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Das 1,5-Grad-Ziel

Das 1,5-Grad-Ziel ist der zentrale Richtwert der internationalen Klimapolitik, festgeschrieben im Abkommen von Paris. Im Schnitt der vergangenen drei Jahre lag die globale Temperatur über dieser Schwelle, wie der EU-Klimawandeldienst Copernicus ermittelt hat. Dennoch gilt die Marke noch nicht als gerissen. Wichtige Fragen und Antworten dazu im Überblick:

Das 2015 bei der Pariser Klimakonferenz verabschiedete Abkommen setzt das Ziel, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad Celsius und möglichst auf 1,5 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit (1850-1900) zu begrenzen. Zum Zwei-Grad-Ziel hatte sich die Weltgemeinschaft bereits fünf Jahre zuvor beim Klimagipfel von Cancún bekannt. Mit der Aufnahme der 1,5-Grad-Marke in das Abkommen wurde eine Forderung von kleinen Inselstaaten und Entwicklungsländern erfüllt, die besonders unter der Klimakrise leiden. Im Lauf der Konferenz von Paris schlossen sich immer mehr Staaten dieser Position an. Dieser breite Konsens verhalf den Verhandlungen über das Abkommen zu einem erfolgreichen Abschluss.

Das 1,5-Grad-Ziel war zunächst eine politische Vorgabe, die wissenschaftliche Fundierung folgte erst anschließend. 2018 erstellte der Weltklimarat einen Sonderbericht, wonach die Risiken bei einem Temperaturanstieg von 1,5 Grad größer sind als zuvor angenommen. Die Wissenschaftler warnten, dass die bisherigen Klimaschutz-Zusagen der Staaten nicht ausreichend seien, um das Ziel zu erreichen.

In seinem Sonderbericht von 2018 prognostiziert der Weltklimarat unter anderem eine Zunahme von Extremtemperaturen, Starkniederschlägen und Dürren bei Überschreitung der 1,5-Grad-Marke. Auch warnen die Forscher vor einem massiven Verlust von Korallenriffen und Fischbeständen. Studien in den Folgejahren betonen, dass ab 1,5 Grad irreversible Schäden für das Klimasystem drohen. Die Folge könnte eine Destabilisierung von großräumigen Bestandteilen des Erdsystems („Kippelementen“) wie Eisschilden, Luft- und Ozeanströmungen sein.

Von 2023 bis 2025 lag die globale Durchschnittstemperatur laut dem EU-Klimawandeldienst Copernicus um 1,52 Grad über dem vorindustriellen Niveau – demnach überschritt der Dreijahresschnitt erstmals die 1,5-Grad-Marke. Die Weltwetterorganisation hat für diesen Zeitraum einen Schnitt von 1,48 Grad errechnet. Das bislang wärmste Jahr war 2024: Laut Copernicus betrug die Erderwärmung 1,6 Grad, laut Weltwetterorganisation 1,55 Grad.

Auch wenn der Temperaturanstieg kurzfristig die 1,5 Grad überschreitet, gilt die Zielmarke des Pariser Abkommens noch nicht als überschritten. Entscheidend ist das langjährige Mittel, das einen Zeitraum von 20 Jahren bis 30 Jahren umfasst.

Der Weltklimarat beschreibt in seiner Studie von 2018 auch das Szenario einer vorübergehenden Überschreitung („overshoot“) des 1,5-Grad-Ziels. Dabei würde die Durchschnittstemperatur bis Ende des Jahrhunderts wieder unter die Marke gedrückt. Auch bei diesem Verlauf wäre der Wissenschaft zufolge das 1,5-Grad-Ziel erreicht – dieser Pfad wäre aber mit höheren Risiken verbunden.

Laut Meteorologen ist bei der derzeitigen Erwärmungsrate damit zu rechnen, dass die 1,5-Grenze bis Ende des Jahrzehnts überschritten wird. Derzeit steuert die Welt auf eine Erderwärmung von 2,8 Grad zu, wie aus dem jüngsten Emissionsreport der UN-Umweltorganisation Unep hervorgeht. Sollten alle international zugesagten Klimaschutzmaßnahmen umgesetzt werden, ist demnach mit einem Temperaturanstieg von 2,3 bis 2,5 Grad zu rechnen.

In einem Overshoot-Szenario ist die Einhaltung des Ziels bis Ende des Jahrhunderts laut Unep noch „technisch möglich“. Dazu sind aber deutlich höhere CO2-Einsparungen nötig als bislang zugesichert. Manche Wissenschaftler halten das Ziel mittlerweile für unerreichbar. So erklärte der Klimaforscher Mojib Latif vor rund einem Jahr, das Ziel sei de facto längst gerissen. Daran festzuhalten sei „Realitätsverweigerung“.