Der Bildhauer Wilhelm Lehmbruck (1881 bis 1919) verleiht vielen seiner meist zarten, schmalen Gestalten mit einer Neigung des Kopfes eine nachdenkliche, meditative Haltung. In ähnlicher Weise stellte sich im Jahr 1912 der Wiener Maler Egon Schiele in einem Selbstporträt dar. „Lehmbrucks Menschenbild drückt eine Ruhe aus, die widerstreitende Energien in eine Einheit bringt“, sagte die Direktorin des Lehmbruck Museums in Duisburg, Söke Dinkla am Donnerstag. Die Werke sind Teil der Ausstellung „Courage - Lehmbruck und die Avantgarde“. Die Schau würdigt von Samstag bis zum 6. Oktober den 60. Jahrestag der Einweihung des Museums.
Lehmbrucks Werk wird dabei in bisher nicht gekannter Weise mit Zeitgenossinnen und Zeitgenossen in Verbindung gebracht, deren Kunst auf den ersten Blick wenig mit Lehmbrucks Gestalten gemein hat. Neben Egon Schiele sind Arbeiten von Alexej von Jawlensky, Käthe Kollwitz, Dadaisten wie Sophie Taeuber-Arp und insbesondere des französischen Bildhauers Auguste Rodin zu sehen.
Das Lehmbruck Museum wurde vom Sohn des Bildhauers, Manfred Lehmbruck, als Architekt gestaltet und im Juni 1964 eröffnet. Damals sei es selbst ein Akt von Courage gewesen, einen so transparenten Bau aus Glas und Stahl mitten in die noch vom Krieg gezeichnete Industriestadt Duisburg zu platzieren, sagte Kulturdezernentin Linda Wagner. „Das Gebäude war ein Versprechen für friedlichere, demokratische Zeiten.“ Duisburg konnte sich das leisten, weil die Stadt wegen ihrer Industrie nach dem Krieg eine der reichsten der Bundesrepublik gewesen sei.
Wilhelm Lehmbruck wurde 1881 als Sohn eines Bergarbeiters in Duisburg geboren. „Er hat bereits Mut bewiesen, als er 1910 mit Frau und Sohn nach Paris zog“, sagte Museumsdirektorin Dinkla. Dort habe er das Atelier des bereits bekannten Bildhauers Auguste Rodin (1840 bis 1917) besucht. „Rodin gab der Bildhauerei neue Impulse, indem er die Skulptur vom Sockel holte“, erklärte sie. Er habe es Betrachterinnen und Betrachter ermöglicht, den dargestellten Menschen auf Augenhöhe begegnen. Rodins berühmte Skulptur „Die Bürger von Calais“, in der Ausstellung mit Fotos vertreten, zeige das deutlich. Auch Lehmbrucks Figuren kommen Besuchern in dieser Weise nah. „Beide Künstler haben zur Entwicklung des Selbstbewusstseins des Bürgertums beigetragen, indem sie Kunst nahbar machten“, sagte Dinkla.
Solche Zeugnisse der Kunst in einer Zeit des Umbruchs seien heute besonders wichtig, hob die Schirmfrau der Ausstellung, Bundestagspräsidentin Bärbel Bas (SPD), in einem Statement hervor. Die Schau zeige „eindrucksvoll, wie Generationen vor uns mit Veränderungen umgegangen sind.“ Daraus sei heute viel zu lernen.
Die Krisen vor und nach dem Ersten Weltkrieg hätten Kreativität hervorgebracht und den Mut, „Menschen in ihrer Zerrissenheit“ zu zeigen, betonte Dinkla. Dabei sei Lehmbruck kein Futurist gewesen. Er habe vielmehr das Gespür für die Gegenwart mit Kenntnis der Tradition verbunden und daraus seinen besonderen, eleganten Stil entwickelt. Die Leiden des Ersten Weltkriegs zeigte er etwa in Figuren zusammenbrechender Männer. Die Ausstellung setzt sie in Bezug zu Werken der Bildhauerin Käthe Kollwitz, die vor allem die Schmerzen der Überlebenden, besonders der Frauen und Kinder, darstellt.