Katholischer Bischof aus Bayern

Wie eine Predigt über die Familie zum Streitthema wurde

Mit dem Weihnachtsfrieden war es für den Passauer Bischof Stefan Oster nach den Feiertagen vorbei. Er hielt eine Predigt zum Thema Familie – die für heftige Debatten sorgt. Besonders in der Queer-Bewegung.

Der Passauer Bischof Stefan Oster (Archivbild)

von Christopher Beschnitt und Barbara Just

Passau. Es begann am Fest der Heiligen Familie und wurde in den folgenden Tagen ziemlich unheilig. „LGBTIQ* zu diffamieren ist nicht Teil der Religionsfreiheit, auch wenn das in Ihrer scheiß Bibel steht, wir werden das nicht mehr zulassen und euch Dreckskatholiken dafür zur Verantwortung ziehen!“ Kommentare wie dieser erscheinen seit dem 27. Dezember auf der Internetseite des Passauer Bischofs Stefan Oster. Der Anlass: eine Predigt Osters an jenem Sonntag nach Weihnachten, dem Fest der Heiligen Familie, an dem die katholische Kirche Jesus, Maria und Josef als Vorbild für ein christliches Familienleben würdigt.

Was Teile der Internet-Community in Aufregung versetzte, waren unter anderem Äußerungen des Bischofs, dass er es für eine Beeinträchtigung halte, wenn Menschen biologisch keine klare Zuordnung zum männlichen oder weiblichen Geschlecht hätten. Diese Menschen seien kein drittes Geschlecht. „Sondern es sind Menschen – selbstverständlich mit aller Menschenwürde und allen Personenrechten ausgestattet –, denen aber schlicht diese Zuordnung zu einem der beiden Geschlechter fehlt.“

Einen Mangel erlitten

Wo Intersexualität vorkomme, erklärte Oster, habe „die Natur die Variante eines Menschen hervorgebracht, dem etwas fehlt“. Fast immer könnten diese Menschen sich nicht fortpflanzen. In der Schöpfung ereigneten sich Abweichungen von normalen Prozessen, „die uns fragend zurücklassen“. So komme es vor, „dass Menschen geboren werden, die einen Mangel leiden, etwa wenn jemand blind geboren wird oder mit einem Herzfehler oder mit einer anderen Beeinträchtigung“.

Foto: Pixabay

Auch zu Transidentität und Homosexualität äußerte sich der Bischof. Letztere betrachte die Kirche nicht in Bezug auf die Neigung, sondern auf das Ausleben im sexuellen Akt als Sünde. Oster betonte, er halte die Kirchenlehre zu Familie, Geschlecht und Sexualität für wahr. Gleichwohl sollten Gläubige „in der Begegnung mit Menschen, die über diese Dinge anders denken und anders leben“, offen und annehmend sein. Denn Gott wolle das Heil jedes Menschen unabhängig von dessen sexueller Orientierung.

Die Reaktionen ließen nicht lang auf sich warten, zumal Oster die Predigt auf seiner Internet- und Facebookseite veröffentlichte. Getreu dem bei seiner Bischofsweihe 2014 geäußerten Appell „Bleiben wir im Gespräch“ ging es kontrovers zur Sache. Da werde eine Minderheit runtergemacht, hieß es. Oster scheine „unter der Beeinträchtigung der mangelnden Empathie zu leiden“. Und: „Diese ständige Fixierung auf die Sexualität nervt echt.“

Offene Fragen angesprochen

Andere verwiesen darauf, dass der Bischof „durchaus Würde und Personenrechte ALLER Menschen“ wahre. In einem weiteren Statement heißt es, es sei schade, dass man seine Meinung zum Thema „Ehe und Familie“ nicht mehr offen aussprechen könne, ohne beschimpft und in die „rechte Ecke“ gestellt zu werden. Der Wiener Bibelwissenschaftler Ludger Schwienhorst-Schönberger lobte: „Mir ist keine Predigt und kein Text vonseiten der Katholischen Theologie und Kirche bekannt, die so präzise die Lehre der Katholischen Kirche in dieser Sache im Kontext der kritischen Anfragen unserer Zeit darlegt und zugleich einige offene Fragen anspricht.“

Das Portal Queer.de dagegen warf dem Bischof vor, die Würde queerer Menschen zu verletzen. Zudem habe sich dieser schon früher „strikt gegen jedwede Anerkennung homosexueller Partnerschaften ausgesprochen“. Daran erinnerten auch der Bayern-Ableger des Lesben- und Schwulenverbandes in Deutschland (LSVD) und der Verein „Queer in Niederbayern“. Beide schrieben offene Briefe an Oster. Tenor: Die Formulierungen seien ausgrenzend, herabwürdigend, ja menschenfeindlich.

Von Zustimmung bis Ausfälligkeit

Oster reagierte. Er veröffentlichte die Schreiben auf seiner Internetseite und nahm ausführlich Stellung, auch diskutierte er bei Twitter und Facebook. Der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) sagte er: „Es gibt ja bei den Kommentaren alles, von größter Zustimmung bis hin zu massiver Ausfälligkeit gegen mich. Ich freue mich, wenn ich mit einigen Menschen in ein vernünftiges und respektvolles Gespräch komme. Mit anderen, wie ich in vielen Kommentaren auf Social Media zu spüren bekomme, ist es im Grunde nicht möglich, sachlich zu argumentieren. Und das besorgt mich.“

Gelernt hat der medienaffine Bischof – früher war er Journalist – aus den jüngsten Ereignissen durchaus, wie er sagt. Nämlich dass er im Blick auf einige Personen empathischer, einfühlsamer hätte sprechen können. Zurückziehen will sich Oster nicht: „Ich bin bereit zum persönlichen Dialog und hoffe, dass der auch zustande kommt. Corona macht es natürlich nicht leichter, denn auch eine Videokonferenz ersetzt den persönlichen Kontakt nicht.“ (KNA)

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