In den 1980ern wagt Uwe Müller etwas Unerhörtes. Er gründet die erste Telefonseelsorge in der DDR – trotz Misstrauens. Nun erhält er den mit 1.000 Euro dotierten Ökumenepreis.
“Holen Sie uns bitte zwei Kannen Kaffee und Kuchen für den ganzen Nachmittag – wir haben etwas zu besprechen.” Uwe Müller sitzt 1982 im Büro seines Chefs, dem Leiter der evangelischen Diakonie, die in der DDR “Innere Mission und Hilfswerk” hieß. Kurz bevor der Chef die Sekretärin um Gebäck bittet, hat Müller ihm einen Vorschlag gemacht: die erste Telefonseelsorge in der DDR zu gründen.
Vor mehr als 37 Jahren gelang ihm nach viel Überzeugungsarbeit die Gründung. Im November ging Müller, Jahrgang 1959, in den Ruhestand. Nun erhält der ehemalige und langjährige Leiter der kirchlichen Telefonseelsorge den Ökumenepreis des Ökumenischen Rats Berlin-Brandenburg (ÖRBB). Damit würdigt der nach eigenen Angaben das Engagement Müllers für Menschen unterschiedlicher religiöser und ethnischer Zugehörigkeit.
Nach eigenen Angaben ist die Telefonseelsorge mit 35.000 Anrufenden pro Jahr und über 250 Ehrenamtlichen an den drei Standorten Berlin, Cottbus, Frankfurt (Oder), für die Müller zuständig war, zentraler Ort für Zuhören, Trost und Unterstützung. Was Anfang der 1980er Jahre begann, hat Früchte getragen. Aber nur mit vielen Hürden – angefangen bei der Gründung, erinnert sich Müller.
“Ich war gerade mit meinem Studium der Gemeindepädagogik in Potsdam fertig und wollte was bewegen”, sagt er. “Offiziell gab es in der DDR zwar keine Gewalt in Familien, keine Drogenabhängigkeit und keine Arbeitslosigkeit.” Aber bei seiner Arbeit für den evangelischen Wohlfahrtsverband sah er, dass die Realität ganz anders aussah. Zusammen mit einem Freund merkte er, dass es eine Telefonseelsorge brauche. Müller nahm viele Hürden. Denn die DDR war sehr skeptisch. Die Behörden fürchteten, dass die Telefonseelsorge missbraucht würde, um Ausreisen in die Bundesrepublik zu organisieren.
In den 1980er-Jahren gab es Telefone noch nicht flächendeckend in der DDR. Müller musste eines bei der Deutschen Post beantragen. Die DDR-Behörden hätten jederzeit Nein sagen können. Am Ende gelang es ihm, ein Zimmer in den Räumen der Berliner Hugenottenkirche zu ergattern – mit Telefonanschluss. “Als wir das erste Telefonat entgegennahmen, standen ich und mein Kollege noch in der Latzhose da, um die Wände zu streichen.”
“Der erste Anruf kam von einem Mann aus einem kleinen Dorf in Thüringen”, erzählt Müller. Seine Frau war gestorben und er war todunglücklich. Das Dorf habe ihn gemieden, nicht mit ihm über seine Traurigkeit gesprochen, er sei sehr verzweifelt gewesen, dachte über Suizid nach. Bei der Telefonseelsorge habe er Hilfe gefunden.
Die Telefonseelsorge zu erreichen, war für viele DDR-Bürger in den 1980er-Jahren nicht einfach, erinnert sich Müller. Nicht nur habe es gefühlt in jedem Dorf damals nur ein Telefon gegeben. Sondern es befand sich häufig auch noch bei einem Dienstleiter – ein persönliches Gespräch unter diesen Umständen war schwierig.
Und auch zu verbreiten, dass es die Telefonseelsorge gab, war nicht leicht. Müller und sein Kollege druckten ein erstes Visitenkärtchen, das mit dem Kirchensteuerbescheid verteilt wurde; darauf ein Piktogramm mit einer Drehscheibe und die Telefonnummer. Es klappte.
Kurz nach dem ersten Anlauf häuften sich in der Zentrale einige Auffälligkeiten. “Morgens um 6 Uhr rief mehrmals jemand an, dann gab es ein Knacken und die Leitung war wieder frei, niemand dran”, berichtet Müller. “Meine Mitarbeiter dachten, ich wollte kontrollieren, dass sie auch pünktlich zum Dienst erscheinen”, sagt er. Schließlich findet Müller heraus, dass es Stasi-Mitarbeiter waren, spricht mit seinen Kollegen. Wenn sie künftig wieder das Knacken bemerken, sagen sie es den Menschen, die sie betreuen. “Dann kam es auch mal vor, dass für einen ganzen Tag die Leitung nicht funktionierte.” Die Stasi-Mitarbeiter hatten ihre Arbeit getan.
Wende und Wiedervereinigung 1989/1990 waren auch für Müller ein Einschnitt. “Aber positiv”, ergänzt er. “Ich fühle mich von Gott unfassbar gut behandelt.” Aber er kennt auch die Schattenseiten. Besonders aufgefallen sind ihm die vielen Männer, die nach der Wende entwurzelt gewesen seien. “Wie heute haben sich auch in der DDR viele über ihre Arbeit definiert. Und auf einmal verloren viele ihre Stelle.” Das habe viele in eine Krise gebracht.
Die Preisverleihung für den Ökumenepreis soll am 22. Januar im Rahmen eines Gottesdienstes stattfinden, der anlässlich der diesjährigen Gebetswoche für die Einheit der Christen gefeiert wird.