Kirchenmusik in der Corona-Krise

Wenn die Orgel still bleibt

Eineinhalb Jahre Corona-Einschränkungen haben Spuren in der Kirchenmusik hinterlassen. In einer Hamburger Gemeinde soll eine Zukunftswerkstatt Perspektiven aufzeigen.

Die Arp-Schnitger-Orgel in Hamburg-Neuenfelde

von Johanna Tyrell

Hamburg. Orgel statt Oratorien, Livestream statt Livegesang – monatelang herrschte Stille im kirchlichen Kulturspektrum. Nun geht es langsam wieder los. Doch wie vorher ist es nicht. „Ursprünglich haben bei uns weit über 100 Menschen in den verschiedenen Gruppen musiziert“, erzählt Kirchenmusikerin Sabine Meierkord. Aktuell käme rund ein Viertel von ihnen zu den Proben. „Einige sind krank gewesen, einige haben entschieden aus Altersgründen aufzuhören. Andere trauen sich noch nicht wieder.“

Seit 30 Jahren arbeitet Sabine Meierkord in der Gemeinde Meiendorf-Oldenfelde im Hamburger Nordosten. Vom Einzugsgebiet her die zweitgrößte Gemeinde der Stadt. Verschiedene Chöre, Orchester, Posaunengruppe, Flötenensemble und Band – zusammen mit David Fódor kümmert sie sich um die vielen verschiedenen Gruppen.

Auf Abstand

Nach dem ersten Lockdown habe erst einmal gar nichts stattgefunden. Man habe zwar Kontakt gehalten, aber so richtig ginge es erst seit dem Sommer wieder los. Unter Auflagen. So müssen die Chormitglieder in den Proben untereinander zweieinhalb Meter Abstand halten. „Gerade bei älteren Menschen ist das schwierig. Die hören dann ihre Nachbarn nicht“, erzählt die Kantorin. Dabei sei es gerade diese Altersgruppe gewesen, bei der die Sehnsucht nach den allwöchentlichen Proben besonders groß gewesen sei.

Ganz plastisch stellten die Teilnehmer ihre Visionen von Kirchenmusik dar Foto: Privat

„Für die Nachwuchschöre ist es am schwierigsten. Für Kinder sind eineinhalb Jahre eine so lange Zeit, dass sie sich manchmal schon gar nicht mehr erinnern“, erzählt Meierkord. Auch Landeskirchenmusik­direktor Hans-Jürgen Wulf sieht besonders hier die Folgen von Lockdown und Pandemie. „Bei den Knabenchören hat es eine so große Lücke in der Nachwuchsbindung gegeben, dass nun ein ganzer Jahrgang zu fehlen droht“, berichtet er.

Hinzu käme die lähmende Ungewissheit, ob nicht schon bald wieder neue Corona-Maßnahmen Projekte zunichtemachen. Neben dieser Perspektivlosigkeit sei in der Kirchenmusik aber auch zunehmend ein Unmut zu vernehmen, dass in anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens die Einschränkungen inzwischen stark gelockert würden, im Amateurmusikbereich jedoch nicht.

Was sich verändert hat

Dennoch erlebe er mindestens ebenso viel Aufbruchsstimmung in der Hamburger Kirchenmusikszene. „Das Lähmende liegt in den äußeren Bedingungen. Ich persönlich glaube, dass wir nicht geschwächt aus der Situation hervorgehen, sondern sich vielmehr gezeigt hat, wie wichtig die Musik ist“, so Wulf.

In mancherlei Hinsicht haben die vergangenen Monate die Kirchenmusik jedoch verändert. „Der Fokus hat sich von Konzerten hin zu Auftritten von kleinen Ensembles in Gottesdiensten verschoben“, so Wulf. Damit habe sich auch das Repertoire verändert. Und durch das lange Singverbot sei der Stellenwert der Instrumentalmusik, insbesondere der Orgel, gestiegen.

Pläne geschmiedet

Die Gemeinde in Meiendorf-Oldenfelde hat auf diese Situation mit einer Zukunftswerkstatt reagiert. „Manchmal ist es ein bisschen einsam als Chorleiter, wenn man nach der Probe nicht zusammen in die Kneipe gehen kann“, so Meierkord. Es fehle das Feedback der Sänger. Das gemeinsame erschaffen von Visionen. Im März bewarb sich die Gemeinde beim „Bundesmusikverband Chor und Orchester“ und erhielt einen Zuschuss für die Werkstatt.

„Es war schön einmal aus der Isolation herauszukommen und gemeinsam Pläne zu schmieden“, so Meierkord. Pläne wie einen „Entdeckertag der Kirchenmusik“, bei dem Menschen aus dem Stadtteil die Facetten der Kirchenmusik und den Instrumenten-Fundus der Gemeinde entdecken könnten. Oder nach draußen gehen mit Open-Air-Singen zum Mitmachen. Nun hoffen Sabine Meierkord und ihre Musiker, dass diese Pläne bald in die Tat umgesetzt werden können.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren