Wie Missbrauch nachwirkt – auch Jahrzehnte später

Schock, Schweigen, Aufarbeitung: Auf Missbrauchstaten in ihrer eigenen Pfarrei reagieren Menschen verschieden. Wie wirken die Taten bis heute nach? Und wie gehen Pfarreien vor Ort damit um? Eine Reise durchs Land.

Die Glocken läuten. Gut 20 Menschen sitzen an diesem Sonntagmorgen auf den Holzbänken der kleinen Kirche Sankt Konrad im sächsischen Hainichen. „Ich singe für die Mutigen, die ihren Weg suchen“, stimmen sie das erste Lied an. An der Orgel: Kantor Michael Köst.

Über 40 Jahre ist es her, dass er als Jugendlicher vom ehemaligen Pfarrer Erich G. missbraucht wurde. Erfahren haben die Katholiken in der Kleinstadt das aber erst vor zwei Jahren. Da war der Priester schon sechs Jahre tot.

Wie viele Jugendliche G. missbraucht hat, weiß niemand. Ein wissenschaftliches Gutachten gibt es nicht im Bistum Dresden-Meißen. Sein „Beuteschema“, wie Köst es nennt, seien Jungs zwischen 13 und 15 gewesen.

Nachdem ein Zeitungsartikel Taten von G. in anderen Gemeinden publik gemacht hatte, wollte Köst klar machen: Es stimmt, der Pfarrer hat missbraucht – und auch hier in Hainichen.

Der Kantor wandte sich daher am Ende eines Gottesdienstes im Mai 2021 an seine Pfarrgemeinde und outete sich als Opfer von G.: „Wir müssen uns dem jetzt stellen, jeder Einzelne von uns – im Idealfall wir als Gemeinde gemeinsam.“ Rasch danach kam vom Ortskirchenrat und dem Ortspfarrer das Signal, das Geschehene aufarbeiten zu wollen.

Köst sagt, ihm und einem weiteren Betroffenen sei von Anfang an wichtig gewesen, dass eine Aufarbeitung die Gemeinde nicht spalte. „Er hat schon im ersten Gespräch von Versöhnung gesprochen“, erinnert sich Ortskirchenrätin Ilona Gläser. Früh wurde auch ein Versöhnungsgottesdienst mit dem Bischof geplant, um eine Aufarbeitung abzuschließen, die noch gar nicht begonnen hatte.

Der 54Jährige fühlte sich nie infrage gestellt, sagt er heute. Der Kantor und Organist ist sich aber sicher, dass das an seiner Stellung in der Gemeinde liegt: Ein „einfaches Gemeindemitglied“, geschweige denn jemand von außerhalb, hätte es sicher schwerer gehabt.

An drei Abenden wurde die Pfarrei zunächst darüber aufgeklärt, dass es sich nicht erst ab einer Vergewaltigung um Missbrauch handelt. Dann ging die Diskussion los: Soll man die Toten nicht ruhen lassen? Welchen Sinn hat es überhaupt, das Thema heute noch zu beackern? Meinungsverschiedenheiten habe es gegeben, aber keinen Groll, erinnert sich Gläser.

„An diesen Abenden hätte die Kirche voll sein müssen“, zeigt sich Pfarreiratsmitglied Gebhard Gläser allerdings enttäuscht über die Resonanz. Nur ein kleiner Kreis sei immer wieder gekommen.

Kurt Gehmlich, 72, ging hin. Er gehört zu denen, die Köst zur Gruppe der „Fans“ des Pfarrers zählt. Diesen kannte Gehmlich aus seiner Heimat, beim Umzug nach Hainichen verschaffte er ihm Anschluss. Zu den Gemeindeabenden ging er, um auch die positiven Seiten des Pfarrers einzubringen.

Ein Beschluss im Zuge der Aufarbeitung: Die Fotos des Täters bleiben in der Kirchenchronik. Alle fünf Jahre wird diese zum Kirchenjubiläum auf Tafeln ausgestellt. Doch auch der Missbrauch und die Aufarbeitung haben nun ihren Platz, auf einer eigenen Tafel.

