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Genuss ohne Reue: Wie Suchtkranke das Oktoberfest erleben

Am Samstag beginnt das Oktoberfest. 2024 musste schon zwei Stunden nach dem Anzapfen die erste Bierleiche auf die Sanitätsstation. Hier erzählen vier anonyme Alkoholiker von ihren Wiesn-Erlebnissen.

In München startet wieder das Oktoberfest
In München startet wieder das OktoberfestImago / Heinz Gebhardt

Das Münchner Oktoberfest ist das größte Volksfest der Welt – und auch das weltgrößte organisierte Massenbesäufnis. Dabei erreicht der Bierkonsum schon länger keine neuen Rekordmarken mehr. 2024 schenkten die Wirte sieben Millionen Maß aus. Und schon am ersten Tag mussten Sanitäter mehr als 200 Betrunkene versorgen.

Doch wie erleben suchtkranke Münchner die Wiesn? Die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) sprach mit vier Anonymen Alkoholikern (AA). Alle sind schon seit Jahrzehnten in der Selbsthilfegruppe und inzwischen stabil trocken. Sie haben nicht nur von gruseligen, sondern auch von lustigen Begebenheiten zu berichten. Und davon, wie sie sich vor Rückfällen schützen. Denn auf die Wiesn gehen sie immer noch. Zumindest an Tagen, an denen sie im inneren Gleichgewicht sind.

Oktoberfest: Kindheit zwischen Kirche und Festwiese

Elisabeth schwärmt von ihrer Kindheit: Mit der Familie ging die gebürtige Münchnerin erst in die Paulskirche zur Messe und dann nebenan auf die Festwiese zum Mittagessen. “Wir haben uns auf den Tisch gestellt und mit dem Stangerl von der Zuckerwatte die Blasmusik dirigiert.” Sie erinnert sich aber auch an ihren “letzten nassen Wiesnbesuch”. Der endete nicht in der Ausnüchterungszelle, sondern mündete fast in eine Vergewaltigung. “Das steckt mir noch in den Knochen und hindert mich, dort was zu trinken.” Aber die Freude an den Karussells, von der traditionellen “Krinoline” bis zum schwindelerregenden “Free Fall Tower”, die will sie weiter erleben.

Bei Tom, auch er ein Münchner Urgewächs, sorgten die Biermarken, die ein Vater eines Freundes vertrieb, dafür, dass er in jungen Jahren auf dem Oktoberfest “ordentlich abgefeiert” hat, “in vollen Zügen, ganz klassisch”. Später übertrieb er es nicht nur mit dem Alkohol – er verfiel auch anderen Drogen. Da dürfe man sich nichts vormachen, sagt er: “Auf der Wiesn gibt es alles, nicht nur Bier. Das habe ich auch ausgenutzt.”

Oktoberfest-Erfahrungen: Vom früheren Exzess zur Besonnenheit

Heute könne er entspannt mit seinen Töchtern in Tracht über die Theresienwiese flanieren und ein Hendl essen, sagt Tom. “Ich kann auch zuschauen, wenn andere sich betrinken und dabei einen Riesenspaß haben. Denn ich habe ein Regulativ: Ich weiß, wenn ich das jetzt mache, liege ich kurz darauf wieder im Krankenhaus. Das habe ich oft genug gehabt, das kann ich mir gut vorstellen, das ist mein Schutz.”

Auch ohne Alkohol lassen sich die Wiesn genießen
Auch ohne Alkohol lassen sich die Wiesn genießenImago / Sven Simon

Auch Jürgen hat kein Problem damit, im Bierzelt eine Maß Apfelschorle zu bestellen. Und dabei seiner Frau zuzuschauen, wie sie sich ein Radler gönnt. Aber er meidet die Zeiten, “wo die Zelte gerammelt voll und alle dann schon stärker alkoholisiert sind”.

Jan weiß noch, wie er früher mit der Firma auf dem Oktoberfest war und “fröhlich ein Bier nach dem anderen gezogen” hat. Damals habe er noch gemeint, das täten ja alle anderen auch. Dass dem nicht so ist, hat er erst später gemerkt, als er in derselben Besetzung auf der Wiesn war und nüchtern blieb: “Da habe ich festgestellt: Die wenigsten Menschen saufen so, wie ich gesoffen habe.”

Trigger vermeiden: So meistern Betroffene den Oktoberfestbesuch

In diesem Zusammenhang kommt er auf eine “äußerst lustige Situation” zu sprechen: “Da war ich schon ziemlich betrunken, aber noch bei Bewusstsein.” Es war in der Riesen-Schiffsschaukel, die einen Überschlag macht und kurz zuvor am Scheitelpunkt anhält: “Ich habe nicht mehr wirklich mitgekriegt, wo wir sind. Dann fing es um mich herum plötzlich zu klimpern an. Da fielen den Leuten die Münzen aus den Hosentaschen und ich dachte: Aha, jetzt sind wir wahrscheinlich über Kopf.”

Jan verortet diese Anekdote nicht in seiner harten Suchtzeit, sondern in einer, in der er noch “sozialverträglich breit” gewesen sei. Da lachen die anderen. Ja, es geht manchmal auch lustig zu bei den Anonymen Alkoholikern. Dass hinter dieser Freiheit viel Arbeit steckt, wird nicht verschwiegen: Einfach gehen können, wenn die Bierseligkeit zu laut wird; nicht länger neidisch sein auf die, die sich mit einem Glas Wasser bescheiden können, während man weiter den Zwang zum Saufen in sich verspürt – das mussten die Vier alle erst lernen. Rückfälle eingeschlossen.

Menschenmassen in der Bierbudenstrasse beim Oktoberfest (Archivbild)
Menschenmassen in der Bierbudenstrasse beim Oktoberfest (Archivbild)Imago / STL

Heute wissen sie, was sie triggert und was sie deshalb meiden müssen. Bei Elisabeth war es lange die Bierbudenstraße, der Geruch von Festbier, das Geklapper der Maßkrüge. Bei Jürgen ist es bis heute der Geschmack. Deshalb ist alkoholfreies Bier keine Option für ihn. Für die anderen auch nicht: “Weil dann mein Kopf verrückt spielt”, sagt Elisabeth.

Oktoberfest und Suchtprävention: Wege aus der Abhängigkeit

Jürgen ließ den offiziellen Wiesnabend mit seinen Arbeitskollegen aus. Tom sagt, vor allem in der ersten Phase der Trockenheit sei es ratsam, sich nur kontrolliert einer Umgebung auszusetzen, in der Alkohol getrunken wird. Vorsorglich einen Freund mitnehmen, zu einer Einladung auch einmal nein sagen. “Wenn ich nicht gut drauf bin, dann habe ich auf der Wiesn nix verloren”, sagt er bestimmt.

Jan hat für den Versuch, kontrolliert zu trinken, ein Programm absolviert und dafür 1.000 Euro ausgegeben: “Das ging voll in die Hose.” Einziger, aber wertvoller Erkenntnisgewinn: “Ich kann es nicht kontrollieren und muss das annehmen.”

Tom meint, dass von ihnen allen “eine wahnsinnige Last” genommen worden sei. “Wir haben die Chance ergriffen, einer todbringenden Krankheit zu entfliehen. Damit sind wir Anonymen Alkoholiker aber in der Minderheit. Neidisch bin ich nicht auf die, die anders mit Alkohol umgehen können”, sagt er. “Auch wenn ich bei manchem Zweifel habe, ob er das wirklich kann.”