„Bibel in gerechter Sprache“ feiert ihren zehnten Geburtstag

Im Oktober 2006 erschien die erste Auflage der „Bibel in gerechter Sprache“ und der Aufschrei war groß. Zum Zehnjährigen erzählen drei Schleswig-Holsteiner, warum sie gern mit ihr arbeiten.

"von Ingo Gutzmann

Willkommen Weite und Wirklichkeit

Welch ein Aufschrei vor zehn Jahren: „Anmaßung! – „Sind andere Übersetzungen ,ungerecht‘?“ – „Das ist ja gar keine Übersetzung, das ist eine tendenziöse Nacherzählung.“ Dabei ging es nur um die offengelegte engelegte Frage „Wem wollen wir gerecht werden und wie setzen wir das sprachlich um?“. Die Bibel in gerechter Sprache möchte einer Wirklichkeit gerecht werden, die von Männern und Frauen gestaltet wird. „Jüngerinnen und Jünger“ heißt es in den Jesus-Erzählungen. Das zeichnet ein ungewohntes Bild, ein anderes Bild: Nicht nur die Zwölf waren mit Jesus unterwegs, sondern viel mehr und bunt gemischt, Menschen eben, die sich ansprechen ließen. „Schwestern und Brüder“ heißt es in den Anreden der Briefe an Gemeinden. Ja, da saßen nicht nur Männer beisammen, auch hier: bunt gemischt; ein anderes Bild von Gemeinde entsteht.
So neu war dieses Thema ja nicht mehr, aber im Bibelkreis erkannten die Teilnehmenden, wie sprachliche Bilder unsere inneren Glaubensbilder bestimmen. Die Bibel in gerechter Sprache machte das Bild weiter. Willkommen in der Wirklichkeit! Die Bibel in gerechter Sprache möchte unserem Gott gerechter werden, der sich von uns nicht auf einen Begriff bringen lassen will; etwa „der HERR“ und auf jeder Doppelseite ist oben zu lesen, wie viele schöne Namen es für unseren Gott gibt, in welcher Vielfalt er uns begegnen will. Und im laufenden Text gibt es noch mehr zu entdecken über Gott – sie – ihn – Ich-bin-da – die Heilige – der Ewige … Und jedes Wort ist offen für das eigene.
Ich erinnere mich noch an die Frage im Bibelkreis: „Darf ich das?“ Und als Männer und Frauen dieser Runde sich das zutrauten, löste das tatsächlich Befreiung aus: Wir haben Alternativen zu einem männlich geprägten Gottesbild, das von Bildern der Macht beherrscht wird: König, Herr, Herrscher. Die tröstende Mutter aus Jesaja 66 war als Einzelfall ja bekannt, nun stand dazu auch eine regelmäßige Möglichkeit zur Verfügung. Mit der Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache bekamen manche einen sprachlich und bildlich barrierefreien Zugang zu Gott. Willkommen beim Gott der unbegrenzten Möglichkeiten.
von Mary Herbst

Gerechte Sprache – gerechtes Handeln

Soll Gerechtigkeit nur ein wohlwollendes Wort bleiben oder kann Gerechtigkeit auch im Alltag präsent sein? Dieses Thema beschäftigt mich seit meiner Konfi rmandenzeit. Mit der Bibel in gerechter Sprache (BigS) ist für mich die Suche nach einer Antwort wieder ins Bewusstsein gerückt. Die BigS erinnert mich daran, dass Sprache unser Denken und Handeln beeinfl usst. Sie macht für mich sichtbar, dass jede Übersetzung auch eine Interpretation ist. In der Begegnung mit anderen hil sie mir, wertzuschätzen und zu achten, dass deren Vorstellung von Gott eine andere als die meinige ist. Die geschlechtergerechte Sprache hil mir, mir vorstellen zu können, dass auch Frauen mit Jesus auf dem Weg gewesen sind und Gott Frauen zu wichtigen Botscha erinnen machte. Ich denke an die Frauen, die zu Jesu Grab gingen, die Frau, die von Jesus vom Wasser des Lebens erfährt, oder an Rut und Noomi. Die BigS ist für mich eine Ermutigung, mich dafür einzusetzen, dass Vielfalt eine Bereicherung ist und dass Geschlechtergerechtigkeit sowie damit verbunden die soziale Gerechtigkeit ein Thema für uns Christen ist.

