Am Anfang war ein Brandbrief – Buch zur Geschichte der Nordkirche

Fünf Jahre wurde intensiv verhandelt – dann fusionierten die Landeskirchen von Nordelbien, Mecklenburg und Pommern zur geeinten Nordkirche. Ein nun vorgestelltes Buch beschreibt die intensive Entstehungsgeschichte.

von Thomas Morell

Hamburg. Mit einem Bischofsbrief begann vor zehn Jahren die Geschichte der evangelischen Nordkirche. Fünf Jahre lang wurde intensiv verhandelt, dann wurde Pfingsten 2012 der Zusammenschluss der Landeskirchen Nordelbien, Mecklenburg und Pommern gefeiert. Jetzt ist das erste Buch über die Geschichte der Nordkirche mit Beiträgen der Beteiligten erschienen. Es waren Sitzungen, "die keiner der Beteiligten je wieder erleben möchte", schreibt der Mitherausgeber Michael Ahme, seinerzeit Geschäftsführer der Steuerungsgruppe.

Erste Gespräche im Jahr 2004

Hätten sich Mecklenburger und Pommern besser verstanden, würde es die Nordkirche heute nicht geben. Anfang 2004 begannen die Fusionsgespräche der beiden kleinen Kirchen. Doch kamen sie nach den Worten des Greifswalder Bischofs Hans-Jürgen Abromeit nur "schleppend" voran. Offenbar frustriert fragten pommersche Kirchenvertreter 2006 in Berlin an, ob ihre finanziell klamme Kirche nicht bei der Nachbarkirche Berlin-Brandenburg unterkommen könnte.

Theologische und politische Differenzen

Das Nordkirchen-Buch beginnt mit einem Brandbrief von Bischof Abromeit: Im Dezember 2006 schickte er seiner Lübecker Amtsschwester Bärbel Wartenberg-Potter die Frage, ob Nordelbien nicht Interesse an einer "Dreier-Lösung" hätte. Ein Zeichen wäre "sehr hilfreich". Im Februar 2007 kam dann ein Brief aus Kiel mit einer Einladung zu Vorab-Gesprächen. Trotz aller theologischen und politischen Differenzen blieben Wartenberg-Potter und Abromeit die treibenden Kräfte der Fusion, während Mecklenburgs Bischof Hermann Beste und Hamburgs Bischöfin Maria Jepsen sie mehr oder minder deutlich ablehnten. Mit Bestes Nachfolger Andreas von Maltzahn brach Ende 2007 das mecklenburgische Eis.
Auch der Schleswiger Bischof Hans Christian Knuth, Vorsitzender der Kirchenleitung, sei anfangs gegen die Fusion gewesen, erinnert sich der heutige Landesbischof Gerhard Ulrich, damals noch Propst in Angeln. Daher habe man den Fusionsvorschlag "nach dem Überrumpelungsprinzip" in die Kirchenleitung eingebracht. Bischof Knuth sprach dann offiziell die Einladung aus und galt fortan als "Motor der Nordkirche".

Wo soll die Nordkirche ihren Sitz haben?

Nach der geglückten Fusion erlauben sich die Kirchenvertreter jetzt auch mal, über ihre Gefühle zu berichten. So war Landesbischof Ulrich zuweilen "richtig genervt" von den pingeligen Mecklenburgern: "Die waren mit spitzem Bleistift und unterschiedlichen Farbstiften dabei und hatten die Vorlagen seziert und auch noch selbst welche gebastelt."
Intensiv gerungen wurde um das Zentrum der neuen Nordkirche. Im April 2008 war die Entscheidung zunächst für Lübeck gefallen. Die Kosten für ein neues Kirchenamt in der Trave-Stadt wurden auf 17 bis 20 Millionen Euro geschätzt. Offenbar war es Schleswig-Holsteins ehemaliger Finanzminister Claus Möller (SPD) aus Kiel, Finanzexperte in Nordelbien, der das Projekt kippte. Möller habe mit den Zahlen "Stimmung gemacht", so Ulrich. Hätten die Beteiligten weiter auf Lübeck bestanden, wäre die Nordkirche gescheitert.
Auch aus Mecklenburg gab es erheblichen Widerstand gegen Lübeck. Den Mecklenburgern fehlte "ein Schritt nach Osten", erinnert sich Mitherausgeberin Dorothea Strube aus Mecklenburg. Viele hätten sich an die Wende erinnert gefühlt: "Alles Entscheidende bleibt im Westen." Entschieden wurde im Februar 2009 auch mit Rücksicht auf die Beschäftigten, dass das Kirchenamt in Kiel bleibt und der Landesbischof in Schwerin seinen Sitz bezieht.
Eine starke Gruppe hätte das Zentrum der Nordkirche auch gern in Hamburg gesehen. Dass Hamburg sich in den Verhandlungen nicht durchsetzen konnte, lag möglicherweise auch daran, dass Bischöfin Jepsen zur entscheidenden Sitzung in Ratzeburg mit mehr als dreistündiger Verspätung kam. "So konnte sie die Ergebnisse nur noch mit einer spürbaren Distanz zur Kenntnis nehmen", heißt es in dem Buch.  

Ende gut, alles gut

Die Nordkirche sei ein "Realsymbol", dass die innerdeutschen Grenzen überwunden werden können, resümiert Landesbischof Ulrich. Selbst einem Unglücksfall können die Beteiligten noch etwas Positives abgewinnen: Nordelbiens Synodenpräsident Hans-Peter Strenge, ein versierter SPD-Politiker und scharfzüngiger Redner, erlitt im Februar 2009 einen Herzinfarkt, der ihn lange ans Bett fesselte. Der ausgleichende Vizepräsident Thomas Baum, Pastor von der Westküste, leitete fortan die Synode und besänftigte streitbare Gemüter. Zeitzeugin Annegret Wegner-Braun: "Das war ein Glücksfall." (epd)

Buchinfo

Gemeinsam auf dem Weg, Beiträge zur Entstehung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland.  Michael Ahme, Elke Stoepker, Dorothea Strube, Annegret Wegner-Braun (Hg.), Lutherische Verlagsgesellschaft, 290 Seiten, mit zahlr. Abb., 19,95 Euro, ISBN 978-3-87503-192-8