Köst sieht es so: „Das ist ein ganz wichtiger Punkt, eben nicht hinzugehen und zu sagen: Wir nehmen der Gemeinde ein Stück Geschichte, ein Stück Identität.“ Aufarbeitung bedeutet für ihn, dass alle ihren Blickwinkel erweitert haben: „Ich muss verstehen, dass Kurt zu G. ein gutes Verhältnis hatte. Und Kurt muss verstehen, dass der mich eben missbraucht hat.“

Seit dem Versöhnungsgottesdienst, zu dem auch Bischof Heinrich Timmerevers kam, betrachtet die Gemeinde die Aufarbeitung als abgeschlossen. Außer den zwei Betroffenen haben sich keine weiteren gemeldet.

In der münsterländischen Kleinstadt Rhede herrscht eine andere Auffassung von Aufarbeitung. Im Gemeindehaus neben einem idyllischen grünen Weiher trifft sich hier bereits seit fünf Jahren die AG Missbrauch. Alle vier bis sechs Wochen kommen an einem kreisrunden Tisch drei Betroffene, zwei Gemeindemitglieder und eine externe Künstlerin mit Pfarrer Thorsten Schmölzing zusammen. Er und der Missbrauchsbetroffene Martin Schmitz haben die Treffen initiiert. Sie begreifen Aufarbeitung als einen nach vorne hin offenen Prozess.

Schmitz braucht von seinem Haus nur zehn Minuten zu Fuß dorthin. Als 10- und 11-Jähriger wurde er über anderthalb Jahre regelmäßig schwer missbraucht vom damaligen Kaplan Heinz Pottbäcker. Als dieser 1971 nach Rhede versetzt wurde, war er bereits vorbestraft.

Zwischen den Anwesenden herrscht ein freundschaftliches Klima. Es wird gelacht, man klopft sich zur Begrüßung auf die Schulter. Aus Sicht von Pfarrer Schmölzing profitiert die Pfarrei vom Aufarbeitungsprozess. Das Gemeindeleben habe an Lebendigkeit gewonnen – „weil wir zusammen lernen, über Schwieriges offen zu sprechen und Ambivalenzen auszuhalten“.

Einer der Betroffenen erzählt von einem Gesprächsangebot des Pfarrers nach einer Veranstaltung. „Da fühlte ich mich gut aufgenommen, und das war auch der Grund, warum ich gesagt habe, da mach ich gerne mit.“ Die Rheder Pfarrei war die erste im Bistum Münster, in der das Bistum selbst an die Öffentlichkeit ging, um einen länger zurückliegenden Fall von Kindesmissbrauch zu beleuchten.

Auf Bemühen der Pfarrei und von Betroffenen war ein Bistumsvertreter in die Gemeinde gekommen. Erkannte bei einem Infoabend vor versammeltem Publikum den Missbrauch an, auch die Verfehlungen des Bistums. „Das ist eingeschlagen wie eine Bombe“, beschreibt Hanni Peveling vom Pfarreirat die Reaktionen. Danach gab es eine Anlaufstelle im Pfarrheim für Menschen mit Redebedarf.

Gerade die ältere Generation habe oft keine Worte gefunden, berichtet Peveling: „Auch ich muss sagen: Ich musste mich erst daran gewöhnen, um eine Sprache zu finden. Sowas gab es nicht, das hatte es nicht zu geben.“ Das Wort „Sprache“ fällt im Gespräch so oft wie kein anderes. Doch im Laufe der Zeit sei durch die Offenheit und all die Aktionen viel gewachsen, sagt die 72-Jährige.

Martin Schmitz lebt wieder in Rhede. Mit der Kirche hat er lange gebrochen, ist bereits mit Anfang 20 ausgetreten. Sein Trauma holte ihn über die Jahrzehnte immer wieder ein, er wurde ernstlich krank. Nach etlichen Therapien fasste er sich ein Herz und meldete seinen Fall 2012 dem Bistum sowie zwei früheren Ortspfarrern. Sie hörten zu – und meldeten sich dann nie wieder.

