Vor 400 Jahren wurde die Greifswalder Lyrikerin Sibylla Schwarz geboren

An ihr gibt es kein Vorbeikommen

Als „Pommersche Sappho“ wurde die Greifswalder Lyrikerin Sibylla Schwarz bekannt. Ihre Gedichte faszinieren auch Gudrun Weiland. Zum 400. Geburtstag der Dichterin hat sie ein besonderes Geschenk.

Sibylla Schwarz, Darstellung in den „Deutschen Poëtischen Gedichten“, 1650

von Christine Senkbeil

Greifswald. Als Gudrun Weiland nach Greifswald zog, hatte sie noch nichts von Sibylla Schwarz (1621-1638) gehört. „Dabei hatte ich mich schon vorher mit Barockdichtung befasst“, sagt die Literaturwissenschaftlerin. Nun, pünktlich zum 400. Geburtstag der hier geborenen Dichterin, am 24. Februar, gibt sie ein 200-seitiges Sibylla-Schwarz-Buch mit ausgewählten Werken heraus. „Ich fliege Himmel an mit ungezähmten Pferden“, lautet der Titel.

Gudrun Weiland hat in Leipzig Germanistik studiert, und in Göttingen ihre Promotion verfasst – in der es allerdings nicht um Lyrik, sondern um Detektivserien der 1920er- und 30er-Jahre geht: ein etwas anderer Stoff, als ihn die junge Dichterin aus dem Greifswald der 1620er lieferte.

Ihr Schicksal bewegt

An Sibylla Schwarz gab es in der Hansestadt kein Vorbeikommen. Das Schicksal der hochbegabten, früh verstorbenen Dichterin bewegte und bewegt zunehmend mehr Kulturinteressierte. Denn Schwarz ist ungewöhnlich. Im 17. Jahrhundert hatten nur wenige, besonders privilegierte Frauen Zugang zu Bildung, über Privatunterricht oder autodidaktisch. Einerseits fasziniert also ihr reiches und reifes poetisches Werk, das ihr den Beinamen „Pommersche Sappho“ einbrachte.

Andererseits rührt das tragische Leben der Bürgermeistertochter an. Der Dreißigjährige Krieg hatte der Unbeschwertheit ein jähes Ende gesetzt. Mit neun verlor sie ihre Mutter, kümmerte sich mit den Schwestern um den Haushalt. Dennoch lernte sie und schrieb schon mit zehn erste Gedichte. Bis zu ihrem 17. Lebensjahr schuf sie mehr als 100 Werke – und dann starb sie selbst an der Ruhr. Nach der Veröffentlichung ihrer Werke 1650 wurde sie schlagartig berühmt. Posthum. Da wäre sie 29 Jahre alt gewesen.

Neue Leitsätze

Gudrun Weilands Interesse an der Dichterin wurde an der philologischen Fakultät der Greifswalder Uni von Monika Schneikart und Michael Gratz geweckt. „Mich beeindruckt die Klangqualität ihrer Verse“, sagt die Wissenschaftlerin. „Sie hat damals schon die ganz neuen Leitsätze der Dichtungsreformen umgesetzt. Es ist faszinierend, wie sich diese junge Frau in dieser Zeit eine solche Bildung aneignen konnte“, sagt Weiland. Und trotz strenger Einhaltung der Form habe Schwarz keine leblosen, steifen Konstruktionen geschaffen, sondern schöne, leichte Verse.

Nach Berlin „exportiert“

Gudrun Weiland nahm ihre Faszination mit in ihre neue, derzeitige Forschungsstätte: der Humboldt-Uni Berlin. Sie „exportierte“ das Nordlicht sozusagen in die Hauptstadt, wobei Sibylla Schwarz in Berlin ein Begriff war. Zwischenzeitlich vergessen, wurde Schwarz in den vergangenen Jahrzehnten als eine der wichtigsten deutschen Barockstimmen wiederentdeckt. Im Sommersemester gibt es nun in Berlin ein Sibylla-Schwarz-Seminar.

Bei der Fonte-Stiftung, die in der Reihe „Femmes de Lettres“ europäische Autorinnen des 16. bis 18. Jahrhunderts vorstellt, bot sich ihr die Gelegenheit, eine umfassende Ausgabe des Schwarz-Werkes zu liefern – für ein breites Publikum. Uni-Lektüre soll die Ausgabe aber keine sein, betont sie: „Es soll einfach ein Lesebuch für alle sein.“ Etwas angepasst im Sprachgebrauch, denn um die alten Texte lesbarer zu machen, hat Weiland vorsichtig Vereinheitlichungen in der Rechtschreibung eingefügt und einige Begriffe erläutert.

Mit Sibyllas „Gesang wider den Neid“ beginnt das Buch, dem Lieblingsgedicht der Herausgeberin. „Hat zwar die Missgunst tausend Zungen; Und mehr dann tausend ausgestreckt; Und kommt mit Macht auf mich gedrungen; So werd ich dennoch nicht erschreckt“, schrieb die junge Frau vor 400 Jahren. „Der Neid taucht sehr oft in ihren Dichtungen auf“, so Weiland. „Man kann vermuten, dass sich Zeitgenossen die Mäuler darüber zerrissen haben, dass sie schreibt, statt sich um den Haushalt zu kümmern.“

Frei nach Ovid

Viel geschrieben hat Sibylla offenbar: Sie schrieb Verse zu Geburtstagen, Hochzeiten und Todesfällen, dichtete frei nach Ovids Metamorphosen ihre Version der Daphne, erzählte in der Schäferdichtung Faunus von der Blödigkeit zweier Liebender, machte aus dem väterlichen Landgut Fretow ihren Helikon und gestaltete dessen Zerstörung durch schwedische Truppen als mythologisches Trauerspiel.

Sibylla Schwarz rechnet ab mit dem männlich herablassenden Blick, nicht ohne Humor. „Bemerkenswert sind ihre Liebessonette, in denen sie das tradierte Gender-Paradigma um eine weibliche homoerotische Lesart erweitert“, sagt Gudrun Weiland. Vielleicht machte sie sich ja selbst Mut mit ihren Gedichten, gegen alle Widrigkeiten. „Wer Gott vertraut in allen Dingen, Wird Welt, wird Neid, wird Tod bezwingen.“ So das Ende ihres „Gesangs wider den Neid.“

Buch-Tipp
Gudrun Weiland: Sibylla Schwarz. Ich fliege Himmel an mit ungezähmten Pferden.
Secession 2021, 208 Seiten, 20 Euro.

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