Seelsorge im Auslandseinsatz

Zwischen Karneval und Tod

Im Einsatz im Irak fließen viele Eindrücke zusammen: Die militärische Lage, die Arbeit der Ausbilder, die Stimmung und Haltung der Soldaten. Militärpfarrer Dirk Brandt berichtet von seinem Einsatz.

Beim Bibelfrühstück gibt es dunkles Brot, Omeletts und Waffeln – und eine musikalische Einleitung durch den Militärpfarrer Dirk Brandt

von Dirk Brandt

Oldenburg/Erbil. Ich bin seit vier Wochen in Erbil im kurdischen Nordirak. Unser Kontigent wirkt an der Ausbildung der irakischen Sicherheitskräfte mit – genauer gesagt schulen unsere Ausbilder inzwischen die irakischen Ausbilder. Das nennt sich „Train the Trainer“.

2014 begann der Islamische Staat (IS) hier seine Offensive. Die Hilfe dagegen – auch aus Deutschland – wird hier sehr geschätzt und hat nach allgemeiner Einschätzung zum Erfolg beigetragen. Es werden allerdings noch immer vereinzelt IS-Angriffe auf irakische Posten gemeldet, bei denen auch Peschmerga umkommen – so nennen sich Soldaten aus der Region Kurdistan selbst.

Hier im Zentrum dieser Region bekommen wir von solchen Angriffen – außer den Meldungen – in der Regel allerdings nichts mit. In unserem Camp haben wir auch holländische und britische Truppen. Wir leben hier in Container-Gebäuden. Die Wege und Flächen hier auf dem Gelände sind gepflastert und betoniert, und die gesamte Einrichtung wird stets professionell gereinigt. Auch italienische und amerikanische Kräfte besuchen gern unsere „Oase“, ein großes Bistro der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Soldatenbetreuung. Darüber hinaus nehmen wir an der üppigen amerikanischen Truppenverpflegung teil.

Raketen im Anflug

Ein Teil von uns war bereits Anfang Januar in der Alarmnacht hier, als die iranischen Raketen im Anflug waren. Mein Vorgänger hat mir erzählt, dass diese Stunden gravierend waren – sowohl im akuten Alarm als auch am Folgetag, als es in der Schwebe war, ob man kurzfristig evakuieren würde.

Beteiligte Soldaten bekommen diese Belastungen bescheinigt – sie nennen es „Tickzettel“ –, um gegebenenfalls eine Ursache von psychischen Beeinträchtigungen nachweisen zu können. In meinen ersten Tagen hier habe ich mit mehreren Soldaten über ihre Erfahrungen gesprochen. Die Lage hatte sich dann schnell entspannt, und inzwischen ist die Atmosphäre ruhig und – zum Glück – von einer gleichmütigen Routine geprägt.

Sehr religiös ist mein Kontingent nicht. Die meisten Soldaten stammen aus dem östlichen Mecklenburg aus dem Jägerbataillon in Torgelow. Hier zählen niederschwellige Angebote. Für die Besinnung beim Bibelfrühstück greife ich Popsongs wie „Was wollen wir trinken?“ oder auch ein Karnevalslied auf: „Wir kommen alle, alle, alle in den Himmel!“

Gemeinsame Andacht

Mit Einzelnen diskutiere ich Fragen zu Nahtoderfahrungen – oder die Nullzinspolitik vor dem Hintergrund, dass Luther gegen Zinsen war. Die Interessen und Kenntnisse der Soldaten sind weit gespannt.

Auch meine amerikanischen Kollegen aus den Nachbar-Camps sprechen von niederschwelligen Angeboten. Ihre Haltung ist offen und tolerant – das freut mich bei evangelikal geprägten Christen besonders. Zu Ostern wollen wir eine gemeinsame Andacht auch mit unserem italienischen und dem holländischen Kollegen und mit viel Musik feiern.

Ein erfahrener Feldwebel und „Spieß“ in meinem Kontingent sagt über seine Kameraden: „Nach sechs bis acht Wochen werden sie offener, und dann kommen sie auch!“ So lange dauere die Umstellung, das Einstellen auf die Einsatzsituation und das Lagerleben. Erst dann würden Routine und Entspannung einkehren – und das Bedürfnis, über den Tellerrand zu schauen und inhaltliche Angebote wahrzunehmen. Für den Tipp bin ich dankbar, achte – auch bei mir – darauf, ob das zutrifft, und bin gespannt auf die weiteren Monate meines Einsatzes.

Unser Autor
Dirk Brandt ist Militärpfarrer in Oldenburg.

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