Erst Thorsten Schmölzing, seit sieben Jahren Pfarrer in Sankt Gudula, wollte den Missbrauch in der Gemeinde zum Thema machen. „Wir sind als katholische Kirche in der Situation, dass wir den Tatbestand Missbrauch in unsere Identität integrieren müssen“, findet er.

Als Schmitz nach dem Infoabend beschließt, sich öffentlich als Betroffener zu erkennen zu geben, meiden viele Menschen im Ort ihn ein halbes Jahr lang. Der ortsbekannte selbstständige Schreiner, der sonst in den Häusern ein und aus geht, bekommt kaum noch Aufträge.

Auf einem Supermarkt-Parkplatz wird er als Kirchenhasser beschimpft. Erhält anonyme Hassbriefe, sogar Anrufe. Es sei seine Schuld, dass die „Heilige Familie“ – die Kirche, in deren Keller er einst vor und nach dem Gottesdienst missbraucht wurde – abgerissen werden soll. Er sei ein Lügner, der nur Geld wolle. Er solle eingesperrt werden. Noch heute wird der 61-Jährige etwa ein Mal im Monat Zielscheibe von Anfeindungen.

Doch viele reagierten auch empathisch. „Überwogen hat definitiv die Unterstützung“, sagt er heute. Mittlerweile wird er häufiger darauf angesprochen. Neulich, beim Rasenmähen etwa. „Hey, sind Sie nicht der…?“ Es macht ihm nichts aus. Halt geben ihm seine Ehefrau und die beiden Söhne.

In den letzten fünf Jahren hat die AG Missbrauch immer wieder öffentliche Veranstaltungen organisiert: Filmabende, Podiumsdiskussionen, Ausstellungen. Mit den Jahren haben sich immer mehr Betroffene gemeldet, die das Vertrauen fanden, sich zu zeigen.

Ein Nachmittag im süddeutschen Städtchen Grafing, keine Autostunde von München entfernt: Zwei Damen über 80, freundliche Ausstrahlung, weiße Haare, Perlenkette, sitzen bei Käsegebäck mit Blick auf den Garten beisammen und erinnern sich.

Anfang der 80er Jahre war Missbrauchstäter Peter H. in ihrer Gemeinde Sankt Ägidius als Kaplan in der Jugendarbeit eingesetzt. Als er 1980 aus Essen ins Münchner Erzbistum versetzt wurde, waren kirchenintern bereits Missbrauchsvorwürfe gegen ihn bekannt.

Nach Missbrauch an elf Schülern an einer Grafinger Schule, wo er Religionsunterricht gab, wurde er 1986 zur Haft auf Bewährung verurteilt – und dennoch innerhalb des Münchner Erzbistums nach Garching an der Alz versetzt. Ohne Information an den Pfarrverband. Auch dort wurde er wieder übergriffig. Eines seiner Opfer von dort verklagt derzeit am Amtsgericht Traunstein die katholische Kirche auf mehrere hunderttausend Euro Schadensersatz.

Wie steht es heute um die Gemeinde, in der der Täter vor Jahrzehnten eingesetzt war? Bei Anna Schmid und ihrer Familie aß Peter H. sonntags regelmäßig zu Mittag. Als Vorsitzende des Pfarreirats bereitete Inge Wittner gemeinsam mit dem Kaplan Kindergottesdienste vor.

Peter H. beschreiben sie als charismatischen Mann, der auf die Menschen zuging. Der toll predigte. „Die Leute waren alle begeistert, auch wir“, sagt Wittner. „Drum sind wir dann in ein Loch gefallen, als wir das gehört haben.“ Sie seien in einer Zeit großgeworden, in der „die heilige Mutter Kirche unantastbar war“. Das Wort Missbrauch habe man damals noch gar nicht gekannt. „Es war einfach unfassbar“, sagt Wittner. Zwischen jeder Silbe macht sie eine Pause: „Un-fass-bar.“

Dass Peter H. sich an Jugendlichen vergangen hatte, war aus Sicht der beiden Frauen im Ort vielen bekannt. Geredet hätten die Menschen darüber aber höchstens mit engen Freunden.

