Wo Beratung „Männersache“ ist

Seit Anfang des Jahres betreibt das Diakonische Werk Hamburg-West/Südholstein die Beratungsstelle „Männersache“, die Männer in allen Lebenslagen betreut. Das Konzept ist so erfolgreich, dass die Einrichtung ausgebaut wird.

Norderstedt. Er hatte eine Bank ausgeraubt und Menschen Gewalt angetan. Jetzt kam der verurteilte Straftäter zur Beratungsstelle „Männersache“ – gezwungenermaßen, denn die Therapie war eine Bewährungsauflage. In mehreren Gesprächen suchte Diplom-Psychologe Thomas Karrasch mit dem Mann nach der Ursache für seinen Hang zur Gewalt. Und als sich herauskristallisierte, dass er sich wegen familiärer Probleme einen „riesigen Schutzpanzer“ aufgebaut hatte, weinte der bullige Mann hemmungslos. Nach weiteren Sitzungen habe er nun Chancen, seine Gewaltbereitschaft zu bekämpfen, sagt Karrasch.
So wie den Straftäter therapiert Thomas Karrasch derzeit viele Männer in der Beratungsstelle „Männersache“ in Norderstedt. Die Diakonie Hamburg-West/Südholstein hat die Einrichtung Anfang des Jahres gestartet, inzwischen ist sie zu einem Erfolg geworden. Durchschnittlich acht Beratungen absolviert Karrasch pro Woche, obwohl er nur  montags und freitags arbeitet. Wegen der großen Nachfrage hat die Diakonie entschieden, das Angebot auszubauen. Ab Januar 2017 wird Karrasch, bislang auf Honorarbasis tätig, fest angestellt und wird dann nicht nur an zwei Wochentagen Beratungen anbieten.

Wenig Therapie-Angebote für Männer

„Männersache“ bietet Beratungen für Männer „in fast allen Lebenslagen“, wie Karrasch sagt. Der entscheidende Vorteil gegenüber vielen anderen Stellen: Die Klienten sitzen hier mit Karrasch einem Geschlechtsgenossen gegenüber, der ihre Erfahrungswelt teilt. „Männer erleben zum Beispiel Krankheiten, Partnerschaft oder Elternschaft ganz anders als Frauen“, sagt der Psychologe. Hinzu komme, dass er als 57-jähriger Familienvater schon viel Lebenserfahrung vorweisen könne.
Ein speziell auf Männer ausgerichtetes Angebot ist bislang eine Seltenheit. Es gebe Stellen nur in Hamburg und Kiel, sagt Karrasch – und sieht eine große Unterversorgung. Als eine der Ursachen führt er die traditionellen Geschlechterrollen an: Männer, gerade im mittleren Alter, hätten zu funktionieren und nichts in Beratungsstellen zu suchen.
Auf welchem Weg die Männer in die Beratungsstelle finden, ist ganz unterschiedlich. Einige werden – wie der Straftäter – per Anordnung geschickt. Viele bekommen bei anderen Stellen den Tipp, sich doch mal die männerspezifische Beratung genauer anzusehen. Und einige kontaktieren Karrasch von sich aus, weil sie im Internet über das Angebot gestolpert oder von guten Bekannten darauf aufmerksam geworden sind. Wenn Klienten aus eigener Initiative kommen, müssen sie oft die Kosten selbst übernehmen. In einigen Fällen springt auch die Diakonie ein und beteiligt sich an dem Betrag von 80 Euro pro Sitzung. Bei Männern, die auf Anordnung kommen, übernimmt die Gerichtskasse die Kosten. Wer zeitlich flexibel ist, kann innerhalb von wenigen Tagen einen Termin in der Beratungsstelle bekommen. Zeiten am Tagesrand, vor der Arbeit oder danach, sind hingegen gefragter und mit einer Wartezeit verbunden.

Gewalt-Beratung vorherrschend

Auch wenn die Einrichtung für Männer mit unterschiedlichen Problemen gedacht ist, dominiert doch die Gewalt-Beratung. Mit diesem Thema kennt Karrasch sich aus, er hat lange Zeit als Psychologe im Strafvollzug gearbeitet. Ein zweites großes Feld der Einrichtung ist die Beratung von Männern, die Kinderpornos konsumiert haben. Zusätzlich bietet Karrasch Mitarbeitern von anderen Beratungsstellen und Institutionen seine Hilfe an. So stand er neulich einer Kollegin der Schuldnerberatung bei, die von ihrem Klienten bedroht worden war.
Info
Die Beratungsstelle „Männersache“ in der Ochsenzoller Straße 85 in Norderstedt ist zu erreichen unter Tel. 040 / 35 77 78 11 oder per E-Mail unter maennersache@diakonie-hhsh.de.