Als es für “Texas Charly” in New Braunfels um die Wurst ging

Hessischer Adliger suchte ein besseres Leben für deutsche Siedler

Freunde beschrieben den hessischen Adligen "Texas Charly" auch als "Letzten Ritter des Mittelalters". In Texas suchte er im 19. Jahrhundert ein besseres Leben für seine Landsleute - und auch Neubeginn für sich selbst.

Das Haus Solms ist ein sehr altes und weitverzweigtes Grafen- und Fürstengeschlecht des deutschen Hochadels. Über ihre Verwandtschaft mit den Wigerichen ("Ardenner Grafen") gehören die Solmser gar zu den ältesten Adelshäusern in Europa. Sie befehligten große Heere, gründeten Universitäten - oder regelten die Finanzen der FDP, wie Hermann Otto Prinz zu Solms-Hohensolms-Lich, bis 2013 auch Vizepräsident des Deutschen Bundestages; er vollendet übrigens am 24. November sein 85. Lebensjahr.

Einer derer von Solms ging als "Texas Charly" in die Geschichte ein: Friedrich Wilhelm Carl Ludwig Georg Alfred Alexander Prinz zu Solms-Braunfels. Vor 150 Jahren, am 13. November 1875, starb er - mit 63 und nach einem abenteuerlichen Leben - auf Schloss Rheingrafenstein bei Kreuznach. Doch wie kam es zu jener texanischen Epoche, die ihn zum Glücksritter für andere, ja zu einer Art Don Quixote für seine armen Landsleute machte? Ursache war letztlich - eine fatale Eheschließung.

Solms, immerhin mit dem englischen, preußischen, russischen und belgischen Königshaus verwandt, lernte drei Sprachen und die Juristerei. Schließlich musste er aber die Offizierslaufbahn einschlagen. 1834 heiratete Carl, der jüngste Sohn des amtierenden Prinzen zu Solms-Braunfels, heimlich die Bürgerliche Louise Auguste Stephanie Beyrich; drei Kinder gingen aus dieser morganatischen, also "nicht ebenbürtigen" Ehe hervor. Doch damit nicht genug: Wegen unerlaubten Entfernens vom Militärdienst musste Carl 1839 auch noch vier Monate im preußischen Karzer einsitzen.

Zeit für einen radikalen Schnitt: Wohl auf massiven Druck der Familie trennte sich Carl 1841 von Louise; allerdings nicht ohne ihre Erhebung als Louise von Schönau in den großherzoglich hessischen Adelsstand zu erwirken, mitsamt Apanage. Er trat in die österreichisch-ungarische Armee ein und wurde dort Hauptmann der Kavallerie.

Carl begann, sich für Texas zu interessieren - auch weil die Auswanderung in dieses "gelobte Land" gerade durch mehrere Bücher einen Hype erlebte. Warum nicht selbst eine Zeitlang nach Übersee gehen, um Gras über die Ehe-Sache wachsen zu lassen? Sein Vehikel dafür wurde der "Verein zum Schutze deutscher Einwanderer in Texas". Im April 1842 gehörte Solms zu den 21 adligen Gründungsmitgliedern der Gruppe, die wegen ihrer Nähe zu Mainz auch kurz "Mainzer Adelsverein" genannt wurde.

Hintergrund war, der grassierenden Armut und Not in Deutschland zu begegnen und Menschen neue Hoffnung zu geben. Das ausdrückliche Ziel: deutsche Auswanderer auf ihrer weiten Reise zu unterstützen "und nach Kräften dafür zu wirken, dass ihnen jenseits des Meeres eine neue Heimat gesichert werde". Dafür ließ sich Solms für ein Jahr von der Armee beurlauben und ging im Auftrag des Vereins als dessen erster Generalkommissar nach Texas. Am 1. Juli 1844 erreichte er Galveston. Sein Auftrag: Land zu beschaffen.

Der Verein stellte ausreisewilligen Familien jeweils rund 130 Hektar Boden in Aussicht, dazu eine Versorgung mit Lebensmitteln bis zur ersten eigenen Ernte sowie Infrastruktur: Kirchen, Schulen und ärztliche Fürsorge. Umgekehrt erhoffte man sich von der Ansiedelung eine Steigerung des eigenen Aktienwerts sowie neue Absatzmärkte in Texas für die heimische deutsche Wirtschaft. Allerdings fehlte es schon sehr bald an Geld, um die Versprechungen auch erfüllen zu können. So mussten die Auswanderer dann doch für Transport und Verpflegung bezahlen.

Solms seinerseits gründete in der Matagorda Bay an der westlichen Golfküste von Texas einen Hafen für die Ankunft von Siedlern. Er nannte ihn "Carlshafen"; später bekam er den Namen Indianola. Schon im Dezember 1844 empfing Solms dort bereits die ersten 200 Familien. Allerdings hatten nicht wenige Passagiere die Strapazen der zehnwöchigen Überfahrt nicht überstanden.

Land hatte der Generalkommissar inzwischen auch noch nicht beschaffen können. Erst im März 1845 erwarb er 500 Hektar am Zusammenfluss vom Comal River und Guadalupe River, auf dem dann der Ort New Braunfels gegründet werden konnte. Die Siedlung im Comal County war in den 1850er Jahren schon die viertgrößte Stadt von Texas; heute hat New Braunfels rund 90.000 Einwohner.

Insgesamt vermittelte der "Mainzer Adelsverein" bis 1849 rund 8.000 Deutsche nach Texas. Solms kehrte nach Eintreffen seines Nachfolgers im Mai 1845 nach Deutschland und in die k.u.k.-Armee zurück. Zu Jahresende heiratete er ein zweites Mal, diesmal standesgemäß: Sophie Prinzessin zu Löwenstein-Wertheim-Rosenberg (1814-1876), verwitwete Prinzessin zu Salm-Salm, Tochter von Fürst Constantin zu Löwenstein-Wertheim-Rosenberg und der Maria Kreszentia Gräfin von Königsegg-Rothenfels. Mit ihr hatte er zwei Söhne und drei Töchter.

Im Preußisch-Österreichischen Krieg von 1866 kämpfte Solms als österreichisch-ungarischer Generalmajor und Kavallerie-Brigadekommandeur im Norden des heutigen Tschechien. Hochdekoriert schied er 1868 als k.u.k.-Feldmarschall-Lieutenant aus der Armee aus und zog sich auf Schloss Rheingrafenstein an der Nahe zurück. Dort starb er am 13. November 1875, vor 150 Jahren, und wurde in Kreuznach begraben.

In den USA hinterlässt "Texas Charly" - beziehungsweise seine von ihm angesiedelten Landsleute - eine Institution, die ihresgleichen sucht: das jährlich im November stattfindende "German Wurstfest", das größte deutsche Volksfest in den USA; etwa vergleichbar mit dem deutschen Oktoberfest, vor allem in New Braunfels und in anderen Städten im Comal County.

Der Kultfilm "Schultze Gets the Blues" von 2004 spielt zum Teil in New Braunfels. Der frühpensionierte Bergarbeiter Schultze aus dem abgelegenen Dorf Teutschenthal bei Halle, gespielt vom kürzlich gestorbenen Horst Krause, wird nämlich auf Einladung der Partnerstadt New Braunfels als Repräsentant zum dortigen Wurstfest entsandt.

Doch Schultze fühlt sich nicht wohl bei Jodlern und deutscher Nationalhymne. Er geht stiften und besorgt sich ein kleines Boot, um die USA auf seine Weise zu entdecken. Ein bisschen so wie sein Vorgänger "Texas Charly", der in der Neuen Welt das Glück suchte.

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