Florence Nicolar, eine Vorkämpferin für die Rechte der Ureinwohner, ihre Söhne ziehen zu lassen.

"Die Ureinwohner im Bundesstaat Maine hatten bis 1954 kein Wahlrecht. Meine Mutter sagte: Solange wir nicht wählen dürfen, kämpft ihr auch nicht für unser Land." Der Protest blieb erfolglos. Shay musste als Sanitäter in den Krieg ziehen. Unter den 155.000 Soldaten, die am 6. Juni in der Normandie anlandeten, waren 750 Ureinwohner, ihnen ist das Charles Shay Indian Memorial am Strand von Saint-Laurent-sur-Mer gewidmet. Shay selbst weihte es 2018 ein.

Unweit dieser Stelle springt Shay am 6. Juni frühmorgens aus seinem Landungsboot und watet durch brusthohes Wasser. "Sofort standen wir unter Beschuss. Die meisten Männer in den ersten Reihen wurden direkt getötet", erinnerte er sich fast 80 Jahre später. "Die Soldaten links und rechts von mir waren so schwer mit Gewehren und Munition beladen, dass einige sofort ertranken."

Den ganzen Tag über versorgt Shay Verwundete, von den 200 Männern seiner F-Company wird die Hälfte getötet oder schwer verwundet. "Noch mehr wären wohl gestorben, wäre Charles nicht gewesen", schreibt der britische Autor Alex Kershaw in seinem Vorwort zu Shays Biografie. Einer der Getöteten ist sein enger Freund Edward Morozewicz, er stirbt in Shays Armen. Der Überlebende besuchte das Grab auf dem US-Soldatenfriedhof in Colleville-sur-Mer bis zuletzt regelmäßig.

Für seinen Einsatz und seine Tapferkeit wird Shay bereits 1944 mit dem Silver Star der US-Streitkräfte ausgezeichnet, 2007 erhält er als erster amerikanischer Ureinwohner überhaupt aus den Händen des französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy den Orden der Ehrenlegion.

Mit seiner 1. Infanterie-Division kämpft Charles später im Hürtgenwald, in der Schlacht um Aachen und in den Ardennen. In der Eifel kommt ebenfalls ein Freund von ihm ums Leben. "Ich bekam einen Zusammenbruch und konnte nicht aufhören zu weinen", schreibt er Jahre später. 2018 reiste Charles in den Hürtgenwald und besuchte mithilfe örtlicher Historiker das Schützenloch, in dem sein Freund starb.

Im März 1945 gerät Shay in Auel bei Bonn in deutsche Kriegsgefangenschaft und wird - wider Erwarten - gut behandelt. Einen Monat später befreien ihn US- Truppen, ein Schiff bringt ihn von Bremerhaven zurück in die USA. Weil er keinen Job findet, meldet er sich wieder zur Armee und nimmt am Korea-Krieg teil. In den 60er Jahren verlässt er die Armee, zieht nach Wien und heiratet die Österreicherin Lilli Bollarth.

Er arbeitet für die Internationale Atomenergie-Organisation, später als Sicherheitsoffizier und Chauffeur für das Flüchtlingshilfswerk UNHCR. Einmal sitzt Steven Spielberg in seinem Auto, der Hollywood-Regisseur also, der 1998 "Soldat James Ryan" auf die Leinwand brachte - jenen Film, der die Schrecken am Omaha Beach darstellte wie kein Film zuvor.

Nachdem seine Frau gestorben war, bot ihm eine französische Unternehmerin an, in ihr Gästehaus in der Normandie zu ziehen. Besucher empfing er stets in einem Zimmer voller Erinnerungsstücke. Jedem, der es wissen wollte, erzählte er geduldig und mit fester Stimme von seinem Jahrhundertleben und den Kriegserfahrungen, immer verbunden mit einer Botschaft "Es ist so sinnlos zu glauben, man könnte die Probleme der Welt mit Krieg lösen." Ihm muss man es einfach glauben.

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