Ein Streitgespräch über das Gottesdienstverbot

„Christus ist der Herr, nicht das Coronavirus!“

Es war richtig, auf Gottesdienste zu verzichten, findet der oldenburgische Bischof Thomas Adomeit. Kirche hätte kreativer sein müssen, kontert Pröpstin Helga Ruch aus Mecklenburg-Vorpommern. Ein Streitgespräch per Video.

Gottesdienst mit Abstand im Berliner Dom

von Sybille Marx und Sven Kriszio

Bischof Adomeit und Pöpstin Ruch, sieben Wochen ohne Gottesdienste in Kirchen: War dieser Kurs der evangelischen Landeskirchen richtig, wie sehen Sie das im Rückblick?
Thomas Adomeit: Kirche muss ihrer Verantwortung als Teil der Gesellschaft gerecht werden. Das war uns am wichtigsten. Wir haben im Oldenburger Land alle Entscheidungen sorgsam abgewägt, auch zusammen mit der Landessozialministerin. Keine Gottesdienste stattfinden zu lassen, war das Schwerste für uns. Das geht ans theologische Mark! Nicht bei den Alten, Kranken, Schwachen sein zu können, hat uns auch sehr zu schaffen gemacht. Aber wir haben eine Verantwortung für die uns anvertrauten Menschen und ihre Gesundheit. Wenn es weiter Gottesdienste oder sogar Gemeinde­gruppen gegeben hätte, wären wir möglicherweise zu einem Hotspot der Corona-Verbreitung geworden. Das wollten wir auf keinen Fall.

Helga Ruch: Ich verstehe diese Argumentation als Pröpstin durchaus. Aber für meinen Geschmack haben viele Landes­kirchen im vorauseilenden Gehorsam gehandelt. Noch bevor vom Staat ein Verbot kam, haben die Kirchen schon gesagt: Wir lassen die Gottesdienste ausfallen.
Gottesdienste sind existenziell für das Bestehen der Gemeinden! Ich kann nicht allein Christ sein! Und Gemeinschaft im Internet ist nur bedingt möglich. Bei uns in der Nordkirche gibt es so riesige Kirchen, dass es gut möglich gewesen wäre, die Abstandsgebote einzuhalten. Ich finde, da hätten wir kreativer sein müssen.

Video-Interview: Pröpstin Helga Ruch und Redakteur Sven Kriszio (oben); Redakteurin Sybille Marx und Bischof Thomas Adomeit (unten)

Adomeit: Dass Gottesdienste existenziell sind für die Gemeinden, sehe ich genauso. Aber von vorauseilendem Gehorsam würde ich nicht sprechen, jedenfalls nicht in den Kirchen in Niedersachsen: Bei uns gab es ab dem 16. März ein staatliches Gottesdienstverbot. Und die Entscheidungen sind im guten Miteinander von Landesregierung und Kirchen gefallen. Ja, es war schwer, auf die Gottesdienste zu verzichten und auf andere Weise zusammenzukommen. Aber hätten sich auch nur fünf Menschen angesteckt …, diesen Preis hätten wir nicht verantworten können.

Ruch: Die Frage ist doch: Was stellen wir an oberste Stelle? Auch mir ist Gesundheit wichtig, aber wir sollten uns nicht von Panik leiten lassen. Was Herr Schäuble gesagt hat, finde ich richtig: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Aber sie schließt nicht aus, dass wir sterben müssen!“ Im Übrigen nimmt jeder, der im Supermarkt einkauft, eine Ansteckung in Kauf.
Mich stört auch die Argumentation: In der Nordkirche hieß es, laut den Landesregierungen müsse alles wegfallen, was nicht lebensnotwendig sei, also auch der Gottesdienst. Gottesdienste sind lebensnotwendig!
Und ich habe erlebt, dass ein Krankenhausseelsorger aus lauter Angst vor Corona gesagt hat: Ich gehe nicht zu den Sterbenden, ich darf ja nicht. Das ist eine Schieflage! Unser Herr ist nicht die Angst und nicht das Coronavirus, sondern Jesus Christus.

Helga Ruch: „Wir haben Schuld auf uns geladen“

Adomeit: Die Argumentation mit dem Stichwort „lebensnotwendig“ gab es bei uns nicht, die finde ich auch schwierig. Aber für die oldenburgischen Kirchen kann ich sagen: Wir haben nicht in Panik gehandelt, wir haben orientierende Angebote gemacht und Klarheit geschaffen. Rechtlich liegt es in der Verantwortung der Gemeinden, ob sie Gottesdienste stattfinden lassen. Wir wollten, dass es da eine klare Linie gibt und keine Unsicherheiten vor Ort. Deswegen haben wir deutliche Empfehlungen ausgesprochen. Viele Gemeinden haben uns rückgemeldet, dass das hilfreich war.
Aber was in Altenheimen und Krankenhäusern passiert ist, da muss ich auch sagen: Das ist ganz, ganz schwierig. Zum Teil hatten Seelsorgende ja keine Möglichkeit, Kranke oder Sterbende zu besuchen, weil ein staatliches Heim ein Betretungsverbot für alle aussprechen kann. In kirchlichen, diakonischen Heimen ist das anders, da war die Frage: Wie kann ein Besuch so ablaufen, dass wirklich keine Ansteckung erfolgt? Dass es Menschen gab, die ohne Besuch ihrer Liebsten gestorben sind, oder vielleicht sogar Menschen, die an der Einsamkeit gestorben sind…, mit dieser Situation bin ich auch als Bischof noch nicht fertig. Ich würde nicht sagen, dass wir hier Schuld auf uns geladen haben, aber wir sind nicht allen Bedürfnissen der Menschen gerecht geworden. Das ist ein Schatten dieser Zeit, den ich nicht wegreden will.

