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“Das Pflegesystem kommt an seine Grenzen”

Wer sich im Altenheim pflegen lässt, muss tiefer in die Tasche greifen: Jüngste Zahlen des AOK-Bundesverbands beziffern den monatlichen Eigenanteil für stationäre Pflege auf mittlerweile 3.204 Euro im bundesweiten Durchschnitt – das sind 112 Euro mehr als noch im ersten Halbjahr 2025. Wer sich das nicht leisten kann, muss Sozialhilfe beantragen. Im Jahr 2024 haben das im Regierungsbezirk Oberbayern laut einer Sprecherin 15.310 Menschen getan – der Zuschuss für sie lag bei 197 Millionen Euro, Tendenz steigend. Dirk Spohd leitet bei der Diakonie München und Oberbayern die „Hilfe im Alter“ und ist verantwortlich für elf Pflegeheime. Ein Gespräch über Kostentreiber und Zukunftsperspektiven.

epd: Neue Zahlen zeigen, dass der Eigenanteil für stationäre Pflegeplätze in Bayern monatlich bei 3.196 Euro liegt. Wer kann das noch bezahlen – und wie?

Spohd: In München und Umland können das noch relativ viele, wenn sie -wie es das Gesetz verlangt – ihr Einkommen, ihre Ersparnisse und ihr Vermögen einbringen. In den Pflegeheimen der Diakonie München und Oberbayern bezahlen rund 75 Prozent ihren Eigenanteil selbst. Aber die Zahl der Menschen, die ihn nicht vollständig aus eigener Tasche zahlen können, steigt immer weiter.

epd: Warum werden Heimplätze eigentlich immer teurer?

Spohd: Die Politik hat lange dafür gekämpft, dass Pflege besser bezahlt wird – zu Recht. Jetzt haben wir eine gute Gehaltsstruktur plus Tarifbindung. Das schlägt zu hundert Prozent bei den Bewohnern auf. Das Gleiche gilt für Energie- und Lebensmittelkosten: Als Heimbetreiber kämpfen wir mit den gleichen Preissteigerungen durch Inflation wie jeder Einzelne. Bei den Investitionen haben in den letzten Jahren Vorgaben für mehr Einzelzimmer und Barrierefreiheit für höhere Kosten gesorgt – auch sie werden im jetzigen System auf die Bewohner umgelegt, ebenso wie die Ausbildung des Nachwuchses. Es ist eine Mär, dass sich Träger von Altenheimen eine goldene Nase verdienen. Viele haben in den letzten Jahren ums Überleben gekämpft. Zumindest bei den Wohlfahrtsverbänden geht es nicht um Gewinnmaximierung. Insgesamt kommt aber das System, so wie es ist, einfach an seine Grenzen.

epd: Wer springt ein, wenn ein Bewohner nicht alles zahlen kann?

Spohd: Wer den Eigenanteil nicht ganz selbst zahlen kann, muss Sozialhilfe beantragen. Dann übernimmt der jeweilige Regierungsbezirk die Differenz. Das läuft über den Topf der „Hilfe zur Pflege“. Nach zwölf Monaten übernimmt die Pflegeversicherung dann 30 Prozent des Eigenanteils, nach 24 Monaten sind es 50 Prozent und ab 36 Monaten 75 Prozent. Das bedeutet, dass der Eigenanteil mit den Jahren sinkt. Wenn jemand zehn Jahre oder länger im Heim lebt, kommen trotzdem ganz schöne Summen zusammen.

epd: Wie viele Bewohner beziehen in den Heimen der Diakonie München und Oberbayern Sozialhilfe?

Spohd: Wir haben in unseren elf Einrichtungen rund 1.500 Pflegeplätze. Für 24,12 Prozent übernimmt die „Hilfe zur Pflege“ unterschiedlich hohe Teile des Eigenanteils – das ist also etwa jeder vierte Platz. Die Quote ist allerdings von Ort zu Ort sehr unterschiedlich: Im Diakoniedorf Herzogsägmühle leben vor allem Menschen, die bereits hilfeberechtigt sind – und es auch bleiben, wenn sie pflegebedürftig werden. Für 78,9 Prozent der Plätze im dortigen Pflegeheim finanziert die „Hilfe zur Pflege“ den Eigenanteil mit. In Ebenhausen sind es hingegen nur 11,8 Prozent.

epd: Was bedeutet das alles für Betroffene und Gesellschaft in zehn bis zwanzig Jahren, wenn die geburtenstarken Jahrgänge der „Boomer-Generation“ Pflege benötigen?

Spohd: Zunächst: Wer ins Heim zieht, hat bei der Pflege solche Defizite, dass er wirklich stationäre Hilfe braucht. Wir haben jetzt schon Wartelisten, und die Situation wird sich eher noch verschärfen, weil es zu wenig Betten geben wird. Vermutlich wird man auch keinen Pflegeplatz im eigenen Viertel bekommen, sondern muss flexibel sein. Mit dem Bedarf wird auch der Markt wachsen, aber zuletzt hat sich wegen der angespannten Personallage kaum ein Träger getraut, neu zu bauen. Die Diakonie ist aktuell noch gut ausgestattet, auch weil wir ein umfangreiches Recruiting im Ausland betreiben und selbst Nachwuchskräfte ausbilden. Aber in den nächsten fünf bis zehn Jahren gehen sehr viele unserer Pflegekräfte in den Ruhestand – eine Entspannung der Lage sehe ich also noch nicht.

epd: Welche Wege gibt es raus aus der Kosten-Spirale?

Spohd: Es gibt die seit Jahren diskutierte Idee des „Sockel-Spitze-Tausches“, bei dem der Bewohner einen festen Sockelbetrag zahlt und die Pflegeversicherung den Rest. Das würde Patienten entlasten. Man kann auch über die Kombination mit privaten Zusatzversicherungen nachdenken. Allerdings muss man sehr genau lesen, was die Policen im Einzelnen abdecken. Und die öffentliche Hand könnte die Ausbildungskosten für den Pflege-Nachwuchs übernehmen. Momentan müssen die Kommunen für genügend Pflegeplätze sorgen, aber die sind notorisch klamm. Der Freistaat stellt Fördermittel für Investitionen zur Verfügung. Allerdings muss man als Träger – ohne Erfolgsgarantie – zum Teil erstmal 250.000 Euro für einen qualifizierten Antrag ausgeben. Wenn man das Pflegesystem reformieren will, muss man all diese Punkte anschauen und – von ambulant bis stationär – alle Bereiche gemeinsam denken, um ein gutes Gesamtpaket zu erhalten. Die Gretchenfrage an uns alle lautet: Was ist uns gute Pflege wert? (0240/24.01.2026)