Auf der Vicelin-Kirche

Der Türmer von Neumünster spielt auch Weltliches

Jeden Sonnabend steigt Jens Jensen auf den Turm der Vicelin-Kirche, im Gepäck seine Posaune. Der ehemalige Polizist gibt dann nicht nur Geistliches zum Besten – sondern gern mal Popsongs.

Jens Jensen spielt Posaune auf dem Turm der St.-Vicelin-Kirche in Neumünster

von Thorge Rühmann

Neumünster. Sein neuer „Arbeitsplatz“ liegt etwa 45 Meter hoch über der Stadt: Vom Turm der Neumünsteraner Vicelin-Kirche herab lässt Jens Jensen immer sonnabends um 18 Uhr seine Posaune erschallen. Der pensionierte Kriminalbeamte und ehrenamtliche Posaunenchorleiter in Bokhorst will als neuer Türmer den Menschen vor Ort christliches Lied- und Gedankengut näherbringen.

Mit Regenschirm, Posaune und Notenständer samt Noten geht es auf engen Wendeltreppen im Turm der Vicelinkirche in Neumünster aufwärts. Jensen geht zügig voran, ebenso zügig erläutert er, wie er „Türmer“ wurde – so heißen die Musiker, die traditionell zu festgesetzter Stunde vom Kirchturm herunter spielen. „Den Vorschlag habe ich gemacht, die Gemeinde hat zugestimmt“, so Jensen.

Gemeinde von Idee begeistert

Man habe sich von früher gekannt: Der Posaunenchor Bokhorst spielt bereits seit 35 Jahren jeden zweiten Advent vom Vicelin-Kirchturm herab. „Da sind wir drei Gruppen, fast 20 Bläser“, so Jensen. Nach seiner Pensionierung fragte er direkt bei der Kirchengemeinde an – und stieß mit seiner Idee, als Türmer aufzutreten, auf offene Ohren.

 

Was treibt ihn dazu, jedes Mal die vielen Treppenstufen zu steigen, Wind und Wetter auszuhalten und zu spielen? Der frühere Polizist kennt die Stadt und die Menschen, die in ihr leben. „Ich weiß, wie einfach viele hier gestrickt sind und abgewendet von der Kirche – da dachte ich mir, vielleicht kann so etwas wie das Turmblasen ja etwas bewirken“, so Jensen. „Ich möchte damit Menschen ansprechen, die sonst eher nichts mit Kirche am Hut haben.“

Ganz regelmäßig und beständig bläst er so jeden Sonnabend um 18 Uhr geistliche Choräle ebenso wie weltliche Lieder vom Kirchturm herunter. Etwa 100 Meter weit ist der Posaunenklang gegen den Wind zu hören. „Mit dem Wind trägt der Schall teils bis zu 300 Meter“, sagt Jensen. Unten auf der Wiese zwischen Gemeindehaus und Kirche hat sich heute bereits eine Handvoll Zuhörer versammelt.

Pünktlich nach dem Glockenschlag

Erwartungsvoll blicken die Gesichter nach oben. Kurz darauf ist es soweit, pünktlich nach dem Glockenschlag zur vollen Stunde beginnt die Vorstellung. Das Publikum lauscht andächtig in der folgenden halben Stunde, während Türmer Jensen nicht nur Choräle, Gospels und Kirchentagslieder wie „Sollte ich meinem Gott nicht singen“ spielt, sondern immer auch etwas Weltliches. Darunter ist etwa „One moment in time“ von Popsängerin Whitney Houston.

Heute ist außerdem „Guten Abend, gute Nacht“ zu hören, während der Blick vom Rathaus über das Gefängnis weiter über die grüne Silhouette der Stadt schweift. „,Der Mond ist aufgegangen‘ spiele ich immer zum Schluss, dann wissen die Leute, jetzt ist er fertig“, sagt Jens Jensen und lächelt.

Auch im Winter wird gespielt

Seit 48 Jahren spielt der 60-jährige Familienvater Posaune. „Ich bin mit zwölf in den Posaunenchor gekommen – und einfach immer dabei geblieben“, sagt Jensen. Schon früh habe er, wenn er einen Kirchturm sah, insgeheim für sich gedacht: „Von dem könnte man doch toll heruntertröten.“

Jensen will auch in den Wintermonaten jede Woche sonnabends auf den Turm steigen und spielen. Dann aber bereits um 17 Uhr, wegen der früher einsetzenden Dunkelheit. Auch bei Eis, Wind und Schnee? „Weihnachten ist doch die Hochsaison bei uns Posaunisten, das geht schon“, sagt Jensen. Eine kleines Beleuchtungsset für die Noten hat er zumindest schon einmal mit nach oben auf den Turm genommen.

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