Rüstzeiten in der Evangelischen Militärseelsorge Wilhelmshaven

Auszeit gefällig?

Auf diese Frage würde vermutlich jeder sofort „ja“ sagen. Denn wer braucht es nicht, Zeit für sich, für die Familie, für die Kameraden?

Gruppenfoto von der Familienrüstzeit auf Usedom

von Kai Kleina

Einfach einmal rauskommen aus dem Alltag, etwas anderes hören und sehen? Genau an diesem Bedürfnis knüpft das Angebot einer Rüstzeit durch die Militärseelsorge an, die sich speziell an Soldaten und ihre Familien richtet.

Damit ist aber keine Auszeit im Sinne eines Urlaubs oder Urlaubstages zu verstehen, sondern eine begleitete und thematisch umrahmte Zeit für sich selbst, die Kameraden und/oder die Familie. Während der Pandemie konnten vor allem Tagesrüstzeiten angeboten werden, mittlerweile sind auch wieder Familien-, Paar- und Wochenendrüstzeiten möglich.

Woche mit der Familie

Wir, Pfarrhelfer Gerold Redemann und ich, im Evangelischen Militärpfarramt Wilhelmshaven III, haben es uns zur Aufgabe gemacht, die Möglichkeiten von Rüstzeiten unter den gegebenen Umständen bestmöglich anzubieten und durchzuführen, unterstützt durch das Militärpfarramt I. So fanden in diesem Jahr 2022 bisher neun Tagesrüstzeiten statt, weitere stehen noch aus. Höhepunkt war eine einwöchige Familienrüstzeit auf Usedom im Juli mit knapp 70 Teilnehmenden zum Thema „Grenzen erkennen – Grenzen erfahren“ im Haus Kranich.

An wen sich die Rüstzeit richtet

Die Rüstzeiten richten sich nicht nur an Soldaten und ihre Familien, , sondern auch an geschlossene Soldatengruppen wie die Besatzung einer Fregatte, eines Hörsaals oder einer Einheit, die immer wieder hohen dienstlichen und anderen Belastungen ausgesetzt sind. In diesen Fällen finden die Rüstzeiten meist bewusst während der Dienstzeit statt. Viele Vorgesetzte wissen: Eine kurze Auszeit bewirkt mitunter Großes für den Einzelnen und für die Gruppe. Aus diesem Grunde wird das Angebot der Evangelischen Militärseelsorge gern in Anspruch genommen.

Allein die Tagesrüstzeit nach Spiekeroog wurde in diesem Jahr achtmal angeboten und durchgeführt, so auch Ende August. Von Neuharlingersiel ging es raus auf die Nordsee, bei bestem Wetter und mit guter Stimmung, leichtem Wind und geringem Seegang. Als ersten Programmpunkt bietet der Kutter „Gorch Fock“ ein Schaufischen an. Zu diesem Zweck lässt der ehemalige Fischkutter ein kleines Grundnetz ins Wasser, das nach einer Viertelstunde wieder an Bord geholt wird. Nun können alle sehen, wie lebendig das Wasser unter dem Schiff eigentlich ist: kleine Schollen, Krebse, Garnelen, Heringe, Quallen und anders wird den stauenden Besuchern gezeigt. Nach der Betrachtung werden die Tiere wieder in die Freiheit entlassen.

Motor aus für die Andacht

Es geht weiter zu den Seehundbänken, wo so manches Foto geschossen wird. Näher kommt man wildlebenden Seehunden vermutlich nicht, und die „Gorch Fock“ hat dafür eine besondere Erlaubnis. Angelegt im Hafen von Spiekeroog, wird die alte Inselkirche besucht und erklärt. Der Zugang hierzu wird durch den ehemaligen Militärpfarrer Friedemann Schmidt ermöglicht, der heute Inselpastor von Spiekeroog ist. Den drei- bis vierstündigen Aufenthalt auf der Insel können die Teilnehmer individuell gestalten.

Gezeitenbedingt geht es am Nachmittag wieder auf die „Gorch Fock“. An Bord gestalte ich eine kurze Andacht, verbunden mit Vaterunser und Segen. Hierzu schaltet Willi Jakobs den Motor der „Gorch Fock“ aus, sodass das Schiff treibt und nur das Geräusch von Wind und Wellen die Teilnehmer umgeben. Eine intensive Erfahrung für alle. Nach einer knappen Stunde Fahrt erreicht die „Gorch Fock“ dann wieder Neuharlingersiel.

Es sind nicht nur kleinere oder größere Rüstzeiten, wo die Evangelische Militärseelsorge präsent ist. Beim „Wochenende an der Jade“ in Wilhelmshaven zeigte sich die Arbeit der Militärseelsorge fahrend auf dem Schlepper „Scharhörn“ sowie einem Stand der Evangelischen und Katholischen Militärseelsorge an Land. Darüber hinaus ist sie aktiv bei Lebenskundlichen Unterrichten (LKU), Feldgottesdiensten und Andachten, Seelsorgegesprächen und anderen Veranstaltungen.

Unser Autor
Kai Kleina ist Militärpfarrer im Militärpfarramt Wilhelmshaven III.

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