Pilgerpastoren aus dem Norden

Auf den Weg gemacht

Mit Aufbrüchen kennen sie sich aus: Drei Pilgerpastoren aus dem Norden verraten, mit welchen Gedanken sie sich auf den Weg machen – und wohin sie diese Gedanken im kommenden Jahr führen könnten.

Im Sommer 2019 machte Pilgerpastor Bernd Lohse sich mit einer Gruppe im Hamburger Stadtpark auf den Weg

Ein Zettel gegen kreisende Gedanken

Claudia Tietz (56) ist Pilgerpastorin in Hamburg-Harvestehude Foto: Bettina Theuerkauf

„Siehe, ich sende einen Engel vor dir her, damit er dich behüte auf dem Weg und dich an den Ort bringe, den ich bereitet habe.“ Dieser Vers begleitet Pastorin Claudia Tietz oft beim Pilgern. Gerade in dieser Zeit sei es wichtig, sich bewusst zu machen, dass man nicht allein ist, und zu schauen, welche Formate und Erlebnisse einen stärken, damit man nicht in Wut, Panik, in Trauer oder Depression gerät. Es sei ein Glück, im Rhythmus der Gottesdienste gehalten zu werden. Und das Pilgern gebe Kraft. Seit Monaten bietet Tietz Pilgermorgenspaziergänge an – vor allem der Elbhöhenweg sei ideal dafür. Tietz rät vorm Pilgern dazu, „Vorfreude zu haben, dass man etwas erleben kann“. Wenn man Sorgen hat und in immer gleichen Gedanken stecken bleibt, helfe es, sich vorher ein Lied oder einen Vers aufzuschreiben und in die Hosentasche zu stecken. Und wenn man merkt, dass die Gedanken kreisen, könne man sich den Zettel nehmen, sich auf den Spruch konzentrieren und sich selbst aus dem immer Gleichen befreien.

Die Abwehrkräfte stärken

Kathrin Jedeck unterwegs auf dem Jakobsweg in Spanien Foto: Lutz Jedeck

„Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ Die Jahres­losung 2022 ist für Pastorin Kathrin Jedeck aus Lübecks Pilgerkirche St. Jakobi sehr tröstlich. Sie weiß, wie wichtig es ist, im Gebet oder auch auf dem Pilgerweg Kraft zu schöpfen – um für sich und andere da sein zu können. Dabei helfen Bibelverse oder auch Lieder wie das Pilgerlied „Ultreia“ oder der Kanon „Da pacem cordium“, zu Deutsch „Gib dem Herzen Frieden“. Der Gesang im ruhigen Herzschlagrhythmus helfe dabei, das hohe Tempo des Alltags zurückzulassen. Und das Pilgern sei eine große Kraftquelle – körperlich und auch seelisch. „Es stärkt ganz gewiss die Abwehrkräfte“, sagt die Pastorin. Gern geht sie auf dem „Kleinen Jakob“ rund um die Lübecker Altstadt. Ein Leporello, das in der Jakobikirche ausliegt, unterstützt die Menschen auf diesem kleinen Pilgerweg dabei, „Lasten loszulassen“. Sie selbst halte sich nicht mehr damit auf, zu grübeln, warum ein Stein im Weg liegt, sondern sie guckt, was dahinter ist. Und auf dem Pilgerweg kommen ihre Gedanken in Bewegung, und sie selbst kommt zur Ruhe.

Wild voller Hoffnung

Pilgerpastor Bernd Lohse auf dem Hamburger Rathausmarkt
Pilgerpastor Bernd Lohse Foto: Friederike Lübke

„Man kann nicht etwas Gutes erleben ohne den Preis der Enttäuschung“, sagt Bernd Lohse. Er selbst sei „wild voller Hoffnung“, und Gott sei der Hoffnungsgrund. So schaue er zuversichtlich nach vorn, respektvoll und verantwortungsbewusst. Lohse will sich nicht verunsichern lassen. Er ist neugierig und plant Pilgerwege und Reisen für das neue Jahr. Seine Lieblingswege in der Nähe sind „der zweite grüne Ring“ um Hamburg herum und der Jakobusweg, der in die Lüneburger Heide führt. Doch man könne auch einfach losgehen, den eigenen Ort umkreisen, neue Wege gehen und sich überraschen lassen. „Beim Pilgern nimmt man Gedanken wahr und ist offen für Gott“, sagt er. Und man setzt sich den Gefühlen aus, die Lohse den „inneren Rucksack“ nennt. Der Pastor ist froh, dass er 2004 in Taizé das Pilgern für sich entdeckte, und er macht jedes Jahr neue Erfahrungen. „Solange Gott mich gehen lässt, gehe ich immer weiter. Und dann werde ich mich daran erinnern, wie es war.“

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