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Chefredakteur: “Tagesschau” setzt auf mehr Dialog mit dem Publikum

Angriffe in den Sozialen Netzwerken und wachsendes Misstrauen: Viele etablierte Medien sehen sich großen Vertrauensverlusten ausgesetzt. Wie die “Tagesschau” dagegen kämpft.

Angesichts zunehmender Medienkritik setzt die “Tagesschau” laut ihrem Chef stärker auf Dialog. “Wir machen die Tagesschau nicht für uns, sondern für das Publikum”, sagte ARD-aktuell-Chefredakteur Marcus Bornheim am Dienstagabend beim Jahresempfang des Katholischen Büros Niedersachsen in Hannover. So beantworte die Redaktion inzwischen alle sachlich formulierten Zuschriften persönlich und versuche, ihre Entscheidungen zu erklären. “Dieses Entgegenkommen hilft viel, um Bindung, Vertrauen und Glaubwürdigkeit aufzubauen.”

Bornheim räumte ein, dass in der Redaktion Fehler passierten. “Bei uns arbeiten Menschen. Und Menschen sind keine Maschinen.” Entscheidend sei ein offener Umgang damit. Die “Tagesschau” habe daher eine öffentliche Fehlerkorrektur-Seite aufgebaut.

Bornheim verwies auf die im April veröffentlichte ARD-Akzeptanzstudie, wonach sich viele Menschen von Medien nicht ausreichend repräsentiert fühlen – besonders diejenigen mit geringerer Bildung, Zukunftsängsten oder politischer Distanz. Jeder fünfte Befragte meine, Medien und Politik arbeiteten zur Meinungsmanipulation zusammen. “Das sind wirklich beachtliche Werte”, so der Chefredakteur.

Mit Blick auf Social Media sprach Bornheim von gezielten Angriffen auf die “Tagesschau” als stärkste Marke des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Reißerische Überschriften und Desinformation in unregulierten digitalen Räumen schadeten nicht nur Redaktionen, sondern demokratischen Institutionen insgesamt. “Der Kampf um das Vertrauen wird entscheidend für uns – und für die Gesellschaft.”

Trotz aller Herausforderungen zeigte sich der Chefredakteur optimistisch. Die “Tagesschau” erreiche weiterhin jeden Abend rund zehn Millionen Menschen. Viele empfänden das Schauen der Hauptsendung um 20.00 Uhr wie eine Bürgerpflicht. Ziel bleibe es, ein “Lagerfeuer” zu schaffen, das Verbindung stiftet. “Wir wollen für alle Menschen in Deutschland Nachrichten machen – reich und arm, Stadt und Land, Groß und Klein, Mann und Frau, Alt und Jung”, sagte Bornheim. “Ich bin sicher, dass wir das hinbekommen.”

Auch der niedersächsische Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) hob die Bedeutung von Transparenz und Offenheit in Politik, Kirche und Medien hervor. In einer Zeit großer gesellschaftlicher Veränderungen werde es immer entscheidender, komplexe Sachverhalte so zu kommunizieren, dass sie greifbar und verständlich seien, so Lies in einem Grußwort.

Der Jahresempfang des Katholischen Büros Niedersachsen bringt Vertreter aus Kirche, Politik und Zivilgesellschaft zusammen. Das Büro ist die Verbindungsstelle der katholischen Kirche zu Landtag und Landesregierung.