Wie die „Reling“ Süchtigen Halt gibt

Die Anlaufstelle für Menschen mit Suchterkrankungen in Hamburg-Neustadt verzeichnet immer mehr Zulauf. Inzwischen sind nicht nur die Beratungsräume zu klein.

von Hacht steht vor dem Gebäude mit der Aufschrift „Reling“
von Hacht steht vor dem Gebäude mit der Aufschrift „Reling“

Hamburg. Die ersten Besucher warten schon vor der Tür, wenn die „Reling“ um 10 Uhr ihre Türen öffnet. Die Anlaufstelle für Menschen mit Suchterkrankungen liegt in Hamburg-Neustadt, in einem kleinen Ladengeschäft im Souterrain in der Neustädter Straße 27. Das Team aus Leiter Matthias von Hacht, zwei Sozialpädagoginnen und einer studentischen Aushilfe leistet hier „Hilfe und Beratung bei Krisen, Sucht und Wohnungslosigkeit“, verspricht der Flyer. „Viele kommen tatsächlich mit einem Stapel Briefe und fragen, ob wir mit ihnen ihre Post bearbeiten können“, so von Hacht.

Die meisten kommen mit einem Berg an Problemen. „Wir sortieren dann erst mal und gucken, was die Menschen wirklich brauchen und ob wir ihnen hier vor Ort helfen können.“ Dann macht sich das Team gemeinsam mit den Hilfesuchenden an die Arbeit. „Hilfe zur Selbsthilfe“ heiße das Schlagwort in der Sozialarbeit, sagt von Hacht. Und begründet: „Denn ihnen das abnehmen, ändert ihre Situation nicht.“ Es gehe darum, den Menschen aufzuzeigen, wie sie künftig selbst ihre Probleme lösen.

Auf der Straße unterwegs

Auch durch Straßensozialarbeit macht die „Reling“ auf sich aufmerksam. Mehrmals die Woche besuchen zwei Kolleginnen in der Neustadt und den angrenzenden Stadtteilen bekannte Aufenthaltsorte von Menschen, die Hilfe brauchen. „Wir sind nicht mit einer großen Tasche unterwegs und versorgen die Menschen auf der Straße“, erklärt von Hacht. Es sei wichtiger, das Angebot der „Reling“ vorzustellen und den Betroffenen zu vermitteln, dass sie in der Beratungsstelle etwa Hilfe beim Ausfüllen von Anträgen bekommen oder wenn sie einen Arzt brauchen, aber keine Papiere haben.

Lunchpaket am Dienstag

Ein gutes Einstiegsangebot sei auch das Lunchpaket, das sich dienstags jeder in der Neustädter Straße 27 abholen könne, so von Hacht. Es enthält ein Brot, eine Banane und ein Trinkpäckchen. Es gehe nicht um Versorgung, sondern um den Kontakt. „Beim dritten oder vierten Besuch bei uns bringt derjenige dann doch einen Brief mit, den er nicht versteht“, sagt der Sozialarbeiter.

Auch durch die rund 150 Postfächer, die die „Reling“ anbietet, kommen immer wieder Gespräche zustande. Sie sind für Menschen, die keine Meldeadresse haben, erklärt von Hacht, „doch wenn man einen Job sucht, braucht man eine Adresse“. Um eines der Postfächer zu bekommen, muss lediglich ein Dokument mit Namen und Geburtsdatum mitgebracht werden. Unkompliziert soll es sein, sagt der Sozialarbeiter, „und dann wäre es gut, wenn sie einmal die Woche vorbeikommen oder anrufen und nach ihrer Post fragen“.

Keine Perspektive

Bis zu 30 Menschen kommen jeden Tag in die Reling, Tendenz steigend. „Wir entwickeln eigentlich mit ihnen gemeinsam das Ziel, eine Arbeit und irgendwann auch eine Wohnung zu haben“, sagt von Hacht. Doch eine Wohnung zu finden, sei schwer. Oftmals reiche das Geld bei Menschen mit guten Vollzeitstellen schon nicht für die Mieten in Hamburg. Obdachlose stünden als Letzte in der Kette, „sie fallen im System hinten über“.

Diese Perspektivlosigkeit sei in der Arbeit oft besonders schwer, sagt von Hacht. Hinzu komme, dass das Konzept für das Projekt der Pestalozzi-Stiftung Hamburg eigentlich eine Tagesaufenthaltsstätte, eine Essensausgabe, eine Kleiderkammer und Duschmöglichkeiten vorgesehen habe. Doch seit Beginn der Beratung 2021 gab es nur das kleine Souterrain-Geschäft in der Neustädter Straße. Die Suche nach größeren Räumen sei schwer, sagt von Hacht. Er habe zwar jede Woche Besichtigungen, „doch viele Vermieter oder Investoren können es sich nicht vorstellen, ein Projekt mit Suchtkranken und Obdachlosen aufzunehmen“. (epd)