Die Deutsche Wildtier-Stiftung hat ein neues Tier des Jahres ausgerufen: den Rothirsch. Denn der Mensch setzt ihm zunehmend zu - vom Mountainbiker bis zur großen Politik. Das hat für die Art schlimme Folgen.
Sein Beiname klingt ehrenvoll, ist eigentlich aber unpassend: "König des Waldes" wird der Rothirsch oft genannt. Dabei ist er ursprünglich ein Tier halboffener Steppen. Doch daraus hat der Mensch ihn vertrieben, verdrängt ins Dickicht der Bäume. Damit nicht genug: "Heute darf die Art vielerorts nur in gesetzlich ausgewiesenen sogenannten Rotwildbezirken existieren", beklagt die Deutsche Wildtier-Stiftung aus Hamburg. Dadurch verinselten die Bestände, es komme zu genetischer Verarmung. Um darauf aufmerksam zu machen, hat die Stiftung den Rothirsch zum Tier des Jahres 2026 ausgerufen.
Bis zu 250 Kilogramm schwer, an die zweieinhalb Meter lang und anderthalb Meter Schulterhöhe - der Rothirsch ist in Deutschland das größte regelmäßig an Land vorkommende Wildtier. Eine majestätische Erscheinung also - erst recht, wenn man das Geweih der Männchen bedenkt.
Eindrücklich sind nach Ansicht von Forst- und Landwirten auch die Schäden, die der Rothirsch anrichtet. Er frisst gerne Feldfrüchte, ebenso die Rinde und Knospen von Bäumen. Doch dabei leistet der Hirsch einen wichtigen Dienst an der Natur, wie die Wildtier-Stiftung erklärt: "Die Fraßeinwirkungen können die Artenvielfalt im Wald erhöhen, weil dadurch offene Bereiche entstehen, die Raum für lichtliebende Pflanzenarten bieten." In Bäumen, die durch Verbiss stärker verzweigten, fänden ferner Vögel Nistplätze.
Außerdem transportieren Rothirsche Pflanzensamen, wie es heißt: in ihrem Fell, über den Kot und an ihren Hufen. "Und wenn sie sich suhlen und feuchten Boden aufwühlen, entstehen neue Lebensräume für Wasserinsekten oder Laichplätze für Libellen." Ausfallendes Hirschfell wiederum nutzten Vögel zum Nestbau. Damit noch nicht genug des ökologischen Nutzens: "Abgeworfene Geweihstangen sind wegen ihres hohen Kalzium- und Phosphorgehalts vor allem bei Nagetieren beliebt."
Die Geweihe der Hirschbullen erneuern sich jedes Jahr. Ihre Stirnwaffen setzen sie ein, um Artgenossen zu imponieren, sich das Paarungsvorrecht zu erkämpfen und manchmal auch zur Verteidigung, etwa gegen Wölfe. Diese haben ein graubraunes Fell, so wie jetzt im Winter auch Rothirsche. Deren Sommerfell aber ist rötlich - daher der Name. Rothirsche leben meist in Rudeln. Ihr markantes Verhalten ist sprichwörtlich geworden, man denke an den Platzhirsch. Dieser verteidigt sein Revier vehement gegen Nebenbuhler, etwa durch lautes Röhren.
Gegen den Menschen hilft das wenig. Zwar gilt der Rothirsch nicht als gefährdet. Etwa 220.000 Tiere leben in der Bundesrepublik. Doch sie werden zunehmend durch Wanderer, Mountainbiker und andere Erholungsuchende in ihrem Lebensraum bedrängt, wie die Wildtier-Stiftung kritisiert. Daher die Bitte, im Wald stets auf den Wegen zu bleiben.
Langfristig betrachtet könnte der Rothirsch gar am Beginn eines Aussterbeprozesses stehen, warnt die Wildtier-Stiftung. Der Art mache die Zerschneidung ihrer Lebensräume zu schaffen. Eingezäunte Autobahnen, Bahntrassen und Kanäle mit unüberbrückbaren Spundwänden hinderten die Tiere am Wandern. Hinzu kämen politisch festgelegte Regeln zur Verbreitung der Art: "In Baden-Württemberg dürfen Rothirsche zum Beispiel nur vier Prozent der Landesfläche besiedeln. Auf den übrigen 96 Prozent der Fläche dieses Bundeslandes sind Jäger gesetzlich verpflichtet, bis auf wenige Ausnahmen jeden Rothirsch zu erlegen."
Der fehlende Austausch zwischen den Beständen hat laut Stiftung schlimme Folgen. Genetische Anlagen verschwänden. "Leider entdecken Wildbiologen immer häufiger auch äußere Anzeichen der Inzucht wie verformte Unterkiefer und andere Fehlbildungen."
Vorbei die Zeiten also, da die Hinde, die Hirschkuh, selbst der Bibel als beispielhaft galt: "Wegen ihrer Anmut und Schönheit, Trittsicherheit und Schnelligkeit wird die Hirschkuh häufig in Vergleichen erwähnt", heißt es im Wissenschaftlichen Bibellexikon ("WiBiLex").
Und auch in anderer Hinsicht könnten die Tage des Rothirsches als Deutschlands größtes Landtier gezählt sein: In jüngster Zeit wandert aus Osteuropa zunehmend ein Verwandter ein, der Elch, die größte Hirschart der Welt. Der "König des Waldes", er droht also entthront zu werden.