Ruch: Ich finde schon, dass wir hier Schuld auf uns geladen haben. Als Christen haben wir zum Thema Tod doch auch noch etwas anderes zu sagen als die Mediziner. Wenn ich in einem Pflegeheim leben würde und die Wahl hätte, vielleicht zwei Jahre einsam weggesperrt zu sein – oder weiter in sozialen Kontakten zu bleiben, mit Ansteckungsgefahr. Ich weiß nicht, ob ich mich da für das Eingesperrtsein entscheiden würde! Aber inzwischen gibt es ja Lockerungen, darüber bin ich sehr froh.

Während des Gottesdienstes tragen die Besucher Masken Foto: Jens Schulze / epd

Auch Gemeindegottesdienste in Kirchen dürfen seit dem 10. Mai wieder gefeiert werden, unter Auflagen. Wie haben Sie jeweils den ersten Gottesdienst nach dem Lockdown erlebt?
Ruch: Mancherorts gab es leider Verwirrung, weil die Nordkirche in ihrer Empfehlung formuliert hatte: „Das Singen muss unterbleiben“ – als gelte ein staatliches Verbot, was gar nicht der Fall war. In Stralsund haben wir dann auch gesungen, durch die Schutzmasken hindurch. Wir haben gesagt: Gottesdienst ohne Gesang geht einfach nicht, schon gar nicht an Kantate!
Es war eine große Freude über die Gemeinschaft zu spüren, aber die ganzen Auflagen waren schon gewöhnungsbedürftig: der Abstand, die begrenzte Anzahl von Besuchern, die verdeckten Gesichter … Viele haben nachher gesagt: Wir freuen uns, dass wir nächstes Mal wieder draußen auf der Wiese feiern. Wie vorher in der Zeit des Lockdown auch schon.

Thomas Adomeit: „Es war fast wie Weihnachten“

Adomeit: In Niedersachsen ist das Singen staatlich untersagt, überall. Trotzdem habe ich auch eine große Freude erlebt. Es war fast wie Weihnachten: Alle Ortspastoren wollten unbedingt selbst ihren Gottesdienst halten, so gab es für den Bischof keine Kanzel! In den zwei Gottesdiensten, die ich dann besucht habe, war zu spüren: Die Leute hatten ihre Sehnsucht nach Begegnung sieben Wochen vor sich her getragen, die Freude über die Gemeinschaft war riesig. Und wir konnten zwar nicht singen, aber aus den Augen und den Herzen kam so ein Strahlen – das war auch ein Gesang!
Und manche Gemeinden haben wegen der Einschränkung bei den Besucherzahlen sogar drei kurze Gottesdienste hintereinander angeboten. Das alles hat mich sehr gefreut. Genauso, dass in den vergangenen Wochen über Formate im Internet ganz neue Zielgruppen erreicht wurden. Diese Schiene sollten wir weiter fahren. Insgesamt war es ein gelungener Start in eine neue Normalität.

Sollte ein zweiter staatlicher Lockdown kommen: Was müsste die Kirche anders machen?
Adomeit: So weit sind wir mit unserer Auswertung noch nicht. Wahrscheinlich würden wir wieder die dringende Empfehlung aussprechen, keine Gottesdienste zu veranstalten. Aber vielleicht könnten wir – anders als im ersten Lockdown in Niedersachsen – die Kirchen für das stille Gebet geöffnet lassen. Abstand ist das Gebot der Stunde, haben wir ja gelernt. Der ließe sich da sicher einhalten.
Ruch: Das war bei uns im Sprengel Mecklenburg und Pommern sowieso möglich, und wir haben das bewusst genutzt. Ich stand zum Beispiel jeden Sonntag für eineinhalb Stunden in der Kirche, und immer kamen ein paar Menschen dazu. Wir haben natürlich keinen Gottesdienst gefeiert, aber ich habe mit ihnen ein Vaterunser und einen Segen gesprochen. Das würde ich bei einem zweiten Lockdown wieder so machen – aber ich hoffe, dass kein zweiter kommt.

Zur Person
Helga Ruch ist als Pastorentochter in der Prignitz aufgewachsen und seit 2012 Pröpstin im Pommerschen Evangelischen Kirchenkreis der Nordkirche.
Thomas Adomeit ist als Pastorensohn in Stuttgart aufgewachsen und seit 2018 Bischof der Landeskirche Oldenburg.

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