Die Bibel erzählt Geschichten von Gott und den Menschen. Sie ist die Grundlage des christlichen Glaubens. Das sagt Stephan Zeipelt. Er ist Pfarrer im Oikos-Institut der Evangelischen Kirche von Westfalen in Dortmund. Dort ist er unter anderem zuständig für die von Cansteinsche Bibelanstalt und die Werkstatt Bibel. Im Interview mit Karin Ilgenfritz spricht er darüber, warum man die Bibel lesen sollte.
Warum soll man in der Bibel lesen?
Stephan Zeipelt: Da begegnen einem Geschichten, die von Gott und Menschen erzählen. Auch solche, in denen ich mich wiederfinden kann. Die Bibel ist Richtschnur unseres Glaubens.
Angenommen, jemand hat mit der Kirche nichts zu tun, warum sollte er in der Bibel lesen?
Die meisten kennen irgendetwas aus der Bibel. Manche sagen: Das hat sich jemand ausgedacht, das sind Märchen. Da würde ich raten, es einfach mal zu versuchen. Vielleicht sogar die Stellen, die die Person im Kopf hat. Mal schauen, in welchem Zusammenhang sie stehen. In der Bibel stehen Geschichten, die Gesellschaften geprägt haben. Die Lebensweisheiten in sich tragen. Auch, wenn sie fern oder geheimnisvoll klingen.
Wie kann man sich diesen Bibelstellen nähern?
Man kann in Rollen eintauchen und versuchen nachzufühlen, wie es den Menschen in den biblischen Geschichten gegangen sein mag. Dann stellt man vielleicht fest: Das kenne ich. Und möglicherweise merkt man: Da kennt jemand mich. Da redet Gott zu mir.
Braucht es Anleitung?
Da muss ich an den Kämmerer aus Apostelgeschichte 8 denken. Er wird gefragt, ob er versteht, was er liest, und antwortet: „Wie könnte ich, wenn mich niemand anleitet?“ Wenn ich an meinen Glaubensbeginn denke… meine Disziplin, Bibel zu lesen, war nicht so gut.
Bibel lesen: “Der Austausch ist bereichernd”
Aber in Hauskreisen oder Bibelgruppen gemeinsam zu lesen und darüber zu sprechen, das hat mir geholfen. Auch heute noch finde ich den Austausch bereichernd. Aber es gibt auch Hilfestellung, wenn man es allein versucht.
Welche?
Da ist die Basisbibel, die gut verständlich ist. Sie gibt Hinweise, wie man sie lesen kann. Auch Bibeln mit Erklärungen sind gut oder Bibellesehilfen wie „In 99 Tagen durch die Bibel“. Außerdem gibt es gute Podcasts. Am besten einfach mal anfangen.
Womit sollte man beginnen?
Viele Menschen sind erstaunt, welche Redewendungen und Zitate aus der Bibel stammen. Damit könnte man starten. Oder man fängt mit einem Evangelium an. Ich rate zum Markusevangelium. Jedenfalls nicht vorn anfangen und dann durchlesen. Spätestens bei den Aufzählungen der Stammbäume ist man sonst raus.

Gibt es Stellen, die Sie besonders empfehlen?
Psalm 23. Man kann auch gut die Herrnhuter Losungen lesen. Wenn einen ein Vers anspricht, dann zur Bibel greifen und im Zusammenhang lesen. Die Bibel ist kein Buch aus einem Guss, sondern viele Bücher, die über einen langen Zeitraum gesammelt wurden und miteinander verbunden und verflochten sind.
Wie ist das mit denen, die sich in der Bibel auskennen – lohnt es für sie, weiter zu lesen?
Ich würde dazu raten, den Glauben immer wieder zu hinterfragen und weiter in der Bibel zu lesen. Sonst besteht die Gefahr, dass man sich etwas zusammenbastelt. Die Bibel hilft dabei, Überzeugungen zu korrigieren. Wer den Eindruck hat, da ist nichts Neues mehr dabei, könnte zu einer anderen Übersetzung greifen. Da kann sich manches ganz frisch erschließen.
Vermutlich sprechen Texte je nach Lebenssituation auch etwas anderes im Menschen an?
Das auf jeden Fall. Manchmal liest man einen Text und kann wenig damit anfangen. Und einige Zeit später stößt man wieder darauf, und plötzlich spricht der Text deutlich zu einem. Im Grunde ist man mit biblischen Texten nie fertig.
Was kann uns denn die Bibel heute noch sagen?
Sie ist kein Rezeptbuch, in dem man nachschlägt, was man wann wie tun sollte. Manchmal wird man in seinen Lebenswegen bestätigt, manchmal herausgefordert, manchmal getröstet. Als ich mit einer schweren Diagnose im Krankenhaus lag, waren in den Losungen Verse dran, die mich sehr getröstet haben. Die Bibel zeigt uns, wie wir unser Leben im Licht des Glaubens und der Gemeinschaft führen können.
Wie oft sollte man in der Bibel lesen?
Durch tägliches Lesen kommt eine Routine hinein. Aber das soll kein Zwang werden. Sonst spricht die Bibel nicht. Es braucht eine gewisse Offenheit. Und manchmal gehört auch Disziplin dazu. Rituale helfen dabei, etwa eine Kerze anzünden, zu beten oder immer einen bestimmten Ort zu wählen.
Wie vermitteln Sie jungen Menschen das Lesen der Bibel?
Wir haben in der Werkstatt Bibel in Dortmund eine große Wand. Darauf ist die gesamte Bibel abgedruckt. Wir machen mit Konfis oft etwas zur Schöpfungsgeschichte. Wir zeigen einen kurzen Film von Apollo 8, wo der Schöpfungsbericht aus dem Weltall vorgelesen wird. Der erste Schöpfungsbericht beginnt mit „Gott spricht“. Das geben wir den Konfis mit auf ihren Weg und raten ihnen, das einfach mal auszuprobieren.
Und wie reagieren die darauf?
Oft kommt die Frage: „Haben Sie das schon mal erlebt?“ Ich erzähle dann aus meinem Studium. Die Hebräisch-Prüfung stand bevor, wo wir einen Text aus dem Alten Testament übersetzen sollten. Ich wollte eine Bibel auf der Herrentoilette verstecken, damit ich nachschauen konnte. In der Nacht vor der Prüfung habe ich schlecht geschlafen und meine Bibel aufgeschlagen. Ich landete bei Psalm 119, 9: „Wie kann ein junger Mann seinen Weg unsträflich gehen, wenn er sich hält an deine Worte.“ Dann wusste ich, dass mein Plan nicht okay ist. Also habe ich zu Gott gesagt: „Wenn du willst, dass ich Pfarrer werde, dann bestehe ich die Prüfung.“ Den Text, der dann in der Prüfung drankam, hatte ich da in der Nacht gelesen, und ich habe die Prüfung bestanden.
