Kirchen entsetzt nach Anschlag auf Synagoge in Halle

„Antisemitismus ist Gotteslästerung“

Die Attacke nahe einer Synagoge in Halle sorgt für Entsetzen. Die Tat hat vermutlich einen antisemitischen Hintergrund. In Hannover bekunden die Menschen gemeinsam mit Margot Käßmann ihre Solidarität.

Die Polizei hat den Bereich rund um die Synagoge abgeriegelt

von epd/tt

Halle/Hannover. Nach der Schuss-Attacke mit zwei Toten in der Nähe einer Synagoge in Halle haben Vertreter von evangelischer und katholischer Kirche Entsetzen und Trauer geäußert. „Ich bin entsetzt und fassungslos angesichts dieser Gräueltat“, erklärte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm. Man dürfe nicht zulassen, dass Juden in Angst und Unsicherheit ihren Glauben leben müssten. „Antisemitismus ist Gotteslästerung“, schreibt der Theologe in einem Beitrag auf Facebook.

Der hannoversche Landesbischof Ralf Meister sagte: „Die Taten von Halle machen mich fassungslos und traurig.“ Es beschäme ihn zutiefst, „dass Jüdinnen und Juden in unserem Land an Jom Kippur und 81 Jahre nach der Reichspogromnacht um ihr Leben fürchten müssen“. Das sei unerträglich: „In unserem Land kann es solange keine Normalität geben, wie Antisemitismus und Gewalt gegen Jüdinnen und Juden existieren.“

Kundgebung mit Margot Käßmann

Zu einer Solidaritätskundgebung mit der Theologin Margot Käßmann in der evangelischen Marktkirche in Hannover kamen am Abend rund 50 Personen zusammen. Käßmann sagte, sie sei schockiert, dass sich der Antisemitismus wieder in Deutschland breitgemacht habe. „Wo Juden angegriffen werden, werden Menschen jeden Glaubens angegriffen“, betonte die frühere hannoversche Landesbischöfin und ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) am Rande der Solidaritätsaktion, die auch an die friedliche Revolution in der DDR vor 30 Jahren erinnerte. Im Gedenken an die Opfer von Halle und an die Großdemonstration in Leipzig am 9. Oktober 1989 zogen die Teilnehmer mit Kerzen von der Marktkirche zum Mahnmal der im Krieg zerstörten Aegidienkirche.

Die Beauftragte für Kirche und Judentum in der hannoverschen Landeskirche, Professorin Ursula Rudnick, zeigte sich bestürzt über die Ereignisse. „Der Anschlag auf die Synagoge, auf das Haus Gottes, am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur ist perfide und zutiefst menschenverachtend“, sagte sie dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Unsere Solidarität gilt den Mitgliedern der Gemeinde, den Angehörigen der Opfer und der jüdischen Gemeinschaft. Als Bürgerinnen und Bürger zeigen wir Solidarität, indem wir uns an ihre Seite stellen.“

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Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Marx, sagte: „Wir sind den Juden in unserem Land, unseren Schwestern und Brüdern, gerade in diesen Stunden eng im Gebet verbunden.“ Antisemitismus oder blinde Gewalt dürften keinen Platz in der Gesellschaft haben, ergänzte Marx.

Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, äußert sich schockiert über die tödlichen Schüsse in der Nähe einer Synagoge in Halle und erhebt Vorwürfe gegen die Polizei. Der Täter habe versucht, in die Synagoge einzudringen, und auch der benachbarte jüdische Friedhof sei angegriffen worden, so dass von einem antisemitischen Tatmotiv auszugehen sei, erklärte Schuster am Mittwochabend in Berlin. „Dass die Synagoge in Halle an einem Feiertag wie Jom Kippur nicht durch die Polizei geschützt war, ist skandalös“, sagte der Zentralratsvorsitzende. Diese Fahrlässigkeit habe sich bitter gerächt.

Hamburger Synagoge geschützt

Nach Angaben des Innenministeriums in Hannover beteiligt sich Niedersachsen mit offenen und verdeckten Maßnahmen an der Fahndung nach den Tätern. Das Landeskriminalamt sei beauftragt, die Gefährdung jüdischer Einrichtungen im Land fortlaufend zu bewerten, sagte eine Sprecherin dem epd. Örtliche Polizeidienststellen seien sensibilisiert worden, Kontakt mit den jüdischen Gemeinden aufzunehmen. Auch Hamburg hat den Schutz jüdischer Einrichtungen im Blick. An einer großen Synagoge im Stadtteil Eimsbüttel sowie an Bahnhöfen ist die Zahl der Einsatzkräfte erhöht worden.

Auch die Bischöfe von Landeskirche und Bistum Magdeburg zeigten sich erschüttert. „Die Attacke auf die Synagoge in Halle ist abscheulich und unerträglich“, sagte der Bischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Friedrich Kramer. Sein katholischer Amtskollege Gerhard Feige übermittelte von einer Konferenz in Bosnien-Herzegowina Bestürzung: „Es ist eine menschliche Katastrophe, dass Juden in Deutschland nicht in Frieden leben und den Versöhnungstag Jom Kippur feiern können.“

Generalbundesanwalt ermittelt

In Halle sind am Mittwoch zwei Menschen erschossen worden. Es fielen mehrere Schüsse „in der Nähe einer Synagoge“, wie die Polizei mitteilte. Die Polizei fahndete mit Hochdruck nach den Tätern. Am frühen Nachmittag wurde ein Verdächtiger festgenommen. Die „Amoklage“ hat die Polizei am Abend aufgehoben. Der Generalbundesanwalt zog schnell nach der Tat die Ermittlungen an sich. Der Fall habe eine besondere Bedeutung, hieß es zur Begründung. (epd/tt)

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