Beglänzt von seinem Lichte

Advent
Beglänzt von seinem Lichte

Der Morgenstern. Ein kleiner Lichtpunkt am dämmrigen Himmel. Nur ein wenig heller als die anderen Sterne – aber doch das Strahlen eines großen Versprechens: Die Nacht wird nicht ewig währen. Das Licht ist schon zu ahnen. Es kommt, und es wird die Dunkelheit besiegen. Wir hoffen nicht umsonst.
Wer das Lied „Die Nacht ist vorgedrungen“ von Jochen Klepper singt, findet diese Hoffnung in jeder Zeile. Es ist eine verhaltene, geduldige Hoffnung. Sie richtet sich auf Gott, der Mensch geworden ist und mit den Menschen durch die Anfechtungen ihres Lebens geht – unspektakulär, aber beständig und verheißungsvoll wie das Licht des Morgensterns.

Der Morgenstern: ein altes Symbol für Christus

Nicht von ungefähr ist dieser Stern ein Bild, das schon in der frühen Christenheit für die Nähe Jesu Christi steht: „Ich bin die Wurzel und das Geschlecht Davids, der helle Morgenstern“, lässt etwa der Seher Johannes Jesus im Schlusskapitel seiner Offenbarung sagen (Offb. 22,16). Die Alte Kirche nahm dieses Bild in ihre Advents-Liturgie auf: „O oriens, splendor lucis aeternae“ – „O Morgenstern, Glanz des ewigen Lichtes und Sonne der Gerechtigkeit: Komm und erleuchte, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes“, heißt es etwa seit dem 7. Jahrhundert in der Antiphon zum 21. Dezember.
In Umdichtungen findet sich dieser liturgische Ruf auch in evangelischen Gesangbüchern; das Adventslied „O komm, o komm, du Morgenstern“ (eg 19) stammt – über den Umweg einer englischen Nachdichtung – von diesem alten Adventshymnus. Klepper selbst stellte seinem Lied Verse aus dem Römerbrief voran: „Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.“ (Röm 13,12).
Als Jochen Klepper im Jahr 1938 sein Adventslied schrieb – das er selbst in seiner Gedichtsammlung „Kyrie“ übrigens als „Weihnachtslied“ bezeichnet –, war ein Ende der politischen Dunkelheit in Deutschland nicht abzusehen. Bereits seit 1933 war der Dichter, der mit einer Jüdin verheiratet war und daher als „jüdisch versippt“ geführt wurde, von Entlassungen betroffen. Seine Frau Johanna und deren Töchter aus erster Ehe, Brigitte und Renate, wurden zunehmend drangsaliert. 1937 wurde Klepper aus der Reichschrifttumskammer ausgeschlossen. Zwar durfte er in der Folge mit einer Sondergenehmigung weiter publizieren und war sogar mit seinem Roman „Der Vater“ recht erfolgreich; er litt aber unter der Demütigung, jedes seiner geschriebenen Worte kontrollieren zu lassen.
Die Hoffnung auf ein Licht, das tröstlich durch die Nacht in den Morgen führt, war also auch eine sehr persönliche Hoffnung Kleppers. Das Dunkle im Leben hat ihn viel beschäftigt. Schon während seines Studiums erlitt er einen depressiven Zusammenbruch. Schuldkomplexe quälten ihn; bereits zu diesem Zeitpunkt trieb ihn die Frage nach einem Suizid um. Es ist wohl bezeichnend für seine Lebenshaltung und seinen Glauben, dass er nicht überschwänglich von der „rechten Freudensonn“ singen will, wie es im Adventslied „Macht hoch die Tür“ (eg 1) heißt. Eher erinnert seine Frömmigkeit an eine Strophe Martin Luthers aus dem Lied „Nun komm, der Heiden Heiland“ (eg 4): „Dein Krippen glänzt hell und klar, die Nacht gibt ein neu Licht dar, Dunkel muss nicht kommen drein, der Glaub bleibt immer im Schein.“

Hoffnung, dass die Dunkelheit endet

Trotzdem spricht eine tiefe Zuversicht aus dem Lied – die Zuversicht, dass das Dunkel nicht überhandnimmt im Leben und in der Welt. Kleppers Glaube ist zunehmend bestimmt von dem Vertrauen auf Gottes Fügung. In seinem „Geburtstagslied“ aus derselben „Kyrie“-Sammlung fasst er es so in Worte: „Aus seinem Glanz und Lichte tritt er in deine Nacht: Und alles wird zunichte, was dir so bange macht.“
Für Jochen Klepper und seine Familie wurde es jedoch nicht mehr hell. Als sich im Dezember 1943 die letzte Hoffnung zerschlägt, dass Johanna Klepper und ihre Tochter Renate ausreisen dürfen und ihre Deportation unmittelbar bevorsteht, beschließen alle drei, gemeinsam in den Tod zu gehen. In der Nacht zum 11. Dezember – vor 75 Jahren – nehmen sie Schlaftabletten und drehen den Gashahn in der Küche auf. Ein Schild „Vorsicht Gas!“ an der Haustür warnt die Haushälterin, die am nächsten Morgen die leblosen Körper nebeneinander liegend findet.
Der letzte Tagebucheintrag Kleppers am 10. Dezember lautet: „Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben.“ Mit dem Wissen um dieses Ende bekommen die letzten Zeilen des „Weihnachtsliedes“ eine neue Bedeutung: „Wer hier dem Sohn vertraute, kommt dort aus dem Gericht!“

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