Dem Auseinanderdriften der Generationen will die Caritas mit ihrer Jahreskampagne, die am Montag startet, etwas entgegensetzen. Der Verband will zeigen, wo ein Miteinander funktioniert und was besser laufen könnte.
Die Arbeit der Mehrgenerationenhäuser ist für Caritas-Präsidentin Eva Welskop-Deffaa ein Beispiel, wo das Miteinander der Generationen gut funktioniert. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) spricht sie auch über die Erwartungen an die Politik bei den Themen Rente und Sozialleistungen – damit es nicht zum Gegeneinander von Jung und Alt kommt.
Frage: Frau Welskop-Deffaa, das Motto der diesjährigen Caritas-Jahreskampagne heißt “Zusammen geht was”. Sie meinen damit das Miteinander der Generationen. Dabei ist momentan eher vom Auseinanderdriften der Generationen die Rede…
Antwort: Wir wollen mit unserer Kampagne einen Kontrapunkt setzen und zeigen, wo das Miteinander und Füreinander gut gelingt. Viele unserer Einrichtungen fördern gelingende Begegnungen zwischen Jung und Alt. Hier wachsen Verständnis füreinander und Vertrauen in das Miteinander, auf das unsere Gesellschaft angewiesen ist.
Mit einem Paar ungleicher Schuhe zeigen wir, worum es uns geht: um die Wegmeile, die wir bereit sind, in den Schuhen des anderen zu laufen, um ihn wirklich zu verstehen. Der rote Caritas-Karton darunter ist die “red box” ungeahnter Begegnungsmöglichkeiten: Im Miteinander der Generationen steckt gesellschaftliche Superkraft.
Frage: Beim Thema Rente scheint das gerade nicht der Fall zu sein. Da fürchten die Jungen um ihre Zukunft wegen steigender Ausgaben für die Rente. Welche Erwartungen haben Sie an die von der Bundesregierung eingesetzte Rentenkommission, die im Sommer ihre Vorschläge vorlegen soll?
Antwort: Die Kommission hat ihr Ziel dann erreicht, wenn sie Vorschläge vorlegt, die das Vertrauen in die gesetzliche Rente stärken. Die wichtigste Aufgabe des Staates für die gesetzliche Rentenversicherung besteht darin, die Zahlungsbereitschaft der jeweils aktiven Generation zu erhalten. Das gelingt nur, wenn die Menschen das System begründet als zukunftsfähig und gerecht empfinden.
Dass das gesetzliche Renteneintrittsalter im Kern als gesetzliche Vermutung für altersbedingte Erwerbsunfähigkeit anzusehen ist, ist seit langem in Vergessenheit geraten. Angesichts steigender Lebenserwartung und längerer Rentenbezugszeiten ist es vordringlich, die Dysfunktionalitäten beim Übergang vom Beruf in die Rente zu beenden
Frage: Was heißt das?
Antwort: Wenn die gesetzliche Rentenversicherung das Risiko absichert, im Alter nicht mehr mit eigener Erwerbstätigkeit für die eigene Existenz sorgen zu können, dann muss sie als Erwerbseinkommensersatz denen verlässlich zukommen, die erwerbsgemindert oder berufsunfähig sind. Tatsächlich aber erhalten heute – unabhängig von den eigenen Arbeitsmarktchancen – diejenigen Altersrente, die das Rentenalter erreicht haben, und das, ohne dass ihr Verdienst auf die Rente anzurechnen ist.
Gleichzeitig müssen diejenigen, die aus gesundheitlichen Gründen vor dem Rentenalter aus dem Beruf ausscheiden, ihre Erwerbsminderungsrente extrem umständlich beantragen, Abschläge in Kauf nehmen und können zum Teil davon kaum leben. Es gilt, das System hier vom Kopf auf die Füße zu stellen. Zudem ist dafür Sorge zu tragen, dass die Rente derer, die ein Leben lang Beiträge gezahlt haben, verlässlich über dem Grundsicherungsniveau liegt – gerade auch bei denen, die als hauswirtschaftliche Hilfskraft oder Lagerarbeiter Knochenarbeit im Mindestlohnbereich geleistet haben.
Frage: Was muss die Kommission noch anpacken?
