Was ist eine Stadtkirche wert?

Alles, was Kirchengemeinden besitzen, hat einen Wert. Sogar eine denkmalgeschützte Stadtkirche. Aber wie hoch ist dieser?

File source: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Preetz_Kirche_von_S%C3%BCdosten.jpg
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Hamburg/Kiel. „Unsere Stühle haben wir noch nicht gezählt und auch wie viel unsere Kirche wert ist, wissen wir noch nicht“, sagt Nils Wolffson. Er ist Pastor in der Kirchengemeinde Zarpen bei Lübeck. Seit vergangenem Jahr rechnet seine Gemeinde, wie alle Gemeinden der Nordkirche mit der Doppelten Buchführung, kurz Doppik, ab.

Die Doppik erfordert ein Umdenken

„Wir haben immer von der Hand in den Mund gewirtschaftet“, erklärt Wolffson. Doch statt nur die Ausgaben und Einnahmen gegenüberzustellen und ein etwaiges Minus aus Rücklagen auszugleichen, wie es bisher in der klassischen Kameralistik der Fall war, ist nun nicht mehr. Mit der Umstellung wird jeglicher Besitz einer Gemeinde – seien es Kirchen, Gemeindehäuser oder Fahrzeuge – bewertet. Jahr für Jahr muss die Gemeinde dann dafür prozentual Geld zurücklegen, das heißt abschreiben. Doch auf die Frage „Was haben wir?“ gibt es in Zarpen noch keine Antwort.

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Ebenso in der Kirchengemeinde Preetz. Hier leitet Gernot Weimar den Finanzausschuss des Kirchengemeinderats. Der Betriebswirt ist gerade dabei, den zweiten Haushalt für die Gemeinde zu erstellen. Seit Mitte 2020 verwaltet diese ihre Finanzen nach den Regeln der Doppik. „Am Anfang war das schon eine ziemlich steile Wand, vor der wir da standen“, erinnert er sich. So manchen Abend habe er damit verbracht, sich in die Eigenarten der kirchlichen Doppik einzuarbeiten. Viele Kontakte mit der Kirchenverwaltung seien gefolgt.

Irgendwann sei der Schrecken verschwunden

Doch eines bleibt: „In manchen Dingen passt die Doppik nicht auf die Bedürfnisse der Kirche. Da hätte die die klassische Kameralistik ausgereicht“, sagt er inzwischen. Doppik sei zwar für eine Gesamtbewertung sicherlich gut, „aber wir stehen ja nicht im wirtschaftlichen Wettbewerb zueinander­, sondern gestalten Gemeindearbeit“, sagt er. Durch die Bilanzierungsrichtlinien würden die Handlungsspielräume doch sehr eingeschränkt.

Besonders die verpflichtenden Abschreibungen und Rücklagenbildungen sind ihm ein Dorn im Auge. Denn: „Was ist so eine Stadtkirche wert?“ fragt Betriebswirt Weimar. Schließlich sei sie ja keine „normale“ Immobilie, sondern einzig und allein zum Gottesdienst feiern da. „Wenn so eine Kirche nun mit 5 Millionen Euro bewertet wird und wir 1,75 Prozent dieses Wertes jedes Jahr als Abschreibungen zurück­legen müssen, dann sind das 87 500 Euro im Jahr. Da bleibt für die Gemeindearbeit nicht mehr viel übrig“, rechnet Weimar vor.

Das Geld sei zwar nicht weg, aber eben auch nicht für die Arbeit mit und an Menschen verfügbar. Auf dem Papier droht der Kirchengemeinde dann zunehmende Handlungsunfähigkeit bis hin zur Verschuldung. „Und was ist dann die Folge?“, fragt er und lässt die Frage offen im Raum stehen. Außerdem: „Das passt nicht in unser protestantisches Grundverständnis. Wir sind von unten her organisiert­. Diese Art der Verwaltung stellt alles auf den Kopf“, sagt Weimar­.

Nur noch Geld für Blumensträuße

Mit der Doppik lasse sich viel mehr darstellen, erklärt Olaf Thomsen, stellvertretender Leiter der Finanzabteilung im Kirchenkreis Hamburg-Ost. Wenn eine Kirchengemeinde beispielsweise einen Bus aus ihren Rücklagen kauft, dann ist die Liquidität erstmal weg. Aber da ist ja nun der Bus. Die 30 000 Euro erscheinen nun also nicht mehr in den finanzgedeckten Rücklagen, sondern im Eigenkapitalkonto. Die Gemeinde ist also nicht ärmer, das Geld jedoch gebunden.

Der Kirchenkreis Hamburg-Ost war einer der ersten Kirchenkreise der Nordkirche, der die Umstellung auf Doppik vollzogen hat. Nachdem der Kirchenkreis 2009 aus drei Kirchenkreisen und einer Verwaltungsstelle entstand, sah sich die Verwaltung vier verschiedenen Buchungssystemen gegenüber. Bis 2013 war die Umstellung vollzogen. „Für uns war das damals eine logische Konsequenz“, sagt er. Heute verwalten knapp 30 Mitarbeiter die Finanzen der 200 Kirchengemeinden, Einrichtungen, Stiftungen und Friedhöfe. Das sind weit über 400 Girokonten, so Thomsen.

Die Gemeinden selbst verwalten nur noch eine Barkasse, um beispielsweise Blumensträuße oder Briefmarken zu kaufen. Belege über größere Beträge schicken die Gemeindebüros direkt ins Verwaltungszentrum, wo diese dann gebucht würden. Künftig soll auch dies wegfallen und die Belege gleich eingescannt werden. „Kirchengemeinden und Kirchenkreis haben beide etwas davon. Und wenn man über den vorgegebenen Pflichtkatalog hinaus geht, können Gemeinden noch mehr entlastet werden“, sagt Thomsen. Sei es bei der Entwicklung neuer Tools, um digitale Spenden zu ermöglichen. „Wir müssen die Gemeinden mitnehmen“, sagt Thomsen. Durch die Umstellung auf die Doppik haben Gemeinden einen besseren Zugang zur Buchhaltung gegenüber der Kameralistik, so Olaf Thomsen.

„Für die Ehrenamtlichen ein Segen“

„Es ist ein Umdenken“, sagt Nils Wolffson. Er selbst sei in einer Kirche aufgewachsen, die kameral denke. Im Kirchengemeinderat sei das umgekehrt. Seine Mitglieder hätten sich früher ers in die kirchliche Buchführung einarbeiten müssen. „In landwirtschaftlichen Betrieben und überhaupt der Wirtschaft nutzt man schon lange die Doppik“, erklärt der Zarpener pastor. „Für unsere Ehrenamtlichen ist die Umstellung ein Segen. Er selbst bekäme manchmal noch „einen Knoten in den Kopf“, sagt Wolffson. Aber es werde besser. „Ich weiß noch nicht ganz genau, wie pleite wir sind“, sagt Wolffson. Schlaflose Nächte hätte er deswegen jedoch nicht.