Der Leichenschmaus ist für Trauernde ein wichtiges Gemeinschaftsritual

Zum Butterkuchen bei Eva Radieschen

Mal wird gelacht und getrunken, mal ist die Stimmung gedrückt. Doch egal, wie – beim Leichenschmaus nach der Beerdigung merken die Trauernden: Sie sind nicht allein.

Eva Radieschen präsentiert Kuchen in ihrem Café

von Dieter Sell

Bremen. Schlicht muss es sein. Ein Butterkuchen zum Beispiel, der gern zu allen freudigen und traurigen Anlässen des Lebens serviert wird. Oder eine warme Suppe mit Kartoffeln, Kürbis oder Gemüse, je nach Jahreszeit. „Aus dem großen Topf für alle, wie man das von Oma kennt“, beschreibt Eva Radieschen die Wünsche, die Trauernde vorbringen. In ihrem „Café Radieschen“ direkt neben dem Buntentor-Friedhof in der Bremer Neustadt organisiert sie nach Beerdigungen oft einen Leichenschmaus. „Da fallen Trauer und Humor zusammen“, hat die 41-jährige Gastronomin und Kulturmanagerin erfahren.

Im Odenwald heißt der Leichenschmaus „Flannerts“, was sich vom „flennen“ oder „weinen“ ableitet. Andernorts sagt man Trauercafé, Leidessen, Tränenbrot oder Tröster, im Rheinischen auch Reueessen. Manche sprechen lockerer vom „Fell versaufen“. Auch wenn sich die Bezeichnungen je nach Region unterscheiden mögen – gemeint ist nach einem uralten Brauch immer das Gleiche: „Nach der Beerdigung steht das gemeinsame Trauermahl für eine Zuwendung zum Leben“, sagt der Bremer Theologe und Trauerexperte Klaus Dirschauer.

Emotional aufgeladene Stimmung

Nach dem Abschied und der Bestattung sei die Stimmung oft emotional aufgeladen, sagt Eva Radieschen. „Der Leichenschmaus hilft, bringt Erleichterung.“ Sie beobachtet: „Wichtig ist die Gemeinschaft, sind die Anekdoten über den Verstorbenen, die dann erzählt werden können. Das befreit.“ Dann wärmen Geschichten, Kaffee und Suppen auch seelisch. Die Einrichtung ihres Cafés, eine ehemalige Friedhofsgärtnerei, trägt dazu bei: Eva Radieschen hat es liebevoll mit Sammeltassen und alten Kaffeekannen geschmückt, die Erinnerungen anregen.

Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen – das gilt wohl ganz besonders für den Leichenschmaus, der zu den alten Traditionen rund um Trauerfeier und Bestattung zählt. Ein Gemeinschaftsritual, das immer noch gepflegt wird, bestätigt Christian Stubbe, Vorsitzender des Bestatterverbandes in Bremen. „Mit dem Unterschied, dass im ländlichen Raum häufig noch die ganze Trauergemeinde zusammenkommt, in der Stadt gibt es das nicht mehr so regelmäßig und konzentriert sich meist auf den erweiterten Familienkreis.“

Es gibt auch mal einen Schnaps

Ob es bundesweit einen rückläufigen Trend gibt, was diesen Brauch angeht, ist schwer zu sagen. „Eine Statistik wird da nicht geführt“, sagt Alexander Helbach, Sprecher der Verbraucherinitiative Bestattungskultur Aeternitas in Königswinter bei Bonn. Er könne nur abgeleitet von der wachsenden Zahl an Discount-Beerdigungen schließen, dass die Bedeutung des Totenmahls abnehme. Denn klar ist: Auch der Leichenschmaus kostet Geld.

Geld, das aber gut angelegt ist, sagen die Experten. Denn Familien sehen sich seltener als früher in großer Runde – oft ist es dann bei einer Beerdigung. Eva Radieschen ermutigt ihre Gäste bei diesen Gelegenheiten, den Leichenschmaus mitzugestalten. Vielleicht Musik beizusteuern, die der Verstorbene geliebt hat, und alte Fotos, die dann rumgereicht werden können. „Die Trauer selbst gestalten, das hilft“, betont Radieschen. Sie backe auch Waffeln nach Familienrezept und besorge Schnaps, wenn auf den Toten angestoßen werden solle: „Normalerweise gibt es bei mir keinen Alkohol.“

Nach dem Tod älterer Menschen sei es schon hoch hergegangen, erzählt sie. „Nach dem Tod eines Kindes habe ich das ganz anders erlebt.“ Doch insgesamt sei sie gern Gastgeberin beim Leichenschmaus, sagt Eva Radieschen: „Ich freue mich über Anfragen und koche gern Kaffee für Trauergesellschaften. Das ist mir eine Ehre.“ (epd)

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