Antwort: Die Frage der beitragspflichtigen Einkommen! In der gesetzlichen Sozialversicherung sind heute alle Erwerbseinkommen in die Beitragspflicht einzubeziehen, nicht nur die aus abhängiger Beschäftigung bis zur Beitragsbemessungsgrenze. Erwerbsverläufe sind volatil geworden, viele Menschen wechseln im Laufe ihres Berufslebens mehrfach zwischen abhängiger und selbstständiger Tätigkeit. Dem muss die Rentenversicherung Rechnung tragen, wenn sie Altersarmut vermeiden will.
Derzeit fokussiert die Debatte bei dieser Frage zu stark auf die Beamten. Ich teile die Einschätzung, dass sie in die gesetzliche Rentenversicherung einbezogen werden können und sollten. Viel wichtiger ist aber die Einbeziehung von Selbstständigen und freien Berufen.
Frage: Das Alter hat in unserer Gesellschaft keinen guten Ruf, ältere Menschen seien zu unflexibel, zu wenig digital unterwegs. Umgekehrt heißt es bei vielen Älteren, die Jüngeren seien faul und zu wenig leistungsbereit. Wie können wir Vorurteile abbauen?
Antwort: Vorurteile überwinden – das ist das Anliegen unserer diesjährigen Jahreskampagne. Es gilt, Begegnungen zu ermöglichen. Ein gutes Beispiel sind die Mehrgenerationenhäuser. In den 41 Mehrgenerationenhäusern der Caritas helfen Seniorinnen Kindern bei den Hausaufgaben, junge Menschen geben Smartphone-Sprechstunden, es gibt gemeinsame Kochkurse oder Reparatur-Cafés. Deshalb muss die Finanzierung der bundesweit insgesamt 530 Häuser unbedingt weiterlaufen. Bislang ist das Programm nur bis zum Jahr 2028 von der Politik abgesichert.
Frage: Bei den Freiwilligendiensten etwa in Krankenhäusern werden solche Begegnungen ebenfalls ermöglicht. Zuletzt wurde hier immer wieder um die Finanzierbarkeit gerungen. Was erhoffen Sie sich von der Bundesregierung?
Antwort: Die Freiwilligendienste müssen gestärkt werden. Union und SPD haben diesen Punkt in ihrem Koalitionsvertrag verankert. Die 50 Millionen Euro, die der Bundestag im Dezember zusätzlich bewilligt hat, sind ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Jetzt muss der Rechtsanspruch auf einen Freiwilligendienst folgen – als Garant der Refinanzierung eines angemessenen Taschengeldes. Auch junge Menschen, die aus einem einkommensschwachen Elternhaus kommen, müssen sich einen Freiwilligendienst leisten können.
Frage: Auch wegen der steigenden Ausgaben für Sozialhilfen kommt es zu Neiddiskussionen. Was erwarten Sie von der Sozialstaatskommission, die ihre Ergebnisse in Kürze vorstellen will?
Antwort: Wir brauchen dringend eine Vereinfachung des Leistungsrechts. Über Jahre hinweg sind Gesetze verabschiedet worden, die versucht haben, immer ambitionierter Einzelfallgerechtigkeit zu gestalten. Davon müssen wir uns verabschieden. Es braucht leicht verständliche Gesetze und eine neue Kultur der Erreichbarkeit von Sozialleistungen. Die Digitalisierung kann helfen. Es ist gut, wenn das Kindergeld antragslos gezahlt wird und die gesetzlichen Voraussetzungen dafür noch in diesem Jahr geschaffen werden.
Frage: Ein anderes großes Feld, bei dem es zunehmend um Verteilungskämpfe geht, ist die Gesundheitsversorgung. Was sind dringliche Aufgaben?
Antwort: Eine gute Versorgung von Kindern muss hohe Priorität haben. Frühe Hilfen und pädiatrische Versorgung weisen gerade im ländlichen Raum Lücken auf. Als Caritas werben wir seit langem für die verlässliche Finanzierung von Babylotsen in Geburtskliniken, um eine dieser Lücken zu schließen. Gelingendes Miteinander von Alt und Jung fordert Aufmerksamkeit in vielen Handlungsfeldern. Wir werben als Caritas für eine inklusive “Du-wirst-gebraucht-Kultur”, die Alt und Jung gegen Ohnmacht und Gleichgültigkeit, Exklusion und Einsamkeit immunisiert.