In Chile stehen am Sonntag Präsidentschaftswahlen an. Dabei ist nicht zuletzt der Umgang mit der dunklen Zeit der Pinochet-Diktatur (1973-1990) im Fokus. Die Kandidaten vertreten dazu höchst eigenwillige Positionen.
Stimmen die Umfragen, dann dürfte im März der erzkonservative und streng katholische neunfache Familienvater José Antonio Kast (59) in den Präsidentenpalast La Moneda in Santiago einziehen. Zuvor muss er es allerdings erst einmal in die Stichwahl am 14. Dezember schaffen. Zunächst wird im ersten Durchgang am Sonntag gewählt - und alle Erhebungen sehen vier Kandidaten als aussichtsreichste Anwärter.
Für das Regierungslager geht die Kommunistin Jeannette Jara (51) ins Rennen. Sie dürfte mit rund 30 Prozent die erste Runde gewinnen. Die Demoskopen gehen aber davon aus, dass sie gegen alle drei rechten Gegenkandidaten in der Stichwahl verlieren würde.
Kast werden die besten Chancen auf Platz zwei sowie in einer wahrscheinlichen Stichwahl gegen Jara eingeräumt. Er gründete vor rund zehn Jahren die Partido Republicano, die sich an den US-Republikanern unter Donald Trump orientieren. Dahinter rangiert mit Evelyn Matthei (72) eine moderate Christdemokratin. Hinzu kommt Johannes Kaiser (49), der als rechts-libertärer Kandidat eine knallharte Abschiebe- und Migrationspolitik fordert.
Beherrschendes Wahlkampfthema ist unter anderem die Sicherheitslage im Land. Organisierte und Alltags-Kriminalität haben zugenommen, die gefühlte Unsicherheit insbesondere in den ärmeren Gegenden ist größer geworden. Alle drei rechten Kandidaten versprechen deshalb in verschiedenen Nuancen eine Law-and-Order-Politik. So sollen Migranten abgeschoben werden, die sich ohne gültige Papiere im Land aufhalten. Allein aus dem Krisenland Venezuela sind in den vergangenen Jahren rund 500.000 Menschen nach Chile ausgewandert.
Ein weiteres zentrales Thema ist die Haltung zur dunklen Epoche der rechtsextremen Militärdiktatur (1973-1990). Unter Machthaber General Augusto Pinochet wurden rund 3.000 Menschen aus politischen Gründen ermordet, Zehntausende gefoltert. Viele Opfer werden immer noch vermisst. Der US-Geheimdienst CIA galt als Unterstützer des Pinochet-Regimes.
Ein älterer Bruder von Kast war zu dieser Zeit Minister. Sowohl Matthei, Kast als auch Kaiser rechtfertigten zuletzt in unterschiedlicher Ausprägung die Gewalt der Pinochet-Zeit. "Er hat dafür gesorgt, dass aus Chile keine Diktatur wie Kuba oder Venezuela wurde", sagte beispielsweise Kaiser. Pinochet habe jedoch auch schwere Menschenrechtsverletzungen zu verantworten, räumte er ein.
Kommunistin Jara steht ebenfalls in der Kritik. Sie bezeichnete das autoritäre kubanische Ein-Parteien-System als "eine andere Art von Demokratie" - trotz der massiven Unterdrückung von Regierungskritikern in dem Karibikstaat. In der Wahlkampf-Endphase schwächte sie ihre Position ab, die kommunistische Partei Chiles bleibt aber bei ihrer linksextremen, Kuba-freundlichen Linie. Der noch amtierende Präsident Gabriel Boric hingegen hatte die Linksdiktaturen in Lateinamerika wiederholt scharf verurteilt: "Ein Linker muss Menschenrechtsverletzungen kritisieren - egal, von wem sie begangen werden."
Der Sozialist Boric tritt nicht wieder an, weil in der Verfassung eine Amtszeitbegrenzung vorgesehen ist. Der ehemalige Studentenführer hatte ohnehin mit schlechten Umfragewerten zu kämpfen. Unter anderem scheiterten zwei Referenden, die die alte, teils aus der Pinochet-Diktatur stammende Verfassung reformieren sollten. Zudem überschatteten etliche Korruptionsfälle seine Präsidentschaft.
Die katholische Kirche in Chile hat die Kandidaten unterdessen bei einem Treffen zu mehr Besonnenheit aufgerufen. "Der beste Weg, die Demokratie zu schützen, sind verantwortungsbewusste, ruhige und glaubhafte Wahlen. Dabei tragen wir alle eine große Verantwortung", sagte Kardinal Fernando Chomalí bei der Begegnung. Er sei besorgt über den rüden Ton im Wahlkampf. Er forderte die Politiker auf, trotz aller Differenzen auf ein Klima des gegenseitigen Respekts zu achten. Ob sie dem Appell folgen, ist indes mehr als fraglich.