Bis heute sind den beiden Frauen die Betroffenen nicht bekannt, sie haben nur Vermutungen. Ob es neben den Schülern auch in den Jugendgruppen oder unter den Ministranten sexualisierte Gewalt gab, wissen sie nicht. Auch später sei Missbrauch in der Gemeinde kaum mehr Thema gewesen. „Ich glaube, jeder hat anerkannt, dass er ein guter Mann war in seinen priesterlichen Aufgaben. Was hätte man auch sagen sollen?“, meint Inge Wittner.

Gemeindemitglied Uschi Schäfer erzählt, sie habe auf Granit gebissen, als sie das Thema in der Pfarrei angehen wollte. Auf eine Reihe von Gesprächsversuchen hätten die Menschen abwehrend bis „übel“ reagiert. „Es fühlt sich einfach niemand zuständig“, sagt die 60-jährige Theologin und Therapeutin: „Was das für die betroffenen Jugendlichen bedeutet – das Bewusstsein war überhaupt nicht da. Und damit auch keine Empathie.“

Ein Betroffener beschreibt bei einem kurzen Telefonat das Schweigen ebenfalls als „groß“. Unterstützung hätten er und andere Betroffene keine erfahren. Heute, über 30 Jahre später, sei das Thema für ihn erledigt. Der Mann lebt mit seiner Familie im Ort und möchte anonym bleiben. Danach ist er zu keinem weiteren Gespräch bereit.

Auch der derzeitige Ortspfarrer möchte über das Thema nicht sprechen und verweist ans Erzbistum. Auf eine E-Mail an den Pfarrgemeinderat kommt keine Antwort.

Michaela Huber, Vorsitzende der Unabhängigen Aufarbeitungskommission (UAK) im Erzbistum , findet, Pfarreien sollten proaktiv agieren statt abzuwarten, dass Betroffene handeln. Überforderte, nicht sprachfähige Pfarrer bräuchten von Beginn an die Unterstützung der Diözese und einen Coach, der ihnen bei der Aufarbeitung helfe. Das Erzbistum erarbeite gerade ein Konzept dafür.

Huber hat intensiven Kontakt zu zwei Betroffenen aus Grafing, die zwei weitere kennen. Sie nimmt bei ihnen – auch aus Sorge um ihre Anonymität – eine gewisse Unsicherheit wahr, „dieses Fass in Grafing gegenwärtig aufzumachen“. Da die UAK die Bedürfnisse der Betroffenen obenan stelle, sei sie im Moment nicht dort aktiv. Sie geht aber davon aus, dass es auch in Grafing weitergehen wird, sobald ein Handlungskonzept vorliegt.

Aus Sicht der 59-jährigen Psychologin braucht es ein solches verpflichtendes und an die Bedürfnisse vor Ort angepasstes Konzept für Pfarreien, in denen es nachweislich Missbrauch gab. Man müsse zentral darüber informieren, dass man von bereits bekannten Betroffenen wisse, was zu welchem Zeitpunkt in der Pfarrgemeinde passiert ist – und dass sich weitere Betroffene bei Bedarf melden können. „Ein Problem ist auch“, so Huber, „dass viele Betroffene das Erlebte so tief in ihrem Herzen vergraben haben, dass es nicht mal die eigenen Familienmitglieder wissen.“

Martin Schmitz aus Rhede ist froh über den Aufarbeitungsprozess bei ihm vor Ort. Sich als Betroffener seinem Trauma zu stellen, war für ihn ein wichtiger Schritt aus der Ohnmacht heraus. Der 61-Jährige wünscht sich, dass auf allen kirchlichen Ebenen mehr Menschen das Thema offen behandeln: „Damit auch andere Betroffene nicht allein dastehen. Und damit Kinder folgender Generationen wirklich vor Missbrauch geschützt werden.“