Restaurierter Sarkophag in Schwerin

Wie ein historischer Krimi

Es ist ein weiterer Schritt auf dem Weg Schwerins zum Weltkulturerbe: Der Sarkophag der Großherzogin Auguste im Dom wurde restauriert. Die Mittel dazu kamen aus einem besonderen Spendentopf – eine Geschichte mit Krimipotenzial.

Vor dem Sarkophag (v.l.): Professor Vahé Barsegian, Restauratorin Andrea Grund mit Tochter, Alexander von Solodkoff, Graf Hans Veit zu Toerring-Jettenbach und Mathias Schott

Vor dem Sarkophag (v.l.): Professor Vahé Barsegian, Restauratorin Andrea Grund mit Tochter, Alexander von Solodkoff, Graf Hans Veit zu Toerring-Jettenbach und Mathias Schott

von Tilman Baier

Schwerin. Der erste der großherzoglichen Sarkophage aus dem 19. Jahrhundert im Schweriner Dom ist restauriert. Die Grablege ist Teil des Residenzensembles, mit dem sich Schwerin um den Titel Weltkulturerbe bewirbt. Vor einem Jahr waren die Prunksärge aus ­einer Gruft, in die sie in den 1970er-Jahren verbannt worden waren, an den angestammten Platz in der Heilig-Blut-Kapelle zurückgekehrt. Seitdem hatte die Restauratorin Andrea Grund, unterbrochen durch baubedingte Pausen, den Sarkophag der Großherzogin Auguste restauriert. Die bisherigen Kosten belaufen sich auf etwa 18.000 Euro.

Bei der Feierstunde im Dom erfuhren die Besucher von Hans Veit Graf zu Toer­ring-Jettenbach, woher die Mittel für die Arbeiten stammen. Die Geschichte, die er erzählte, hörte sich an wie ein Krimi, in dem zwei gestreifte Kopfkissenbezüge die Hauptrolle spielen:

Es war im Jahr 1918. Während in Russland noch die Oktoberrevolution in vollem Gange war, meldete sich ein Professor Richard Alexandrowitsch Bergholz bei der Gesandtschaft des Königreiches Schweden in St. Petersburg und übergab dem Konsul einen Koffer. Bergholz, ein bekannter Landschaftsmaler, war Leiter der Gesellschaft russischer Maler, die im 19. Jahrhundert von Großfürst Wladimir gegründet worden war.

Schmuck in alten Kissen versteckt

Großfürst Wladimir, ein Bruder von Zar Alexander II., und seine Ehefrau Maria Pawlowna, eine geborene Herzogin Marie von Mecklenburg-Schwerin, waren leidenschaftliche Sammler von Preziosen des berühmten russischen Goldschmiedes Peter Carl Fabergé und des Pariser Juweliers Cartier. Nach dem Tod Wladimirs 1909 zog sich die Großfürstin Marie Pawlowna in eine Villa im Kaukasus zurück, wo sie die Nachricht vom Zusammenbruch des Zarenreiches erhielt. Eine Rückkehr nach St. Petersburg war ausgeschlossen, sie bat daher zwei Vertraute, sich um die Schmucksammlung zu kümmern. Einer davon war Richard A. Bergholz.

Den Hausangestellten im Palais Wladimir war er bekannt – mit ihrer Hilfe verstaute er eilig die Schmucksammlung in zwei alte gestreifte Kissenbezüge, vermerkte darauf, dass der Inhalt Eigentum der Großfürstin sei, und brachte sie nachts in einem Koffer zur schwedischen Gesandtschaft. Von dort gelangte der Koffer nach Stockholm, wo man den Inhalt inspizierte, auflistete und dann im Außenministerium abstellte.

Inzwischen hatte die sowjetische Regierung Wind davon bekommen und forderte die Auslieferung des Schatzes, was Schweden jedoch ablehnte. Verschiedene Versuche der Rückgabe an das ehemalige Zarenhaus Romanow scheiterten, weil man sich dort nicht einigen konnte, wer denn der Erbe sei – Maria Pawlowna war bereits im September 1920 im französischen Exil gestorben. Koffer und Kopfkissenbezüge samt Inhalt gerieten in Vergessenheit. Erst 2008, als ein Umbau der Archivräume des schwedischen Außenministeriums anstand, kamen sie wieder zum Vorschein.

Spendentopf eingerichtet

Das Außenministerium nahm daraufhin mit dem Urenkel von Wladimir und Maria Pawlowna, Graf zu Toerring-Jettenbach, Kontakt auf. Wie dieser nun im Schweriner Dom berichtete, fuhr er 2009, ausgerüstet mit der Vollmacht von 27 ermittelten Miterben aus verschiedenen europäischen Fürstenhäusern, nach Stockholm, zusammen mit einem Freund, der beim Aktionshaus Sotheby’s arbeitet. „Wir packten nun alles aus, und vor uns lagen die schönsten Zigarettendosen von Fabergé und anderen russischen Künstlern“, so der Nachfahr, dazu eine „Unzahl von Manschettenknöpfen“, alles verziert mit Rubinen und Diamanten. „Wir kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus.“

Weil eine Teilung zwischen den Erben nicht sinnvoll erschien, nahm der befreundete Auktionator die Preziosen mit nach London, wo sie am 30. November 2009 versteigert wurden, mit erheblichem Zugewinn. Er selbst hätte gern eine Zigarettendose mit den Porträts seiner Großeltern ersteigert, so zu Toerring – aber der Zuschlag sei erst bei 300.000 Euro erfolgt. Käufer seien neben Museen vor allem Oligarchen gewesen.

Aus dem Erlös wurde dann auch ein Spendentopf eingerichtet, dessen Inhalt im Sinn der Großfürstin Maria Pawlowna verwendet wird. So sei daraus ein Buch über sie finanziert worden, das der Schweriner Schlossverein unter Leitung von Mathias Schott her­ausgegeben hat, ebenso die Restaurierung eines Bereichs des Sternenhimmels in der Schweriner Schlosskirche – und nun die des Sarkophags der Auguste. Noch warten etliche der großherzoglichen Prunksärge auf ihre Restaurierung. Doch Graf Toerring hatte zum Schluss noch eine gute Nachricht: „Nach einer genauen Untersuchung des Spendentopfes sehe ich hier noch Möglichkeiten.“

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