Denken beeinflusst unser Handeln, mein Denken beeinflusst mein Handeln. Aus diesem Grund ist es mir wichtig, dass Menschen mit Vorbildfunktion sich bewusst machen, von welchem Gottesbild sie erzählen und welche Gottesvorstellung sie ausklammern und weshalb? Welche Protagonisten der Bibel sie vorstellen, welche nicht und weshalb nicht? Deshalb stelle ich die BigS den pädagogischen Fachkräften der Kindertageseinrichtungen vor und nutze sie für die Erarbeitung von biblischen Texten. Und ich hoffee, dass damit auch eine Sensibilisierung für das Thema Gerechtigkeit einhergeht.
Denn ist es gerecht, wenn Kinder nicht mehr in die Kindertageseinrichtungen kommen dürfen, weil Eltern nicht in der Lage sind, den Elternbeitrag zu zahlen? Der Armutsbericht 2016 sollte uns zu denken geben.
von Maike Borrmann

Der neue Blick auf vertraute Texte

Auf der Vollversammlung der Theologinnen in Nordelbien im Oktober 2006 bekam ich vom Vorstand ein Exemplar der gerade neu erschienenen Bibel in gerechter Sprache geschenkt. Seitdem begleitet mich diese Bibel, zuerst in meiner Arbeit als Pastorin der Studierendengemeinde in Flensburg, dann als Gemeindepastorin in der Kirchengemeinde Esgrus. Mich hat von Anfang an das Profi l dieser Bibelauslegung fasziniert. Dort, wo es möglich ist, wurde versucht, eine geschlechtergerechte Sprache zu finden. Da die Bibel ja aus einer patriarchalen Zeit stammt, konnte es diesen Blick damals noch nicht geben. Diese Übersetzung schließt mich als Frau, Christin und Pastorin ausdrücklich mit ein und eröffnet mir somit einen ganz neuen Blick auf mir bisher aus der Luther Übersetzung vertraute Bibeltexte.

Durchgängig wird versucht, Gott nicht einseitig mit männlichen Bezeichnungen zu benennen. Es werden alle Möglichkeiten der Gottesnamen verwandt, was weitet oder irritiert oder provoziert, auf jeden Fall aber zum Nachdenken darüber anregt, an welchen Stellen wir unreflektiert doch irgendein „Bild“ von Gott benutzen, das uns vertraut und genehm ist. Das bedeutet, das Bilderverbot von Gott wird ernst genommen, und es passt zu der Entdeckung der feministischen Theologien, dass den alten Gottesübersetzungen ein eher männliches Gottesbild zugrunde liegt.

Ein besonderes Augenmerk gilt auch der Gerechtigkeit im Hinblick auf den jüdisch-christlichen Dialog. Wir christlich sozialisierten Menschen merken es teilweise nicht einmal, wenn wir überheblich über „die Juden“ oder Andersgläubige denken oder sprechen. Unser Christo-Zentrismus hat uns da manchmal die Augen verschlossen. Hier fordert die Bibel in gerechter Sprache zum fairen Umgang mit den Juden und ihrem Glauben heraus. Und es wird besonders auf die soziale Gerechtigkeit geachtet, was einen ganz neuen Hintergrund für manche biblischen Texte und Worte zeichnet.
Ich emfinde die Bibel in gerechter Sprache als eine Hilfe bei Gesprächen im Bibelkreis, in Gesprächen mit am Glauben interessierten Menschen und im gezielten Einsatz im Gottesdienst und in kirchlichen Kreisen. Sie erhebt nicht den Anspruch, die einzige Übersetzung sein zu wollen, aber sie ist eine hervorragende Ergänzung aller anderen vorhandenen Übersetzungen.

Da ihre Wirkkraft sich am besten im Selberlesen entfaltet, ende ich mit diesen Versen: „Ich ermutige euch, Geschwister: Verlasst euch auf Gottes Mitgefühl und bringt eure Körper als lebendige und heilige Gabe dar, an der Gott Freude hat. Das ist euer vernunftgemäßer Gottes-Dienst. Schwimmt nicht mit dem Strom, sondern macht euch frei von den Strukturen dieser Zeit, indem ihr euer Denken erneuert. Dann wird euch deutlich, was Gott will: das Gute, das was Gott Freude macht, das Vollkommene“ (Brief an dieGemeinde in Rom, 12, 1+2).