Wie sich die Zachäusgemeinde Hannover neue Abendmahlskelche organisiert

Nicht nur wegen Corona hätte die Zachäusgemeinde gern Einzelkelche. Eine erfolgreiche Sammelaktion bringt sie diesem Ziel ein gutes Stück näher.

Professor Thorsten Albrecht (r.) und Pastor Stephan Goldschmidt begutachten das Ergebnis der Sammelaktion
Professor Thorsten Albrecht (r.) und Pastor Stephan Goldschmidt begutachten das Ergebnis der SammelaktionSabine Dörfel

Hannover. Ganz nah hebt Professor Thorsten Albrecht den kleinen Silberlöffel vor sein Auge und schaut aufmerksam durch eine Lupe. „Ja, das ist eine 800er-Legierung, den können Sie nehmen“, sagt er bestimmt. Pastor Stephan Goldschmidt aus der Zachäusgemeinde Hannover reicht dem Kunstreferenten der hannoverschen Landeskirche das nächste Stück, eine schön gearbeitete, silberne Spargelzange. Wieder sucht Albrecht nach der Punze, dem kleinen Stempel mit dem Aufdruck des Silbergehalts und der Herstellerfirma. Auch die Zange besteht die Prüfung des Professors.

Stück für Stück arbeiten sich die beiden Männer durch den vor ihnen aufgetürmten Berg an Besteck und kleinen Silberteilen. Der Pastor der Zachäuskirche und sein landeskirchlicher Berater bereiten hier allerdings kein Bankett der gehobenen Klasse vor, sondern sichten sorgfältig das Ergebnis der Sammelaktion „Silber für Silber“.

Aus Alt mach Neu

Im Herbst vergangenen Jahres hatte die Zachäuskirche ihre Gemeindeglieder zu einer besonderen Spende für die Anschaffung neuer Abendmahlseinzelkelche aufgerufen: Wer silbernes Besteck oder ein anderes Silberteil habe, dies aber nicht mehr verwende, könne es der Gemeinde spenden. Aus Alt mach Neu, lautete der Leitgedanke der Aktion. „Natürlich können wir das alte Silber nicht direkt in neue Kelche umschmelzen lassen“, sagt Pastor Goldschmidt. „Aber wir finanzieren die neuen Einzelkelche aus dem Erlös der rund 70 gespendeten Teile.“

Erbstücke gespendet

Etwa 50 Kelche schafft die Gemeinde an. Marie-Luise Weferling wird mit besonderer Freude das Abendmahl aus einem dieser Gefäße nehmen. „Denn da steckt ja etwas von mir drin“, sagt die 87-jährige, ­gebürtige Hannoveranerin, die Erbstücke ihrer Eltern und Besteckteile aus Verlobungsgeschenken in die Sammlung gegeben hat. Seit Jahrzehnten ist sie der Zachäuskirche verbunden und sehr zufrieden damit, „dass aus meiner Spende etwas Gutes gemacht wird“.

Weil nicht alles echt ist, was glänzt, hat Pastor Goldschmidt den landeskirchlichen Kunstexperten zu Rate gezogen. „Den besten Verkaufswert hat natürlich Sterlingsilber“, sagt Albrecht. „Das erkennt man an der Zahl 925 auf der Punze, auch 835 oder 800 weisen noch auf einen sehr hohen Silberanteil hin.“ Doch auch versilberte Löffel, Zuckerzangen oder Serviettenringe, die nur mit einer 90er- oder 100er-Auflage aufwarten konnten, waren bei der Sammlung willkommen.

Hygiene immer mehr im Vordergrund

„Bei diesen Stücken wird die Silberauflage in einer sogenannten Scheide­anstalt heruntergenommen und dann verwertet“, erläutert der promovierte Kunsthistoriker. Viele, oft deutsche Herstellerfirmen auf den Punzen kennt Albrecht, doch ein kleiner Löffel aus der Sammlung stellte ihn vor Rätsel. „Ein Stück, das wahrscheinlich aus Osteuropa stammt, die Prägung auf der Punze habe ich so noch nicht gesehen“, sagt er interessiert.

Der Anlass, mithilfe der Aktion „Silber für Silber“ Einzelkelche anzuschaffen, sei schon die Corona-Pandemie gewesen, sagt Pastor Goldschmidt. „Die Menschen waren sehr verunsichert. Hygienische Fragen haben beim Abendmahl eine stärkere Rolle gespielt als zuvor“, berichtet er. „Doch es gibt auch in vielen Gemeinden schon seit Längerem eine zunehmende Nachfrage nach Einzelkelchen beim Abendmahl.“

Abendmahl via Zoom

Das bestätigt auch Professor Albrecht, den immer wieder entsprechende Beratungswünsche aus Gemeinden erreichen. „Das Thema kam beispielsweise mit dem Auftauchen der Aids-Krankheit bereits in den 80er-Jahren stark auf“, erinnert er sich. Auch Gemeinden, die statt Wein Saft an alkoholkranke Menschen ausgeben, wünschten sich dafür oft Einzelkelche, ebenso wie Pastorinnen und Pastoren in Krankenhäusern und Seniorenheimen.

„Corona hat uns nicht nur hinsichtlich der Einzelkelche herausgefordert“, sagt Pastor Goldschmidt. „Auch durch die Zoom-Gottesdienste, bei denen wir Abendmahl feiern, bekommen wir neue Diskussionen in den Gemeinden.“ Oft gehe es um die Frage, ob ein Abendmahl noch „echt“ sei, wenn es vor dem Bildschirm eingenommen werde, und wie dabei spirituelle Gemeinschaft entstehen könne. „Wir bekommen von Teilnehmenden aber die Rückmeldung, dass sie das digital gefeierte Abendmahl sehr intensiv und verbindend erleben“, berichtet der Pastor.

Und er ist zuversichtlich: „Wir können als Kirche nur stärker werden, wenn wir uns neben dem altvertrauten Gemeinschaftsabendmahl neuen Formen öffnen, sei es mit dem persönlichen Einzelkelch oder auch dem digital geteilten Gemeinschaftsmahl.“