Zur Feier der Baufreigabe war eigens Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl auf den Stuttgarter Killesberg gekommen und hängte den „roten Punkt“ auf. „Mit der Renovierung der Brenzkirche beseitigen wir die Spuren des Nationalsozialismus“, sagte Gohl. Ein Großprojekt soll die Umgestaltung der Kirche durch die Nazis rückgängig machen.
Es sei „eine hochaktuelle Geste, dass wir uns dem Ungeist entgegenstellen“, betonte Gohl. Wie die Finanzierung des Acht-Millionen-Bauprojekts zusammenkam, sei für ihn „ein echtes Wunder“. Ein Teil dieses Wunders ist der Förderverein der Brenzkirche, er hat sich ein Spendenziel von einer Million Euro gesetzt. Die Evangelische Kirche in Stuttgart beweist mit dem Umbauprojekt viel Mut. „Es wird noch gebaut in der evangelischen Kirche“, sagte Stadtdekan Søren Schwesig. „Menschen, die bauen, tun das, weil sie Hoffnung in die Zukunft setzen.“
Für die IBA’27 – Internationale Bauausstellung 2027 ist die Brenzkirche eines von drei Kirchenprojekten. „Dies ist ein spannendes Gebäude“, sagte deren Intendant Andreas Hofer dem Evangelischen Pressedienst (epd). Nach den Prinzipien der neuen Sachlichkeit gebaut, wurde die nach Württembergs bedeutendem Reformator Johannes Brenz benannte Kirche am 2. April 1933 eingeweiht. Als einladender, weißer Sakralbau erinnerte sie baulich an die nahe, 1927 gebaute Weissenhofsiedlung.
Sechs Jahre nach der Einweihung kam die nationalsozialistische Gleichschaltung. Eine moderne Kirche so nahe am Haupteingang der Reichsgartenschau 1939 sei den Gästen nicht zuzumuten, befanden die Nazis. In nur vier Monaten wurde das Flachdach zum Satteldach, der offene Glockenstuhl zum gewöhnlichen Kirchturm. Die markante abgerundete Ecke, welche die Besucher zuvor zum Eingang geführt hatte, wurde überstülpt.
Die Brenzkirche sah damit nicht nur unharmonisch und abweisend aus, sie war es fortan tatsächlich: Gemeindemitgliedern mit jüdischen Wurzeln war der Zutritt zur arisierten Kirche untersagt. Die Kirchengemeinde trug die Verunstaltung willig bis begeistert mit.
Nach Bombenschäden im Zweiten Weltkrieg wurde die Brenzkirche 1947 wieder aufgebaut, in den 1950er- und 1960er-Jahren gab es weitere Renovierungen. Seit 1983 steht die Brenzkirche unter Denkmalschutz, als anschauliches Zeugnis des Kampfes, der im Dritten Reich gegen die moderne Kunst und das moderne Bauen geführt wurde. Der Denkmalschutz führte zu einer Konservierung, aber bisher auch zum Stillstand.
Passt solch ein Bau noch zu einer weltoffenen Kirchengemeinde? Nein, befand die Evangelische Gesamtkirchengemeinde Stuttgart. An deren Architekturwettbewerb zur Neugestaltung der Brenzkirche nahmen 15 der 16 eingeladenen namhaften Architekturbüros teil. Das Konzept von Wandel Lorch Götze Wach aus Frankfurt am Main überzeugte die Jury am meisten. Es ist ein „zurück in die Zukunft“.
Die Visualisierung der neuen Brenzkirche erinnert stark an 1933. Die runde Ecke und das Flachdach kehren zurück, doch die Ansichten sind nicht identisch. Es ist weit mehr als ein Rückbau, und die Spuren der Zeitgeschichte bleiben sichtbar. So sind die ehemaligen Dachgiebel in der Mauerstruktur weiterhin zu sehen. Innen kehrt die räumliche Asymmetrie zurück, die Westseite erhält bodentiefe Glastüren.
„Prüft alles und behaltet das Gute“, zitierte Brenzkirchenpfarrer Karl-Eugen Fischer, dessen Hartnäckigkeit das Bauprojekt mit voranbrachte, die Jahreslosung 2025. Bei der Brenzkirche hätten sehr viele Stellen – Denkmalamt, IBA’27, Baurechtsamt und andere – sehr lange und gründlich geprüft. Für 2026 gelte nun aus der neuen Jahreslosung: „Siehe, ich mache alles neu!“
Denn der Einweihungstag steht bereits fest, es ist der 24. April 2027. Dann soll, 94 Jahre nach der Ersteinweihung, die Brenzkirche endlich wieder so und vor allem so einladend aussehen, wie sie ursprünglich gedacht war. Und zwar für alle, also für die gesamte Stadtgesellschaft, die den Umbau derzeit so engagiert unterstützt. (3291/17.12.2025)