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Als Zweijährige in Auschwitz – “Wir sollten krepieren”

Nach dem Willen der Nazis sollte sie sterben. Heute ist Eva Umlauf Präsidentin des Internationalen Auschwitz-Komitees und vertritt die Interessen von Überlebenden. Eine Begegnung in Berlin vor dem Holocaust-Gedenktag.

Immer, wenn die Tür aufgeht, drängt sich der Berliner Winter mit seiner Kälte kurz an den Tisch. Eva Umlauf ist das sichtlich unangenehm, hier in diesem Frühstücksraum eines Hotels, in dem sie in der Nacht mit einem Heizlüfter im Zimmer geschlafen hat. Die 83-Jährige aus München ist zu Besuch in der Stadt, um als Zeitzeugin von ihren Erfahrungen zu berichten, kurz vor dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar. Umlauf gehört zu den bekanntesten Überlebenden der Schoah und ist seit dem vergangenen Jahr Präsidentin des Internationalen Auschwitz-Komitees.

Im Gegensatz zu den Temperaturen strahlt Umlauf, elegant gekleidet, viel Wärme aus. Sie blickt ihrem Gegenüber in die Augen, berührt auch mal den Arm, nennt eine Vertraute am Telefon “meine Liebe”, hat Humor und nimmt sich Zeit. Sie hat als Kinderärztin gearbeitet und praktiziert als Psychotherapeutin in München. “Heute habe ich so viele Patienten in der Woche wie früher an einem einzigen Tag”, sagt sie lächelnd. Wer zu ihr kommt? Menschen mit unterschiedlichen Problemen, aber auch mit Bezug zur Schoah – und Nachfahren von NS-Tätern und Opfern.

“Ich glaube, sie kommen ausgerechnet zu mir, um so etwas wie eine Absolution zu erhalten”, meint Umlauf. “Dabei sind das Leute, die damals noch gar nicht gelebt haben und deswegen auch keine Schuld tragen.” Schuld am Leid von Jüdinnen und Juden und anderen Verfolgten des Nazi-Regimes. Umlauf selbst erlebte die Hölle von Auschwitz – als Zweijährige. Und sogar als Kind bekam sie eine Nummer in den Arm tätowiert: A26959. Diese Nummer begleitet Umlauf noch heute, auch wenn sie längst mit ihrem Namen vielen Menschen bekannt ist.

Umlauf gehört zu den laut Schätzungen der Claims Conference weltweit etwa 200.000 noch verbliebenen Überlebenden der Schoah. Was geht ihr durch den Kopf, wenn sie auf den Gedenktag am 27. Januar blickt, der an die Befreiung von Auschwitz 1945 erinnert? “Es ist ein sehr wichtiger Tag. Damals hat man der Welt gezeigt, was in Auschwitz passiert ist.”

Auschwitz war das größte NS-Konzentrationslager. Schätzungen zufolge wurden dort und im dazugehörigen Vernichtungslager Birkenau etwa 1,1 bis 1,5 Millionen Menschen ermordet. Die Rote Armee befreite die Häftlinge des Lagers in dem von Deutschland besetzten Polen am 27. Januar 1945. Darunter auch Eva Umlauf, die als eine der Jüngsten überlebte, und ihre hochschwangere Mutter. Diese blieb mit ihrer Tochter aus gesundheitlichen Gründen auch nach der Befreiung noch eine Weile auf dem Gelände von Auschwitz und brachte dort ihre zweite Tochter zur Welt.

“Die Deutschen haben Häftlinge auf Todesmärsche geschickt, um das Lager zu evakuieren. Meine Mutter und ich sind in Auschwitz geblieben, insgesamt waren dort noch zwischen 6.000 und 7.000 Häftlinge. Und warum? Weil sie nicht transportfähig waren und nicht mehr laufen konnten. Wir sollten krepieren.” Umlaufs Vater war auf einen der Todesmärsche gezwungen worden. Er überlebte zwar, starb aber später an einer Sepsis in Melk, einem Außenlager von Mauthausen, wie Umlauf berichtet. “Es ist paradox und wie ein Wunder: Es hat meiner Mutter und mir das Leben gerettet, dass wir zum Tode verurteilt waren.”

Umlauf kam am 19. Dezember 1942 im Arbeitslager Novaky in der Slowakei zur Welt, bevor die Familie im Oktober 1944 nach Auschwitz deportiert wurde. Wegen ihrer schlechten Gesundheit konnten Mutter und Töchter nicht gleich nach der Befreiung in die Slowakei zurückkehren. Dort erfuhren sie, dass fast ihre gesamte Familie ermordet worden war. Wegen ihres Ehemannes zog Umlauf als Erwachsene zu ihm nach München und baute sich dort eine Familie auf. Immer wieder tritt sie als Zeitzeugin auf, um über die Schoah und Antisemitismus zu berichten.

“Wir sehen heute ein Ausmaß an Antisemitismus, das ist der reinste Judenhass”, sagt Umlauf. “Wir müssen reden und aufklären und dürfen nicht vergessen, dass Antisemitismus in der gesamten Geschichte der Juden zu finden ist.” Strikt wendet sie sich gegen Rufe nach einem Schlussstrich und setzt dagegen das Erinnern – an die Toten, die man persönlich kannte, und die für immer in den Familien fehlen. Dies ist für sie das Gegenteil eines Gedenkens, das auch sie teilweise als erstarrt kritisiert.

Aber: “Es gibt solche und solche Arten der Erinnerung. Der 27. Januar ist immer ein kalter Tag in Auschwitz. Wenn man dann in der Gedenkstätte Auschwitz steht, und Sie merken diese Leere und die Kälte und spüren den Tod, dann erstarrt man selber.”