Lehrer in Niedersachsen suchen neue Wege

Wie das Fach Religon unter Corona leidet

In kleinen Klassen wird eher Mathe und Deutsch als Religion unterrichtet. Deshalb müssen Religionslehrer neue Wege finden – sonst wird das Fach zum Verlierer der Corona-Krise.

Viele Schüler müssen ihre Notizen zuhause machen

von Alexander Nortrup

Hannover/Peine. Der Mann mit der Glatze steht vor einer Backsteinwand, er redet und gestikuliert lebhaft. Dann greift er sich eine Hantel und trainiert scheinbar, hört dabei aber nicht auf, in die Kamera zu sprechen. Wer bei Dirk Bischoffs Videos den Ton nicht einschaltet, würde wohl nicht darauf kommen, dass der 47-Jährige aus Peine gerade als Schulpastor und Religionslehrer spricht. Und dass seine Videos zugleich als Trost und virtueller Religionsunterricht fungieren.

Bischoff hat Youtube und Facebook seit Beginn der Corona-Krise ganz neu für sich entdeckt. Seitdem er seine Schüler der Berufsbildenden Schule in Peine-Vöhrum nicht mehr im Klassenraum trifft, nimmt er eben die Kamera mit in die private Muckibude und auf seine Touren mit dem Motorrad. Dann erzählt bei einer Pause am Straßenrand, dass Vorsicht, Hoffnung und Respekt auf dem Zweirad genauso wichtig sind wie im sonstigen Leben. Unterricht mit Lederkluft und Helm – Bischoffs Botschaften kommen aus dem prallen Leben. „Youtube ist für mich echt ein Freiraum“, sagt der studierte Theologe. „Ich kann das tun, worauf ich Bock habe, nach meinen eigenen Regeln.“

Religion fällt oft aus

Zehntausende von Lehrkräften unterrichten in Deutschland das Fach Religion an allgemeinbildenden oder berufsbildenden Schulen, allein etwa 12.500 sind es in Niedersachsen. Sie alle haben wie Dirk Bischoff im Moment die Aufgabe, den größten Teil ihrer Schüler beim „Homeschooling“ am heimischen Schreib- oder Küchentisch mit den Inhalten ihres Fachs zu erreichen. Während allerdings etwa in den Kernfächern Mathe und Deutsch fleißig Arbeitsblätter ausgefüllt und Wochenpläne abgearbeitet werden, eignet sich Religion nur bedingt für solchen Unterricht. Abhaken und weitermachen – das ist nicht der Stil des Fachs.

„Religionsunterricht lebt vom Austausch und davon, dass man über Dinge diskutiert“, sagt Ingrid Wienecke, Geschäftsführerin des Aktionsausschusses Niedersächsischer Religionslehrerinnen und Religionslehrer. Die Rückmeldungen, die sie von Kollegen bekomme, deuteten momentan auf eine schwierige Situation hin. Der Schulunterricht werde auf die „wesentlichen Fächer“ reduziert, und Religion falle häufig aus.

Religionslehrer Dirk Bischoff nimmt ein Video für Youtube auf Foto: Jens Schulze / epd

Ein weiteres großes Problem: Beim Wiederbeginn des Präsenzunterrichts hat das Fach schlechte Karten, weil die Lerngruppen vielfach klassenübergreifend zusammengesetzt werden. Das Kultusministerium gebietet aber aktuell, die Klassen zusammenzuhalten und die Lernenden möglichst wenig zu mischen. Es gibt Grund zur Sorge, das Fach könne zum Krisenverlierer werden.

Janna Kappei-Ungerer, Lehrerin für evangelische Religion und Latein an der katholischen Privatschule St. Ursula in Hannover, bemerkt beim „Homeschooling“ per Internet deutliche soziale Unterschiede unter den Schülern: „Einige haben große Probleme, etwas auszudrucken, ausgefüllt einzuscannen und zurückzuschicken. Bei anderen leben die Eltern getrennt, und bei einem Elternteil können sie den Computer nutzen, beim anderen nicht.“ Sie persönlich habe durchaus die Vorteile des digitalen Arbeitens zu schätzen gelernt, sagt Kappei-Ungerer: „Aber ich bin auch froh, wenn es wieder ganz normalen Unterricht geben kann.“

Viele kleine „Reli-Snacks“

Die 56-Jährige arbeitet seit 2005 an der kirchlichen Schule, zuvor hat sie an staatlichen Schulen unter einer sehr kritischen Sicht auf ihr Fach leiden müssen: „Teilweise wurde es gar nicht erteilt und kritisch beäugt. Das ist hier ganz anders. Religion ist das Fach, bei dem ich mit den Schülern auch in die Auseinandersetzung gehen kann: Was bedeuten Dinge persönlich für Euch?“ Es gehe nicht nur wissensorientiert zu. Und man suche nicht nach abschließenden Antworten, sondern sei gemeinsam auf der Suche – womöglich genau die richtige Mischung in unsicheren Zeiten.

Dirk Bischoff baut aktuell auf viele „Learning Snacks“: kleine für Smartphone und Computer konzipierte Unterrichtseinheiten, die wie ein Chat funktionieren. Videos, Facebook-Posts und Texte dienen als Impulse, dann wird mit Abstimmungen und im Frage-Antwort-Stil darüber virtuell gesprochen – etwa über die Abwägung, wer in einer Extremsituation im Krankenhaus Zugang zu knappen Beatmungsgeräten bekommen sollte.

Einige Schüler tauchen ab

Bischoff lässt sich Lerntagebücher schicken und gibt immer schriftliches Feedback. Viele Schülerarbeiten zu Corona seien sehr reflektiert und beeindruckend. „Ich freue mich darüber und nutze viele Kommunikationswege. Aber das Ganze stößt an Grenzen.“ Vor allem habe er deutlich größere Schwierigkeiten, auch die Leistungsschwachen zu erreichen: „Da tauchen einige im Augenblick förmlich ab.“ Das habe auch damit zu tun, dass die technische Ausstattung zu Hause bei weitem nicht bei allen gleich gut sei.

Er würde auch dann weiter Videos anbieten, wenn wieder so etwas wie ein Normalzustand erreicht sei, sagt Bischoff. Und sein nächstes Video werde genau diese Frage aufgreifen: Was ist eigentlich normal? (epd)

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